Klimaschutz:Wie Karlsfeld klimaneutral werden will

Klimaschutz: Blick in den Hackschnitzel-Kessel im Heizkraftwerk Karlsfeld: Die dort produzierte Fernwärme könnte noch ausgebaut werden. Das ist nur eine Idee, die im Klimaschutzkonzept verankert ist.

Blick in den Hackschnitzel-Kessel im Heizkraftwerk Karlsfeld: Die dort produzierte Fernwärme könnte noch ausgebaut werden. Das ist nur eine Idee, die im Klimaschutzkonzept verankert ist.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mehr als 70 Prozent aller CO₂-Treibhausgase in der Gemeinde werden von privaten Haushalten und dem örtlichen Verkehr verursacht. Der Gemeinderat möchte gegensteuern und hat 33 Umweltschutzmaßnahmen beschlossen.

Von Anna Schwarz, Karlsfeld

Papier sparen im Rathaus, mehr Photovoltaikanlagen auf Karlsfelds Dächern, die LED-Beleuchtung in der Gemeinde ausbauen - insgesamt 33 Maßnahmen stehen im Karlsfelder Klimaschutzkonzept, das der Gemeinderat vor Kurzem einstimmig beschlossen hat. Kritik gab es dennoch, unter anderem von Grünen-Gemeinderat und Klimaschutzreferent Michael Fritsch, ihm gingen die Maßnahmen nicht weit genug, er appellierte: "Wir dürfen bei diesem Konzept nicht stehenbleiben."

Ausgearbeitet hat es Franziska Reitzenstein, seit rund eineinhalb Jahren ist sie Klimaschutzmanagerin im Rathaus, ließ eine Energie- und Treibhausgasbilanz für die Gemeinde erstellen, organisierte Workshops, bündelte Klimaschutz-Ideen aus der Bürgerschaft, stimmte sie mit dem Umwelt- und Verkehrsausschuss ab und fasste diese Ergebnisse auf 180 Seiten zusammen. Im Gemeinderat gab sie nun einen Überblick dazu.

Die meisten CO₂-Treibhausgase verursachen private Haushalte

Hintergrund des Konzepts ist, dass die Bundesregierung beschlossen hat, dass in Deutschland bis 2030 65 Prozent weniger CO₂ als im Jahr 1990 verursacht werden soll, um anschließend im Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Das bedeutet: Bis dahin muss ein Gleichgewicht zwischen Treibhausgas-Emissionen und deren Abbau herrschen. Um mögliche Einsparpotenziale in Karlsfeld zu finden, hat das Institut für nachhaltige Energieversorgung (INEV) eine Energie- und Treibhausgasbilanz erstellt: Diese zeigte, dass die meisten CO₂-Treibhausgase in der Gemeinde mit etwa 38 Prozent durch private Haushalte verursacht werden, den zweitgrößten Anteil nimmt der Verkehr mit rund 35 Prozent ein, darauf folgt die Industrie mit etwa 14 Prozent.

Positiv fiel bei der Energiebilanz auf, dass Wärme in Karlsfeld zu 21,4 Prozent durch erneuerbare Energien erzeugt wird, etwa durch das örtliche Biomasseheizkraftwerk, deutschlandweit liege dieser Anteil nur bei 15 Prozent, erklärte Reitzenstein. Gleichzeitig attestierte sie den Gemeinderäten aber, dass es Nachholbedarf bei der Stromgewinnung gebe: Denn in der Gemeinde wird nur 15,9 Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien gewonnen, deutschlandweit sind es bereits 42 Prozent.

Klimaschutz: Bei einem Klimaschutz-Workshop im Oktober konnten Karlsfelderinnen und Karlsfelder ihre Ideen einbringen: (von links) INEV-Mitarbeiterin Miranda Thiele, Bürgermeister Stefan Kolbe und Klimaschutzmanagerin Franziska Reitzenstein.

Bei einem Klimaschutz-Workshop im Oktober konnten Karlsfelderinnen und Karlsfelder ihre Ideen einbringen: (von links) INEV-Mitarbeiterin Miranda Thiele, Bürgermeister Stefan Kolbe und Klimaschutzmanagerin Franziska Reitzenstein.

(Foto: Toni Heigl)

Nach dieser Analyse sammelte Reitzenstein Ideen, um den Klimaschutz in Karlsfeld zu verbessern: Etwa in einem Workshop für Rathausmitarbeiter, ein weiterer fand im Oktober für die Öffentlichkeit im Karlsfelder Bürgerhaus statt. Außerdem konnten Bürgerinnen und Bürgerinnen ihre Vorschläge auf einer Ideenkarte im Internet einbringen, mehr als 450 Ideen kamen dabei zusammen. Mit diesem Rohmaterial hat Reitzenstein 33 Maßnahmen für das Klimaschutzkonzept ausgearbeitet, es ist in fünf Themenfelder gegliedert: Übergeordnete Maßnahmen, interne Organisation, Mobilität sowie Bildung, Beratung und Teilhabe.

