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Dachauer Band "Die Schönen und das Biest":"Politiker dürfen auch Spaß haben"

"Die Schönen und das Biest" sind Kult in Dachau. Seit zehn Jahren unterhält das Quartett, bei dem auch der Zweite Bürgermeister Kai Kühnel und Bündnis-Sprecher Mike Berwanger mitspielen, das Publikum mit witzigen Liedern und vogelwilden Verkleidungen

Schön schräg wird es alle Jahre wieder, wenn die Dachauer "Biester" zu ihren Konzerten laden. Am Freitag, 13. Dezember, und Samstag, 14. Dezember, spielen Pianist Kai Kühnel, Bassist Mike Berwanger, Sängerin Renate Jatzeck und Schlagwerker Christoph Stangl von 20 Uhr an in der Kulturschranne Dachau.

SZ: Bei einer vierköpfigen Band mit dem Namen "Die Schönen und das Biest" stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich wer?

Mike Berwanger: Das wissen wir nicht. Bei unserem ersten Auftritt - den haben wir noch zu dritt bestritten - standen Kai und ich schon auf der Bühne und die Renate stand an der Bar. Und dann sagte der Gastgeber: "Wir begrüßen herzlich: Die Schönen" - und zeigte dabei Richtung Bühne - "und das Biest" - und zeigte nach links zur Bar. Wir haben nichts dazu gesagt. Normalerweise ist ja der Schlagzeuger das Biest, aber in dem Fall war klar: Die Männer sind die Schönen. Schaut uns doch an (lacht).

Sie feiern zehnjähriges Jubiläum - allerdings gibt es danach Veränderungen.

Kai Kühnel: Unser Schlagzeuger geht ein Jahr auf Reisen, den werden wir ersetzen müssen.

Berwanger: Wir werden ihn aber nicht nur die Stücke spielen lassen, die wir in den vergangenen zehn Jahren zusammengeschraubt haben, sondern werden sicherlich die Gelegenheit nutzen, über unsere Vorstellung von Musik nachzudenken.

Was ist das denn für eine Vorstellung?

Berwanger: Dazu muss man den Beginn von vor zehn Jahren kennen. Damals sagte Kai: "Ich kenne einen Proberaum, lasst uns eine Band gründen." Das war der Ausgangspunkt. Es gab aber noch eine Bedingung von Kai: keine Coversongs. Das heißt, wir haben von Anfang an unsere Stücke selber geschrieben. Wir schreiben auf Deutsch, das ist immer ein bisschen schwierig. Man kann von Liebe und Herzschmerz schreiben, so wie Roland Kaiser und Helene Fischer, wir wollten die Texte aber mit ein bisschen Tiefe füllen. Aber das stößt an Grenzen, man kann ja nicht ständig über Politik oder veganes Essen schreiben, das wäre ja auch langweilig.

War die Bandgründung geplant?

Berwanger: Es war geplante Spontanität.

Kühnel: Ich habe mit der Sängerin schon Jahre zuvor Auftritte gehabt, dann lange nicht mehr. Renate kannte den Mike vom Käsestand am Markt.

Berwanger: Zur Erklärung: Wir gehen immer samstags als Letzte auf den Markt, da trifft man die Spätaufsteher.

Kühnel: Renate hat Mike ins Spiel gebracht, damals noch als Kontrabassspieler. Später hatten wir die Erkenntnis, dass wir einen Schlagwerker brauchen. Das war der Bassist Christoph Stangl, der schon immer gerne mal Schlagzeug lernen wollte.

Das fabelhafte Bestiarium

Langweilig wird es keinesfalls, wenn die "Biester" auf der Bühne stehen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Kühnel: Das ist schwierig.

Berwanger: Die Musik, die wir spielen, ist stark abhängig von unserem Können. Also Free Jazz schaffen wir nicht, dafür sind wir nicht gut genug. Und es gibt auch unterschiedliche Bedürfnisse in der Band. Manche wollen es lieber etwas einfacher und schlanker strukturiert haben, ich bin mehr für kompliziert und verknotet und verwirrend. Es ist eine Spreizung zwischen Minimalismus und Konzeptmusik, zwischen Pop und Kurt Weill.

Kühnel: Ob das die Faszination, unsere Beliebtheit ausmacht, kann ich nicht sagen, ich bin nicht das Publikum. Ich würde uns aber gerne mal hören, aber das ist ja nicht möglich. Auch ein Video gäbe das nicht authentisch wieder.

Wie entstehen Ihre Texte und Gags auf der Bühne?

Kühnel: Ein Lied wird nicht in der Band geboren, das bringt man von zuhause mit. Da gibt es bei jedem Stimmungslagen, die verarbeitet werden. Dann wird das Lied der Band vorgestellt, kritisiert, verändert und weiterentwickelt.

Berwanger: Normalerweise ist es so, dass alle sagen: "Gott, wie furchtbar." Dann geht die Feilscherei los: "Das sing ich nicht!", "Wie klingt das denn." Außerdem gibt es natürlich noch den großen Schöpfungsakt der Show. Irgendwann muss ja aus 20 einzelnen Stücken ein Programm werden. Das kann durchaus im Wirtshaus bei einer Runde Schnaps sein, da kommen dann noch zehn andere und reden mit. Oder wir machen eine Klausurtagung.

Was inspiriert Sie zu Ihren Liedtexten?

Kühnel: Das ist bei jedem anders. Bei mir ist es Familie, Stadtrat, Politik, aber auch was allgemein in der Gesellschaft passiert.

Berwanger: Man kann ja nur über etwas schreiben, was man selbst erlebt hat oder woran man sich reibt.

Was darf man sich als Zweiter Bürgermeister in künstlerischer Hinsicht erlauben?

Kühnel: Erlauben dürfte man sich vermutlich alles. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir spezielle lokalpolitische Anspielungen drin haben. Es geht allgemeiner um gesellschaftliche Verwerfungen. Man kann sich einfach einen anderen Hut aufsetzen. Politiker dürfen auch Spaß haben.

Auch hinter den Kulissen sind die Musiker für einen Spaß zu haben.

(Foto: Toni Heigl)

Was schweißt Sie nach zehn Jahren zusammen?

Berwanger: Wir sind ja alle schon ein bisschen über 30 und machen jetzt als alte Deppen das, was wir vor 30, 40 Jahren nicht getan haben, was normalerweise junge Bands machen. Zum Beispiel das erste Mal zu einem Casting gehen, mit einem Bandbus auf Tournee gehen oder gemeinsam in irgendwelchen Hütten übernachten, auf dem Boden, so, dass man dann am nächsten Tag denkt, okay, da bin ich jetzt - glaube ich - zu alt dafür, das hält mein Kreuz nicht mehr aus. Lauter so Unsinn eben.

Auch dieses Mal treten "The Roaring Galloways" wieder auf. Wie kam es zu dieser zweiten Identität?

Kühnel: Wir haben jahrelang versucht, andere Künstler dazu zu nehmen, aber irgendwann blieb zu wenig Geld, darum haben wir beschlossen: Wir machen unsere eigene Vorband.

Berwanger: Dann kam die Idee von Kai, "The Roaring Galloways" aus Clackerbaggenshire einzuladen. Weder die Band noch den Ort gibt es. Aber das haben wir natürlich keinem erzählt.

Kühnel: Meine Mutter hat mich nicht erkannt. Und auch der Tobias Schneider (Kulturamtsleiter der Stadt Dachau; Anm. d. Red.) hat nach der Show immer noch rumgerätselt, wer jetzt diese Schotten sind.

© SZ vom 12.12.2019
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