Dachau:Tiefschlag

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Das groß angekündigte "Boxspektakel" erweist sich als Flop - nur 200 Zuschauer kommen in die ASV-Halle.

Von Benjamin Emonts

Der Kampf ist gerade zehn Sekunden alt, da bekommt Geza Nemeth, der Kämpfer mit dem furchterregenden Namen Brutus, der Verräter, einen Tritt gegen das Schienbein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sinkt der Kämpfer zu Boden. Einen kurzen Augenblick herrscht in der Halle des ASV Dachau völlige Stille. Dann bricht lautes Gelächter aus.

Es ist einer dieser Momente, in denen man nicht so recht weiß, ob man lachen oder weinen soll. "Das ist doch Volksverarsche", sagt ein Zuschauer noch während des WM-Kampfes im Schwergewicht der World Gladiator League im Free Fight. Ein anderer ruft: "Steh auf, du Pflaume." Brutus, der Verräter, hat aber gar keine Lust mehr zu kämpfen, er will sich nicht noch einmal weh tun. Dann plötzlich, er wird vom Ringrichter bereits angezählt, erhebt sich der übergewichtige, tollpatschig wirkende Kämpfer. Sofort kassiert er einen weiteren Tritt. Brutus geht abermals zu Boden, er bleibt auf dem Rücken liegen wie ein toter Käfer und klopft drei Mal auf den Ringboden - das Zeichen der Aufgabe.

Das völlig aufgebrachte Publikum pfeift den Ungarn gnadenlos aus. Veranstalter Kurt Göttler verhöhnt ihn über den Lautsprecher: "Brutus, der Verräter, hat uns nicht verraten, dass er gleich aufgeben wird." Vor aller Öffentlichkeit kündigt Göttler an, den Kämpfer unmittelbar nach dem Kampf von den Ringärzten untersuchen lassen zu wollen. "Wenn der nichts Schlimmes hat, bekommt er nichts außer sein Fahrtgeld", sagt Göttler. Mitveranstalter und Box-Weltmeister Alexander Petkovic ist ebenso fassungslos: "Ich fühle mich verarscht. Ich wurde über den Tisch gezogen." Denn Geza Nemeth soll fünf seiner bisher sieben Profikämpfe gewonnen haben. "Kaum zu glauben", höhnt Kurt Göttler über den Lautsprecher. Und Petkovic geht sogar noch einen Schritt weiter: "Seine Kampfbilanz war geschwindelt."

Wie auch immer, was bleibt, ist die Enttäuschung, die Ernüchterung. Vor dem Boxabend hatten die Veranstalter ja noch vollmundig angekündigt: "Wir wollen Dachau wieder zu einer Hochburg des Kampfsports machen." Der Hauptkampf sollte ein erster Schritt in diese Richtung sein. Doch letztlich wurde er zu einem Tiefschlag für alle Beteiligten, insbesondere für die maßlos enttäuschten 200 Zuschauer, die 20 Euro für das "Box-Spektakel" gezahlt haben. Einer der Zuschauer sehnte gar die Siebzigerjahre wieder herbei: "Damals war das alles noch ganz anders. In den Bierzelten in Dachau oder Indersdorf bekam man beim Boxen kaum noch einen Platz."

Das Interesse der Dachauer am Boxen ist inzwischen kaum noch vorhanden. Nachdem für Veranstalter Kurt Göttler bereits der WM-Kampf von Alexander Petkovic im vergangenen November mit einem satten Minus in der Kasse geendet hatte, waren auch am Samstagabend wieder nur 200 der 500 Plätze besetzt. Die Enttäuschung stand Göttler nach dem Kampf deutlich ins Gesicht geschrieben. "Ich muss darüber erst einmal eine Nacht schlafen", stammelte er vor sich hin. Seinem Mitveranstalter Petkovic war die Sache schlichtweg peinlich: "Es tut mir leid für die Zuschauer. Das kommt nicht mehr vor", entschuldigte er sich, um dann kämpferisch hinzuzufügen: "Ich werde selbst gegen einen großen Namen hier in Dachau in den Ring steigen."

Doch ob das die Leute wirklich wollen, darf bezweifelt werden. Zumal auch die meisten der acht Vorkämpfe am Samstagabend ein niedriges Niveau hatten. Die Duelle waren meist so ungleich, dass die Kämpfe bereits in der ersten Runde vom Ringrichter abgebrochen werden mussten. Die Europameisterin Caroline Schröder bekam bei ihrem Sieg ebenso überhaupt keine Gegenwehr zu spüren wie der aus Las Vegas angereiste, technisch stark boxende Nico Zizic. Die Gegner waren nicht mehr als "Fallobst", formulierte es ein Zuschauer.

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