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Befreiung des KZ Dachau:"Ein Kampf gegen die Relativierung dieser Verbrechen"

Befreiungsfeier

Geschützte Erinnerung: Ein Blumenstrauß liegt in Folie eingepackt auf einem Block in der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Befreiungsfeiern in Dachau stehen im Zeichen fundamentaler Angriffe auf die Erinnerungskultur. Zeitzeugen wehren sich.

Am Samstagabend radelt ein Fahrradfahrer am Mahnmal des Todesmarsches in der Theodor-Heuss-Straße vorbei, wendet den Kopf und wird langsamer. Dort drängen sich Menschen unter Regenschirmen. Gegen das Prasseln des Regens spielen zwei Musiker mit Flöte und Gitarre an - mal ruhig und trauernd, mal schnell und aufwühlend. Dann spricht Dana Bloch.

Es sind dies die persönlichsten Worte der Gedenkfeier. Bloch ist die Enkelin von Abba Naor. Im April 1945 schickten die Nazis den damals 17-Jährigen zusammen mit 9000 anderen KZ-Häftlingen auf den Todesmarsch in Richtung Süden. Mehr als 1000 Menschen starben dabei.

An meheren Orten in Dachau gehen Gendenkfeiern anlässlich der Befreiung des KZ über die Bühne

Naor überlebte und tritt seitdem für die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und das Gedenken an die Opfer ein. Heute ist er 91 Jahre alt. Der Vizepräsident des Internationalen Dachau Komitee (CID) lebt in Israel und muss aufgrund von gesundheitlichen Problemen die Feierlichkeiten in Dachau heuer auslassen. Erstmals nimmt Dana Bloch ohne ihren Großvater an dem Gedenken teil. "Das symbolisiert für mich all das, was ich am meisten fürchte", sagt sie. Sie fürchte, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da seien, würden ihre Geschichten vergessen, das Persönliche zur Seite gelegt, sodass nur noch kalte Fakten blieben. "Doch keine historischen, kalten Fakten können das schildern, was der einzelne Mensch durchgehen musste: die Angst, die Gedanken, die Träume und Wünsche."

In Dachau sind am Wochenende die Gedenkfeiern anlässlich des 74. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers über die Bühne gegangen. Diese stehen im Zeichen eines Umbruchs: Die Zahl der Zeitzeugen schwindet. Zudem sieht sich die Erinnerungskultur fundamentalen Angriffen ausgesetzt. "Unser Erinnern ist ein Kampf gegen das Vergessen sowie die Relativierung und das Ausblenden dieser Verbrechen und der daraus erwachsenden Verantwortung", sagt der Holocaust-Überlebende Ernst Grube. Vor dem Hintergrund eines wiedererstarkten Judenhasses ruft auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) dazu auf, "Antisemitismus, Antiislamismus und Rassismus entgegenzutreten - in der Politik und im alltäglichen Leben." Rechtspopulisten in ganz Europa definierten wieder neu, wer "die Anderen" seien.

Befreiungsfeier

Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch hielt eine Rede.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Aufbereitung des Geschehenen und der einzelnen Schicksale sollen dem Fremdenhass entgegentreten. Der Psychiater Michael von Cranach erinnert bei der Gedenkfeier am Todesmarsch-Mahnmal an die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie", rund 270 000 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden unter der NS-Herrschaft von Ärzten und Krankenschwestern ermordet - erst 2010 entschuldigte sich die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie für diese Taten, erst 2017 gedachte der deutsche Bundestag dieser Opfergruppe. Der Euthanasieerlass von 1939 ermächtigte Ärzte, Schwerkranke nach der Untersuchung "den Gnadentod zu gewähren", sie wurden zu Tausenden von Heil- und Pflegeanstalten in Tötungsanstalten getrieben und ermordet. Die Nationalsozialisten hätten mit "der Euthanasiereform eine Tür geöffnet, die scheinbar schon Jahre zuvor in den Köpfen von Ärzten und Politikern gewesen sein muss".

