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KZ-Gedenkstätte:Moderator Georg Restle und Kevin Kühnert warnen in Dachau vor der AfD

Seit mehr als 65 Jahren erinnert der Deutsche Gewerksschaftsbunds (DGB) mit einer Gedenkveranstaltung an die Reichspogrome.

(Foto: Toni Heigl)

Auf der Gedenkfeier der DGB-Jugend warnen Monitor-Moderator Georg Restle und Juso-Chef Kevin Kühnert vor der AfD.

"Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung", steht auf dem Mahnmal, das gegenüber dem Krematoriumraum des ehemaligen KZ Dachau liegt. Jenem Ort, an dem die Nazis unvorstellbare Grausamkeiten begingen und unzählige Menschen in den Tod schickten. Am Sonntag, mehr als 80 Jahre später, steht Georg Restle, der Redaktionsleiter des WDR-Politmagazins Monitor vor dem Krematorium und redet gegen das Vergessen an. Er spricht über die Dringlichkeit von Erinnerungsarbeit in der heutigen Zeit und von der Gefahr, dabei "nicht in Ritualen zu erstarren". Dies hat sich auch die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zur Aufgabe gemacht. Seit mehr als 65 Jahren erinnert der DGB mit Gedenkveranstaltungen an die Reichspogrome 1938, jener Nacht vom 9. auf den 10. November, als die Nazis damit begannen, Juden in Deutschland und Europa gezielt zu vernichten.

So will der DGB auch in diesem Jahr erinnern. Vor mehr als 200 Zuhörern hält der Journalist Georg Restle eine bemerkenswerte Rede. Es falle ihm nicht leicht, heute hier, am Krematorium, zu sprechen, einem Ort, an dem man doch lieber schweigen solle, sagt Restle. Und dennoch, eine Kultur der Erinnerung sei niemals so dringlich wie heute. Restle warnt vor einer zunehmenden Ausbreitung faschistischer Didaktik, dem Versuch der AfD, "die Grenzen des Sagbaren immer und immer weiter zu verschieben". Restle sagt weiter: "In Thüringen bekommt eine Partei ein Viertel der Wählerstimmen, für deren Vorsitzenden die Nazi-Zeit nur ein Vogelschiss in der Geschichte ist". Diese Worte hatte der Partei- und Fraktionschef der AfD, Alexander Gauland, im vergangenen Jahr gebraucht.

Kevin Kühnert: "Der schleichende Einzug des Vergessens ist eine Gefahr"

Auch der aktuelle Versuch einiger Thüringer CDU-Funktionäre, sich der AfD anzunähernd, verurteilt Restle scharf. "Es ist erschreckend, wie weit das Vergessen fortgeschritten ist". Man müsse sich im Klaren darüber sein, dass Politiker der AfD nicht mehr seien als "faschistische Wölfe im Schafspelz der Demokratie".

Die Zuhörer legen Kränze und Rosen nieder am Mahnmal vor dem Krematorium. Auch Kevin Kühnert, der Bundesvorsitzende der Jusos, ist unter ihnen. Er ist sichtlich ergriffen. "Der schleichende Einzug des Vergessens ist eine Gefahr", sagt er im Gespräch mit der SZ. Während den diesjährigen Landtagswahlkämpfen im Osten, die Kühnert hautnah miterlebt hat, sei er auf eine gefährliche Entwicklung aufmerksam geworden. "Zwar herrscht bei den allermeisten Konsens darüber, dass die Gräueltaten der Nazis zu verurteilen sind". Dann aber dennoch die AfD zu wählen, das sei für viele kein Widerspruch. Der Juso-Chef schüttelt den Kopf. "Es scheint, als sei die Gefahr für diese Menschen erst dann sichtbar, wenn es aus dem Krematorium raucht".

Fritz Grünbaum starb am 14. Januar 1941 im KZ Dachau

Während Kühnert das sagt, kommen zwei Zuhörer auf ihn zu. "Wir möchten uns bedanken, dass es Menschen wie sie gibt", sagen sie. "Menschen, die sich entschlossen gegen eine Politik des Hasses stellen."

Es ist ein nebliger Sonntagmittag in Dachau, die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Zwischen dem 16. und dem 18. Zellenblock bleiben die Zuhörer stehen. Viel wird heute gesprochen über die aktuelle politische Lage und den richtigen Weg, mit ihr umzugehen. Gut in Erinnerung geblieben sind die Worte der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knoblochs, es sei nicht länger kurz vor, sonder kurz nach Zwölf.

Während der Wind bunte Blätter von den Bäumen reißt und eine jüdische Musikgruppe spielt, erinnern zwei Jugendliche an die Biografien von Opfern des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. An Fritz Grünbaum, der ein österreichischer Kabarettist und Künstler war, und der am 14. Januar 1941 im KZ Dachau an den Folgen seiner Inhaftierung starb. An Walter Häbich, der von 1930 an als Redakteur der illegalen kommunistischen Neuen Zeitung in München tätig war, und erst verhaftet und dann ins KZ Dachau gebracht, und dort am 30. Juni 1934 erschossen wurde. Fast alle Parteien sind an diesem Sonntag vertreten. Die Jusos München und Bayern, der DGB, Grüne, SPD legen Kränze nieder. Man sei sich dem Auftrag bewusst, den Versuchen einer Umdeutung und Verharmlosung der Geschichte entschieden entgegenzutreten, betonen sie unisono. Man wolle sich rechten Ideologen entschieden erwehren. Gedenkveranstaltungen wie diese trügen zweifelsohne dazu bei.

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