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Fledermäuse:Nachts am Karlsfelder See

Ein bisschen gruselig und spannender als ein Fernsehabend - vor allem Familien mit Kindern beobachten mit dem Vogelschützer Hartmut Lichti Fledermäuse auf der Jagd.

Von Manuel Kronenberg, Karlsfeld

Hä? Was ist hier denn los? Die Spaziergänger, die am Samstagabend am Karlsfelder See unterwegs sind, bleiben stehen und schauen neugierig um sich. Der Tag ist warm, die Sonne geht langsam unter, sie scheint gerade noch über die Baumwipfel am Horizont. Rötliche Spiegelungen im Wasser, quakende Enten, ein perfekter Abend, um den Tag bei einem Spaziergang ausklingen zu lassen. Ein bisschen bewegen und die Idylle genießen.

Plötzlich taucht eine Traube von Menschen am Uferweg auf. Etwa einhundert Leute drängen sich um eine Parkbank. Beim Näherkommen offenbart sich, was das Interesse der Gruppe auf sich zieht. Auf der Bank steht ein Mann. Er ist ausgestattet mit einem Headset, an seinem Hals hängt ein kleiner Lautsprecher, der seine Stimme verstärkt. Er spricht zu den Menschen, die hören gebannt zu. Eine Predigt? Ein Ritual einer gefährlichen Sekte? Ein Briefing kurz vor einem groß angelegten GSG-9-Einsatz? Natürlich nicht, das erkennen die Spaziergänger schnell. Aber die Wahrheit ist nicht weniger spannend.

Dieses Mal sind besonders viele gekommen

"Aaah, Fledermäuse!", ruft einer im Vorbeigehen. 100 Punkte. Es geht um die flatternden Nachtaktiven, die Piloten unter den Mäusen - obwohl, sie sind ja nicht näher mit den kleinen Nagern verwandt. Egal. Es ist europäische Fledermausnacht. Und das wird mit einer Führung am See zelebriert, um die Nachtschwärmer in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Der Mann auf der Parkbank ist Hartmut Lichti von der Vogelschutz-Kreisgruppe Dachau. Seit 2002 lädt er jedes Jahr zu der Fledermausführung ein. Dieses Mal sind besonders viele gekommen, unter ihnen viele Familien mit Kindern.

Fledermausnacht

Gleich kommen die Fledermäuse am Ufer des Karlsfelder Sees. In der Dämmerung werden sie aktiv.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Aber erst einmal hält Lichti noch einen kurzen Vortrag. Ihm gefallen Fledermäuse, er findet, dass es unheimlich nette Tiere sind. Er will die Menschen sensibilisieren, für den Schutz der Tiere und die Erhaltung natürlicher Lebensräume. Seinen Vortrag gestaltet er als Fragestunde, in den Händen hält er große laminierte Infokarten. Ein bisschen fühlt es sich an wie Biologieunterricht im Freien.

"Was sind Fledermäuse denn für Tiere?" "Eher Vögel oder eher Mäuse?" Ein Kind hebt brav den Arm. "Säugetiere", sagt es, als es aufgerufen wird. "Oh, ein Experte", lobt Lichti. Das Kind strahlt. Lässig steht der Vogelexperte auf der Bank und beeindruckt mit seinem Wissen. Und die Besucher dürsten nach Informationen über die Tiere. "Saugen Fledermäuse auch Blut?", fragt einer. "Nein", antwortet Lichti, der sich über die Frage freut. "Vampire gibt's nur in der Literatur." Und was ist mit Verbrecher bekämpfenden Fledermäusen - gibt es so etwas, oder muss man dafür ins Kino gehen?

Immer dabei: der Batdetktor

Jetzt setzt sich die Gruppe aber in Bewegung, um ein paar Fledermäuse aufzuspüren. Gar nicht so einfach, denn es ist inzwischen dunkel geworden; und hören kann man die Nachtschwärmer auch nicht. Aber Lichti ist bestens vorbereitet. Er zieht ein schwarzes Gerät in der Größe eines Handys aus der Tasche: einen Batdetektor. Damit lassen sich die Ultraschall-Laute der Fledermäuse für das menschliche Ohr hörbar machen. Und nicht nur das: Lichti erkennt die verschiedenen Arten an der Frequenz. Zunächst rauscht es aus dem Gerät nur, doch dann... "Habt ihr dieses Blubbern gehört?", fragt Lichti die Kinder, die ihm auf Schritt und Tritt folgen. "Das waren Zwergfledermäuse."

Fledermausnacht

Experte Hartmut Lichti macht mit einem Batdetektor die Tiere aus.

(Foto: Niels P. Jörgensen)

In der Gegend gibt es ungefähr elf oder zwölf Fledermausarten. Am weitesten verbreitet sind Zwergfledermäuse, Abendsegler und Wasserfledermäuse. Auch die in Bayern seltenen Weißrandfledermäuse schwirren hier nachts durch die Luft.

"Ooh!", rufen die Leute im Chor

Ganz schön unheimlich klingen die Geräusche des Batdetektors. Jedes Mal wenn es aus dem kleinen Lautsprecher flattert und klopft, gucken die Leute angestrengt in den dunklen Nachthimmel. Und tatsächlich. Zwischen den Bäumen huschen sie umher, auf der Jagd nach Spinnen und Insekten, die sie per Ultraschall orten. Ganz schön viele sind plötzlich zu sehen. "Oooh!", rufen die Leute im Chor, als mehrere Fledermäuse über ihre Köpfe sausen. "Ohne Detektor wüsste man jetzt gar nicht, wo man hingucken soll", sagt Lichti fröhlich. Doch ob das wirklich stimmt? Die Kinder nehmen dem Detektor nämlich fast schon die Arbeit ab. Jedes Mal, wenn eines der Tierchen zu sehen ist, rufen sie aufgeregt: "Daaa!" "Ich seh' eine!" "Da oben!"

Nach eineinhalb Stunden ist es vorbei. Allen hat es sichtlich gefallen. Sie machen sich auf den Nachhauseweg, mit allerlei Infomaterial über die Tiere in der Hand. Lichti ist zufrieden. "Heute haben wir echt viele Fledermäuse gesehen."

© SZ vom 31.08.2015/gsl

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