Am Mahnmal des Todesmarsches spricht der Holocaust-Überlebende Erich Finsches mit Dana Bloch, der Regen hat nachgelassen. Eine Stunde lang hatte der 92-Jährige in der ersten Reihe gestanden, an der linken Hand eine Gehhilfe, hinter ihm eine Bank, auf der er hätte sitzen können, doch er hörte den Reden aufrecht stehend und aufmerksam zu. Er freue sich, Dana Bloch kennenzulernen, vor allem über ihren Kampfgeist und Tatendrang. Dana Bloch will den Weg ihres Großvaters, ihres "Helden", weitergehen, seine Geschichte verbreiten und dafür sorgen, dass die Shoah niemals vergessen werde. "Dafür brauche ich Sie alle", sagt sie mit fester Stimme zu den Anwesenden und fragt: "Sind Sie bereit?"

Am Sonntagmorgen hat sich eine für Anfang Mai ungewöhnliche Kälte über das Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau gelegt

Am Sonntagmorgen hat sich eine für Anfang Mai ungewöhnliche Kälte über das Gelände der KZ-Gedenkstätte gelegt. Die Besucher der Gedenkfeier anlässlich des 74. Jahrestags der Befreiung blicken am ehemaligen Appellplatz verwundert auf ein riesiges Stahlgerüst an der Stelle, wo sich eigentlich das Mahnmal befindet. Dieses ist zur Sanierung abgebaut und nur per Foto auf einer Leinwand zu sehen, die vor das Gerüst gespannt ist. Hier am Appellplatz werden die Anwesenden später mehr als hundert Kränze niederlegen zu Ehren der mehr als 200 000 Häftlinge im KZ Dachau, von denen 41 000 ermordet wurden. Zuvor aber findet am jüdischen Mahnmal eine Gedenkfeier statt. Dabei weist Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf die Bedeutung des Grundgesetzes hin, dessen Mütter und Väter Lehren aus den Nazi-Gräueltaten gezogen hätten. Doch besorgt fragt er sich, ob unsere Grundrechte "im Alltag noch uneingeschränkt" gelten.

Schuster sieht einen "wachsenden Einfluss von Rechtspopulisten und Nationalisten in unserem Land und in Europa", welche die NS-Zeit "verharmlosen und relativieren". Besonders erschreckend für ihn sei, "dass ihre perfide Propaganda bei nicht wenigen Menschen verfängt", sagt er mit Blick auf Neonazi-Aufmärsche, wie am 1. Mai im sächsischen Plauen. Darum sei es wichtiger denn je, "klare Kante gegen Rechtsextremismus zu zeigen".

Gedenkfeier

Am Mahnmal wurden Blumenkränze niedergelegt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch Charlotte Knobloch zeigt sich erschrocken darüber, "wie leicht unsere demokratischen Freiheiten im Zweifel in Gefahr geraten können". Sie nennt konkret die AfD, die sich in den Parlamenten festgesetzt habe und von dort aus die politische Debatte vergifte. Mitten in ihrer Rede gibt es Beifall, als sie erklärt, dass wer "Arm in Arm mit Neonazis marschiert" und "mit Antidemokraten aus ganz Europa gemeinsame Sache macht", nicht Teil der demokratischen Gesellschaft sein dürfe.

In Eiseskälte beginnt am Krematorium die zentrale Gedenkfeier mit einem symbolischen Akt, als Dachaus OB Florian Hartmann weiße Rosen an Schüler des Josef-Effner-Gymnasiums verteilt. In seiner Ansprache drückt er den anwesenden Überlebenden seine Hochachtung aus, da sie Zeitzeugen seien, "die wir in Zeiten von Geschichtsrevisionismus und Geschichtsvergessenheit so dringend brauchen". Auch der OB weist auf den "erstarkenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus" hin und appelliert an die Akteure in Politik und Gesellschaft "sich immer wieder aufs Neue für die Verteidigung der universellen Grund- und Menschenrechte einzusetzen".

