Gedenken in Hebertshausen:"Die Hoffnung auf eine friedliche Welt hat sich nicht erfüllt"

Gedenken in Hebertshausen: Die Gedenkfeier auf dem ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen wird begleitet von Appellen, Konflikte mit friedlichen Mitteln beizulegen.

Die Gedenkfeier auf dem ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen wird begleitet von Appellen, Konflikte mit friedlichen Mitteln beizulegen.

(Foto: Toni Heigl)

Die Gedenkveranstaltung auf dem ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen wird heuer überschattet vom Angriffskrieg auf die Ukraine.

Von Walter Gierlich, Dachau

Es ist schon seit langem Tradition, am Tag der Befreiungsfeier des Konzentrationslagers Dachau am ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen der dort zwischen September 1941 und Juni 1942 ermordeten mehr als 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen zu gedenken. Unter den etwa 80 Besuchern, die sich bei kaltem aber zumindest trockenem Wetter nach und nach am Gedenkort einfinden, ist Irina Kaspirowitsch mit ihrer Familie. Sie kommen aus Belarus, sind Anhänger der Opposition gegen Diktator Lukaschenko und legen ein Blumengebinde in Weiß-Rot nieder, den in ihrer Heimat verbotenen Farben. "Wir wollen ein Zeichen gegen den Krieg in der Ukraine setzen", sagt Irina Kaspirowitsch. Das wollen auch die beiden Redner der Veranstaltung: Der Holocaust-Überlebende und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Ernst Grube, sowie Ioanna Taigacheva, russische Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste an der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau.

"Während wir an die sowjetischen Kriegsgefangenen erinnern, die in ,einvernehmlicher Zusammenarbeit' von Wehrmacht, Gestapo und vom KZ-Lagerpersonal der SS planmäßig ermordet wurden, führt Russland derzeit einen brutalen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine", erklärt Grube. Er verweist darauf, dass Russen und Ukrainer von den Nazis im KZ gleichermaßen als ,rassisch besonders minderwertige slawische und gefährliche politische, weil kommunistische Elemente' registriert wurden. Er erinnert an diesem Ort des Grauens daran, dass von den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mehr als 3,3 Millionen systematisch umgebracht wurden, die größte Opfergruppe des NS-Terrors nach den Juden.

"Sie waren die Befreier für uns"

Heute führe die russische Regierung Krieg gegen das Nachbarland und dessen Menschen, während vor 80 Jahren Soldaten beider Länder gemeinsam unter entsetzlich großen Opfern erfolgreich gegen den deutschen Besatzungs- und Vernichtungskrieg gekämpft hätten. "Ohne diesen Krieg im Osten hätte Nazideutschland die Shoah nicht durchführen können", so Grube. Die Befreiung von Auschwitz und anderen Vernichtungsstätten durch die Rote Armee habe den Abtransport aus dem KZ Theresienstadt dorthin unmöglich gemacht und so ihm, seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern das Leben gerettet. Niemand habe vor 77 Jahren bei der Befreiung Theresienstadts durch die sowjetischen Soldaten gefragt, ob es sich um Russen, Ukrainer, Weißrussen oder Georgier gehandelt habe. "Sie waren die Befreier für uns, die sich alle als Kämpfer der sowjetischen Armee für die Niederringung der Nazi-Wehrmacht mit ihrem Leben eingesetzt hatten", betont Grube.

Gedenken in Hebertshausen: Ernst Grube verfolgt die Diskussion um schwere Waffenlieferungen in die Ukraine mit Sorge.

Ernst Grube verfolgt die Diskussion um schwere Waffenlieferungen in die Ukraine mit Sorge.

(Foto: Toni Heiglbetrach)
Gedenken in Hebertshausen: Trompeter Thomas Bock spielt zum Abschluss das Lied vom Moorsoldaten.

Trompeter Thomas Bock spielt zum Abschluss das Lied vom Moorsoldaten.

(Foto: Toni Heigl)

Alle befreiten Verfolgten des Faschismus sowie die Soldaten der Alliierten hätten "auf eine neue Welt des Friedens und der Völkerverständigung" gehofft, "ohne Faschismus, ohne Nationalismus und rassistische Ausgrenzung". Doch die Hoffnung habe sich nicht erfüllt, sagt Grube und zählt Kriege mit grausamen Verbrechen sowie Völker- und Menschenrechtsverletzungen auf, etwa in Vietnam, im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan, Tschetschenien, Georgien, Syrien, Libyen oder - hierzulande wenig beachtet - im Jemen mit bisher 370.000 Toten. "Und nun erleben wir das Leiden der Menschen in der Ukraine, verursacht durch den brutalen Angriffskrieg der russischen Führung", bei dem Begriffe wie "Antifaschismus" oder "Entnazifizierung" missbraucht werden und Geschichte verfälscht wird, klagt er an. Grube zitiert eine Erklärung internationaler Komitees der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager, dass jeder politische Konflikt am Verhandlungstisch gelöst werden könne, "wenn beide Seiten Vernunft und Menschlichkeit an den Tag legen". Der Zeitzeuge, der in den Fünfzigerjahren als Kommunist gegen die Wiederbewaffnung demonstrierte und dafür sogar im Gefängnis landete, sieht es auch heute mit Skepsis, dass in Politik und Medien fast nur über Waffensysteme gestritten wird, die an die Ukraine geliefert werden sollten: "Als könnte es nur eine militärische Lösung geben." Er fordert "Deeskalation und Abrüstung auf allen Seiten". Aufrüstung sei "kein Weg zur Friedenssicherung, auch weil damit die dringend benötigten Mittel zur Eindämmung der Klimakatastrophe und des sozialen Elends drastisch beschränkt werden". Auf jeden Fall sieht Ernst Grube keine Alternative, "als uns jetzt gegen jeden Nationalismus und Rassismus zu wenden und für die sofortige Beendigung des Krieges gegen die Ukraine einzutreten".

Kurz ist der Beitrag von Ioanna Taigacheva, die seit acht Monaten in Dachau ist und sich hier mit den Schicksalen von KZ-Häftlingen beschäftigt. "Leider ist der Frieden nicht etwas, das selbstverständlich ist", bedauert die junge Frau und ruft die Zuhörer auf, sich für den Frieden einzusetzen. Zum Abschluss erklingt das Lied von den "Moorsoldaten", von Thomas Bock auf der Trompete gespielt.

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