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Kranzniederlegung:Gegen die Kälte

In der Nacht auf den 9. November 1938 wurden 15 jüdische Bürger aus Dachau vertrieben, einige von ihnen später von den Nationalsozialisten ermordet. Auf der Gedenkfeier im Rathaus mahnen ihre Nachfahren, nicht zu vergessen

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Die Kälte dieser Novembernacht will man draußen halten. Für ein paar Nachzügler wird die Tür zum Foyer des Dachauer Rathauses noch vorsichtig geöffnet, ein Klacken, ein kalter Windhauch, innen sitzen die Gäste der Gedenkfeier bereits eng aneinandergereiht und unter hellster Beleuchtung. Geigen spielen. In diese Wärme holt Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) mit nur wenigen Worten die Kälte jener Novembernacht vor 81 Jahren zurück - die brennenden Synagogen, die willkürlichen Enteignungen, die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger während der Novemberpogrome.

In die Stille des Raumes hinein erinnert Hartmann an die Namen derer, die in der Nacht auf den 9. November 1938 aus Dachau vertrieben wurden. Fünfzehn jüdische Bürgerinnen und Bürger, einige von ihnen wurden später in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgebracht. Dass an diesem Abend die Nachfahren der Familie Wallach als Ehrengäste nach Dachau zurückgekehrt sind, sei für die Stadt Dachau "ein großes Glück und eine große Ehre".

Die Familie Wallach betrieb in Dachau eine große Trachtenfabrik, hier wurden die Stoffe produziert, die später in ihrem Trachtengeschäft auf der Münchner Residenzstraße verkauft wurden. Es waren die drei Wallach-Brüder Max, Moritz und Julius, die zu dieser Zeit die Tracht aus den ländlichen Regionen in München und später weltweit salonfähig machten. Max Wallach lebte mit seiner Frau Melitta und Sohn Franz in Dachau, bis sie 1938 vertrieben wurden. Durch die Novemberpogrome wurde die große Familie Wallach in alle Richtungen verstreut; Moritz und Julius konnten mit ihren Familien ins Ausland fliehen. Max und Melitta Wallach wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Von den Dachauer Wallachs überlebte einzig Sohn Franz, der vor Kriegsbeginn mit einem Kindertransport nach England emigrieren konnte. Seitdem nannte er sich Frank Wallace.

Seine Söhne, Paul und Mark Wallace, sind an diesem Abend im Dachauer Rathaus zu Gast und erzählen all das, was sie mittlerweile über ihre Familiengeschichte herausgefunden haben. Auch die Mutter der beiden, Ruth Wallace, war durch einen Kindertransport nach England gekommen - als sie und Frank Wallace sich begegneten, heirateten sie kurz darauf und gründeten eine Familie. "Eine winzige Familie", wie Paul sagt. Denn über die Vergangenheit konnten die Eltern bis ins hohe Alter nicht mit ihren Kindern sprechen - und das sei in jedem Teil der über den Globus verstreuten Wallach-Familie genauso gewesen, wissen die Brüder heute. Die Nationalsozialisten hatten ihre Großeltern ermordet und ihre Familie auseinandergetrieben - "warme Familienfeiern mit Verwandten kannten wir nicht." Dann zeigen sie ein Bild von 2007 in München: Durch die Recherchen zu ihrer Familiengeschichte hatten sich die Nachkommen wiedergefunden, stehen hier vereint auf einem gemeinsamen Foto.

Die Großeltern von Paul und Mark Wallace (von links) wurden von den Nationalsozialisten ermordet, ihre Familie auseinandergetrieben.

(Foto: Toni Heigl)

Am Ende lässt man die Kälte doch hinein, öffnet weit die Flügeltüren des Rathauses. Vorher wird Paul Wallace sagen, er sehe Parallelen zwischen der Situation damals und der heutigen, globalen Situation. Ob die Welt wirklich vergessen habe, dass der Schrecken des Holocausts aus dem Populismus heraus erwuchs? Oder wolle sie diese Entwicklungen schlichtweg nicht sehen? Den Menschen, die sich an diesem Abend im Dachauer Rathauses versammelt hatten, sei der Terror der Nationalsozialisten bewusst, es gebe das Wissen und die Achtsamkeit. "Aber offensichtlich gilt das nicht für alle Weltbürger da draußen", sagt Paul Wallace. Die Gäste strömen in dicken Jacken und Mänteln nach draußen, und als der Kranz vor der Gedenktafel für die jüdischen Bürger der Stadt niedergelegt wird, schneidet der Klang der Geigen durch das Dunkel der Novembernacht.

© SZ vom 11.11.2019

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