Der französische KZ-Überlebende Jean Samuel ruft dazu auf, wachsam zu sein. In ganz Europa wachse die Gefahr durch antisemitische und nationalistische Bewegungen. Doch ist er zuversichtlich, dass "die Generation unser Kinder und Enkelkinder die Werte verteidigt, für die wir gekämpft haben". Die mehreren Hundert Teilnehmer der Feier, die sich von der Kälte nicht abschrecken ließen, ziehen nun - umgeben von den Fahnen der Herkunftsländer der Häftlinge - zum Appellplatz.

Befreiungsfeier

Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann nimmt in seiner Rede auch die Gesellschaft in die Pflicht, die Erinnerung wach zu halten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In ihrer Begrüßungsrede betont Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann die Bedeutung Europas, das für viele Überlebende das wichtigste Friedensprojekt gewesen sei. "Prinzipien wie die politische Gleichheit aller Menschen, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Schutz von Minderheiten" seien für sie "der Gegenentwurf zu den Erfahrungen und dem Leiden in Dachau".

Es hat Tradition, dass auch ein Vertreter der bayerischen Staatsregierung bei der Befreiungsfeier spricht. In diesem Jahr ist es Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), der ebenfalls das Friedensprojekt Europa in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt. Als ein erfolgreiches und wichtiges Instrument zur Erhaltung dieses Projekts bezeichnet er den Schüleraustausch und die vielen Schulpartnerschaften, durch die junge Menschen sich begegnen und die Kultur anderer Länder kennenlernen. Für diese Jugendlichen seien auch KZ-Gedenkstätten "als außerschulische Lernorte unverzichtbar". Mahnende Worte richtet Jean-Michel Thomas, der Präsident des Comité International de Dachau, an die Besucher: "Angesichts des Willens, die Vergangenheit zu ignorieren oder zu verharmlosen, ist es umso wichtiger, die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten."

"Die Zeitzeugen werden immer weniger"

Zwei Kilometer nördlich des Appellplatzes trötet ein Posaunist am Sonntagnachmittag einen schwermütigen Klang über den ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen. Die Nazis erschossen hier zwischen 1941 und 42 mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene. Sie zwangen die Soldaten, sich nackt auszuziehen und fesselten sie in Fünfergruppen an Pfosten. Dann richteten sie ihre wehrlosen Opfer hin. Jetzt, mehr als 77 Jahre später, haben sich etwa 40 Menschen an der Gedenkstätte versammelt und legen Rosen an einem Mahnmal nieder, während der Posaunist in das Blech bläst. Ernst Antoni von der Lagergemeinschaft sagt am Rednerpult, dass es heuer unmöglich gewesen sei, einen ehemaligen russischen KZ-Häftling nach Dachau zu holen. "Die Zeitzeugen werden immer weniger." Diejenigen, die noch lebten, könnten oft solch lange Reise nicht mehr auf sich nehmen.

Befreiungsfeier

Auch Ernst Grube hat den Holocaust überlebt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der 86-jährige Ernst Grube ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Als Jugendlicher deportierten ihn die Nazis ins Ghetto Theresienstadt. Heute ist Grube Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, die ehemalige KZ-Häftlinge nach dem Krieg gründeten. Auf dem früheren SS-Schießplatz mahnt und kritisiert Grube etwa, dass der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland mit seinen Äußerungen nationalsozialistische Verbrechen verharmlose. Außerdem verweist er darauf, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken müssten, weil ihnen die Seenotrettung verwehrt werde. "Wenn wir aufhören, uns gegen die Verletzung von Menschenrecht zu stellen und die Zerstörung des Asylrechts zulassen, geben wir die Errungenschaften der Befreiung von Faschismus und Krieg preis."

Dachau Der Hass ist zurück
74. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

Der Hass ist zurück

74 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau wird das Gedenken an die Naziopfer überschattet von einem zunehmend enthemmten Antisemitismus und der Wiederkehr völkisch-nationalistischen Denkens.   Von Helmut Zeller