Zu den übergeordneten Maßnahmen gehört etwa der Beitritt zum Klima-Bündnis oder die dauerhafte Verankerung des Klimaschutzes in der Gemeinde. Unter dem Themenbereich interne Organisation stehen etwa Ideen, wie die Prüfung von Photovoltaik-Anlagen auf kommunalen Dächern oder die Umrüstung der Straßenlampen auf LED-Beleuchtung: "Das ist zwar schon in Teilen erfolgt, aber leider noch nicht ganz", sagte Reitzenstein. Um die Mobilität in der Gemeinde nachhaltiger zu gestalten, schlägt das Konzept mehr E-Ladestationen in Karlsfeld vor sowie Sharing-Angebote, Fahrradstraßen und Radabstellmöglichkeiten sowie eine Verbesserung des ÖPNV. Im Bereich Energie könnte die Gemeinde das Fernwärmenetz erweitern oder den Bau von PV-Anlagen auf Freiflächen prüfen. Und unter dem letzten Punkt Bildung, Beratung und Teilhabe stehen Ideen, wie Energieberatungsangebote der Gemeinde ausbauen oder Informationsveranstaltungen zum Umwelt und Klimaschutz organisieren.

"Dieses Konzept darf nicht in der Schublade verstauben"

Das sei der Fahrplan für die nächsten Jahre, sagte Reitzenstein. Doch nach acht bis zehn Jahren mache es Sinn, sich wieder neue Klimaschutzmaßnahmen zu überlegen. Wichtig sei nun das Controlling, also zu schauen, ob die Gemeinde das Konzept auch umsetzt: Dafür wird nun alle drei Jahre eine Energie- und Treibhausbilanz für die Gemeinde erstellt und im Umweltausschuss gibt es alle zwei Jahre einen Zwischenbericht darüber, welche Maßnahmen bereit umgesetzt wurden.

Klimaschutzreferent Michael Fritsch lobte zwar Reitzensteins Arbeit, betonte aber, dass die Gemeinde mehr tun müsse, um den Klimawandel zu stoppen. Er ging auf Schätzungen der Weltbank ein, nach denen bis zum Jahr 2050 insgesamt 143 Millionen Menschen in Afrika südlich der Sahara, Südasien und Lateinamerika durch Klimafolgen vertrieben werden, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Fritsch schlug vor, Busverbindungen in Karlsfeld auszubauen, Dächer zu begrünen und sich für einen Nahversorger nahe der S-Bahn einzusetzen, damit die dortigen Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen fahren müssen. Seine Parteikollegin Heike Miebach appellierte: "Dieses Konzept darf nicht in der Schublade verstauben."

"Klimaschutz fängt bei jedem selbst an"

Christian Bieberle (CSU) sagte, dass es Karlsfeld nicht alleine schaffen könne, den Klimawandel aufzuhalten. Allerdings könne die Gemeinde etwa mehr Radwege schaffen oder Arbeitsplätze vor Ort anbieten, um den Autoverkehr zu verringern. Franz Trinkl (SPD) wies daraufhin, dass ein Verkehrsgutachten gezeigt habe, dass ein Großteil des Verkehrs in Karlsfeld durch Karlsfelderinnnen und Karlsfelder verursacht werde. Er mahnte: "Klimaschutz fängt bei jedem selbst an." Zum Thema Verkehr hatte auch Bernd Wanka (CSU) eine Anregung: Er sagte, dass etwa 45 000 Autos pro Tag die Münchner Straße passieren und dabei große CO₂-Emissionen verursachen, besser wären E-Autos, aber dafür fehlen derzeit noch die nötige Ladeinfrastruktur: "Da könnte die Gemeinde Abhilfe schaffen."

Marco Brandstetter (Bündnis für Karlsfeld) sagte, dass man zwar niemanden dazu zwingen könne, eine PV-Anlage auf seinem Hausdach zu installieren, aber man könne das Bewusstsein dafür schärfen, warum eine eigene Solaranlage - nicht nur aus finanziellen Gründen - Sinn mache. Dazu kündigte Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) an, dass das Klimaschutzkonzept auch bei einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt werden wird - allerdings erst in einigen Monaten. Denn das Konzept wurde im Rahmen eines Förderprogramms des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz erstellt und wird derzeit vom Förderer auf inhaltliche und formelle Aspekte geprüft. Bis dahin erstellt Reitzenstein auch eine Kurzversion des Konzepts.

Die Abschlusspräsentation zum Klimaschutzkonzept findet sich auf: www.karlsfeld.de/integriertes-klimaschutzkonzept

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