Geothermie:Karlsfelder Geothermie-Euphorie

Geothermie: Bevor im Geothermiekraftwerk Energie gewonnen werden kann, muss gebohrt werden. Wie hier in Geretsried.

Bevor im Geothermiekraftwerk Energie gewonnen werden kann, muss gebohrt werden. Wie hier in Geretsried.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nicht nur die Gemeinde könnte in Zukunft mit Wärme aus Tiefenwasser versorgt werden, sondern auch das Großunternehmen MAN. Die Vorfreude im Karlsfelder Gemeinderat ist groß.

Von Walter Gierlich, Karlsfeld

Es könnte ein echtes Pionierprojekt werden, das den Karlsfelder Gemeinderäten in der jüngsten Sitzung vorgestellt wurde: Vertreter des an die Gemeinde angrenzenden Unternehmens MAN Truck & Bus und Christian Nolte von der Energieversorgungsberatungsfirma "opportunities & friends" präsentierten ein Geothermie-Vorhaben. Damit könnte nicht nur das Lkw- und Busunternehmen mit Wärme von Wasser aus 2000 Meter Tiefe versorgt werden soll, sondern auch große Teile der Gemeinde Karlsfeld. Im Gemeinderat und bei der Verwaltung steht man dem Wärmeverbund aufgeschlossen gegenüber, auch wenn Details noch genauer unter die Lupe genommen werden sollen. Als "Win-Win-Situation" bezeichnete der Leiter der Gemeindewerke, Martin Eberle, das mögliche Gemeinschaftsprojekt.

Rund um Karlsfeld gibt es bereits mehrere Geothermie-Projekte, um zukünftig klimaneutrale Wärme zu liefern. So hat sich die Gesellschaft für Abfallbeseitigung (GfA) der Landkreise Dachau und Fürstenfeldbruck auf ihrem Grundstück westlich der Gemeinde Geiselbullach Bohrrechte gesichert, östlich ist die Firma MTU im Claim Karlsfeld-Ost zugange. Die MAN hat in Karlsfeld-Nord das Bohrrecht, wo die Gemeinde vor gut 20 Jahre schon selbst einmal in die Geothermie einsteigen wollte, dann aber wegen der enormen Kosten zurückzog. Stattdessen wurde damals das Biomasse-Kraftwerk mit Holzhackschnitzeln errichtet. Gut 30 Prozent der Gemeinde - neben Wohnungen auch öffentliche Gebäude und Schulen - werden von dort aus über ein 15 Kilometer langes Rohrnetz mit Fernwärme versorgt.

Auch MAN will ans Geothermie-Netz

Das Münchner Werk von MAN, das den Energieverbrauch einer Kleinstadt hat, soll nach den Worten von Bernhard Dietl, Leiter Infrastrukturplanung, Umwelt und Energie, bis 2030 CO2-neutral sein. "Bei Strom ist das relativ leicht", sagt er, bei Wärme sei es deutlich schwieriger. Hier setze man auf Geothermie, ergänzte sein Manager-Kollege Benedikt Nesselhauf: "Für die gibt es momentan Rückenwind." In der Tat, denn in Geothermie-Kraftwerken wird heißes Wasser aus rund 2000 Metern Tiefe zur Erdoberfläche gefördert. Dem Wasser wird die Wärme entnommen und über ein Fernwärmenetz zu den Verbrauchern transportiert. Abgekühltes Wasser wird anschließend wieder in die Tiefe geleitet. Geothermie ist als Energiequelle nicht nur weitgehend CO2-frei, sondern auch praktisch unerschöpflich. Die Erdwärme kann an 365 Tagen im Jahr genutzt werden - unabhängig von Wetter und Tageszeit.

Schon seit mehr als einem Jahr sei man im Dialog mit der Gemeinde, um einen Verbund zur Wärmeversorgung zu gründen, erklärte der Geothermie-Experte Nolte. Da Karlsfeld bereits über ein Heizkraftwerk und ein 15 Kilometer langes Fernwärmenetz verfüge, biete es sich als Partner geradezu an. So fielen für die Gemeinde zum einen nur überschaubare Investitionen an. Zum anderen sichern sich die nahe beieinander liegenden Kraftwerke auf dem Firmen- und Gemeindegelände gegenseitig ab. Beispielsweise könne die Biomasse an besonders kalten Tagen zur Versorgung genutzt werden, wenn die Auslastung besonders hoch ist. Da auch die MAN ihren Betrieb in Dachau-Ost mit dem heißen Wasser heizen will, sieht Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) sogar Chancen, das geplante Gewerbegebiet südlich der Schleißheimer Straße ebenfalls an das Netz anzuschließen.

"Eine absolute Win-Win-Situation"

Wo genau gebohrt werde, steht laut Christian Nolte bisher nicht fest. "Die Suche nach dem geeignetsten Grundstück nimmt das gleiche geologische Team vor, das schon in Garching gearbeitet hat", so der Experte. In der Universitätsstadt ist schon seit 2011 eine Geothermie-Heizzentrale in Betrieb. Mit den Bohrungen in Karlsfeld-Nord soll 2025 begonnen werden. Wenn die Probebohrungen erfolgreich sind und alle behördlichen Genehmigungen vorliegen, könne im Sommer 2026 die klimafreundliche Wärmeversorgung starten.

Gemeindewerke-Leiter Eberle ist zwar sehr optimistisch, was das Gemeinschaftsprojekt betrifft, sieht aber noch einige Fragen, die geklärt werden müssten, ehe man sich an einen der Betreiber binde. Auch CSU-Fraktionschef Bernd Wanka hält den Wärmeverbund "für eine absolute Win-Win-Situation". Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Michael Fritsch mahnte an, bei aller Euphorie die Wärmedämmung der Häuser nicht zu vergessen. Adrian Heim (Bündnis) sprach verbreitete Schreckensmeldungen beim Thema Geothermie an - etwa Erdbebenängste - und verlangte vorab eine Bürgerinformationsveranstaltung. Diese werde es "in einem frühzeitigen Stadium" geben, versicherte der Bürgermeister. Auch MAN-Manager Nesselhauf sah ein "kommunikatives Problem bei der Geothermie", das selbst bei Debatten im Bundestag zu beobachten sei. Er riet daher: "Wir müssen mit kühlem Kopf auf die Fakten schauen."

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