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Dachau:Tierschutzverein befürchtet Rückgabewelle

Viele Menschen schaffen sich gerade Hunde an. Doch die Gefahr ist groß, dass diese nach Corona wieder im Tierheim landen.

(Foto: Toni Heigl)

In der Pandemie legen sich immer mehr Menschen im Landkreis ein Haustier zu. Oftmals wollen sich die neuen Halter so die Langeweile vertreiben. Mit Ende der Corona-Einschränkungen könnte nun eine Flut auf das Tierheim zurollen.

Von Eva Waltl, Dachau

Etwa 20 Kätzchen leben derzeit in dem Dachauer Tierheim. Das sind viel weniger als in vorpandemischen Zeiten. Auch bei anderen Tierarten wie Hunden, Hasen oder Schildkröten ist die Anzahl momentan besonders niedrig. In der Corona-Krise und den ständigen Lockdowns legen sich immer mehr Menschen im Landkreis ein Haustier zu. "Die Nachfrage ist stark gewachsen", sagt Silvia Gruber, Vorsitzende des Tierschutzvereins. Allen voran die Nachfrage an "süßen, putzigen, kniehohen Welpen, am besten noch stubenrein und gut erzogen". Diesem Wunsch kann das Tierheim nicht unbedingt gerecht werden, da vor allem ältere, chronisch kranke oder verhaltensauffällige Hunde dort leben. Diese seien schwer zu vermitteln.

Die Vorsitzende des Tierschutzvereins befürchtet, dass mit dem Ende der Corona-Krise auch das Interesse vieler Menschen abnehmen wird, sich um ein Haustier zu kümmern. Sie rechnet mit einer Rückgabewelle, weil Menschen plötzlich keine Zeit mehr für ihr Haustier aufbringen wollen, wenn die Corona-Einschränkungen wegfallen. "Manche Interessenten sagen sogar offen, dass die derzeitige Langeweile auch ein Grund ist, sich ein Tier anzuschaffen", erzählt Gruber. Sie ärgert sich über ein solches Verhalten, denn ein Tier sollte niemals dem Zeitvertreib dienen oder ein spannendes Alternativprogramm etwa zu einem Kinobesuch darstellen. Gruber versucht, bei möglichen Interessenten immer auch die langfristige Betreuungssituation des Tieres sicherzustellen, dass sie auch nach Corona noch ein sicheres Zuhause haben. Dennoch befürchtet sie, dass "bei vielen bald die Frage aufkommen wird: Was mache ich denn nun mit dem Tier?"

Illegaler Tierhandel boomt

In vielen Regionen Deutschlands ist die Nachfrage nach Haustieren im Zuge der Corona-Krise immens gestiegen. Dabei sind nicht nur Züchter, sondern auch die Tierheime als Anbieter gefragt. Viele Experten befürchten allerdings, dass sich die Tierheime nach dem Ende der Corona-Einschränkungen umso rasanter füllen werden. Der Deutsche Tierschutzverein warnt vor einer Flut, die nach der Pandemie auf die Tierheime zurollen würde. Dabei sollte die Anschaffung eines Haustiers gerade jetzt gut überlegt sein.

Die gestiegene Nachfrage nach Haustieren hat auch den illegalen Welpenhandel im Corona-Jahr 2020 dramatisch angekurbelt. Das berichtet der Deutsche Tierschutzbund auf seiner Internetseite. Ein Ende des Aufwärtstrends sei nicht in Sicht. "Die ersten Zahlen für 2021 zeigen deutlich, dass der illegale Tierhandel in diesem Jahr einen traurigen Rekord brechen wird", so Romy Zeller, Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Der Blick auf die vielen erkrankten und verstorbenen Tiere lasse schon jetzt erahnen, wie viel Tierleid infolge des kriminellen Handels noch entstehen werde. "Noch etliche Tiere werden dieses Jahr ihr Leben verlieren."

Im Dachauer Tierheim sorgen sich die acht Mitarbeiter nicht nur im das Wohlergehen der Tiere, sondern auch ihrer selbst. Sie schuften unter harten Arbeitsbedingungen: Siebentagewochen und 24 Stunden pro Tag telefonische Erreichbarkeit. "Für uns gibt es kein Wochenende und keinen Feiertag", beschreibt Gruber den Arbeitsalltag im Tierheim. Sie selbst arbeitet ehrenamtlich. "Wenn mein Personal nicht so viele unentgeltliche Überstunden machen würde, würde es gar nicht gehen." Gruber beklagt, dass es ihr aufgrund der finanziellen Not nicht möglich sei, den Mitarbeitern eine entsprechende Entlohnung für die Mehrarbeit auszuhändigen. "Wir können es uns einfach nicht leisten." Dies sei zwar kein ausschließliches Coronaproblem, allerdings seien die Mitarbeiter seit Beginn der Pandemie noch mehr gefordert. Sie betreuen beispielsweise ein Tier, wenn sich deren Besitzer in häuslicher Quarantäne befinden.

"Es sind enorme Verluste, die das Tierheim während der Coronazeit macht"

Das Bundesumweltministerium hat die Not der Tierheime in der aktuellen Situation erkannt und stellt nun finanzielle Hilfen bereit. 7500 Euro erhält jeder Verein, der Träger eines Tierheims ist. Diese sollen den erhöhten Betreuungsbedarf und ausfallende Spendenbeiträge kompensieren. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) erklärte: "Die Fördermittel werden hoffentlich helfen, die schwierige Zeit zu überstehen." Eine Unterstützung, die sowohl nötig als auch überfällig, auf jeden Fall aber nicht ausreichend ist.

"Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein", klagt Gruber: "7500 Euro machen in etwa den Betrag von zwei Tierklinikrechnungen für zwei angefahrene Katzen aus." Momentan erhält das Tierheim laufend angefahrene Katzen. Es bedarf keiner hohen Mathematik, um festzustellen, dass die Rechnung nicht aufgeht. "Wir hatten allein in den vergangenen zwei Wochen Tierklinikkosten in Höhe von über 14 000 Euro." Zwar bezieht der Tierschutzverein weiterhin Mitgliedsbeiträge von etwa 30 000 Euro pro Jahr, aber auch diese seien gemeinsam mit der Zahl der Mitglieder gesunken, so Gruber. "Es sind enorme Verluste, die das Tierheim während der Coronazeit macht."

Auch die derzeitigen Bauarbeiten für den Erweiterungsbau tragen dazu bei, dass sich die finanzielle Situation des Vereins zuspitzt. Gruber spricht von Kosten, die "extrem explodiert" seien: "Die Holzpreise haben sich verdoppelt und der Bau ist ins Stocken geraten." Jeder Tag Bauzeit kostet den Verein Geld. Jedoch ist Gruber optimistisch, dass der Bau im Frühjahr nächsten Jahres fertig sein wird.

© SZ vom 17.05.2021
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