Ausstellung in Dachau:Das Leuchten der Nacht

Ausstellung in Dachau: Ein Spiel mit Kontrasten und zarten Farben: Nachtbild von Maria Detloff.

Ein Spiel mit Kontrasten und zarten Farben: Nachtbild von Maria Detloff.

(Foto: Toni Heigl)

In der KVD-Jahresausstellung geht es um einen Klassiker der Kunstgeschichte: Bilder der Finsternis. Die Mitglieder bearbeiten das Thema nicht nur mit sehr unterschiedlichen Darstellungsformen, sondern auch mit vielfältigen künstlerischen Ansätzen.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Schon seit Jahrhunderten beschäftigt sich die Kunst mit der Nacht, sie ist ein ebenso unheimliches wie faszinierendes Sujet. In der Renaissance ließen Künstler Heilige in gleißendem Licht aus der Finsternis fahren, in der Romantik wurde die Nacht zur Kulisse abgründiger Seelenlandschaften. Was die zeitgenössische Kunst aus dem Thema macht, kann man in den kommenden vier Wochen in der KVD-Galerie sehen. Die Mitgliederausstellung der Künstlervereinigung Dachau steht in diesem Jahr nämlich unter dem Motto "Nachtbilder".

Tatsächlich finden sich in manchen der ausgestellten Arbeiten versteckte Referenzen an Bilder früherer Epochen. Von Heinz Eder ist ein staubgrauer Nachtmahr zu sehen, er ähnelt in Gestalt und Haltung dem Alb aus dem berühmten Schauergemälde Heinrich Füsslis von 1790 - nur die lasziv hingestreckt Träumende und das furchterregende Ross zwischen den Gardinen fehlen. Einer schlaflosen Nacht gibt Oliver Hein in Form seiner Metallarbeit "Nachtgedanken" Gestalt, die verschlungene Bahnen kehren immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurück. Ewiges Grübeln und Sinnieren, ein inneres Kreisen ohne Ausgang.

Die Weltlage erscheint gerade auch zappenduster

Florian Marschall nähert sich dem Thema über einen Seiteneingang der Popkultur. In "Nighthawks at the Diner" setzt er das Cover des gleichnamigen Tom-Waits-Albums zeichnerisch um - das wiederum angelehnt ist an "Nighthawks" von Edward Hopper, dem weltweit wohl populärsten Gemälde nächtlicher Großstadt-Einsamkeit.

Die Sentimentalität romantischer Nachtszenen treibt Stephan M. Schuster in seinem "Mond am Wasserturm" auf die Spitze. Das Foto des dramatisch umwölkten Trabanten leuchtet hinter Glas in einem floral verzierten Goldrahmen von geradezu grotesker Dimension. Ist das noch Kitsch oder schon Ironie?

Beim Bildhauer Wolfgang Sand wird die Nacht zur Allegorie der krisenhaften Gegenwart, die er wie gewohnt mit reichlich Witz in Szene setzt: Auf dem Sockel seiner Bronzeplastik "Fortuna schläft" wartet ein Trichter darauf, mit den Wohltaten aus dem Füllhorn der Glücksgöttin gefüllt zu werden. Allerdings ist das Horn mit einem Deckel verschlossen, von Fortuna selbst ist nichts zu sehen. Betriebsschluss, Feierabend. Wir sind bald wieder für Sie da.

Karin Schuff zeigt ein abstraktes nachtblaues Acrylbild auf Papier - kein Nachtmotiv im eigentlichen Sinne, "aber von der Farbe passt es gut dazu", findet die Künstlerin. Wie in der Galerie überhaupt ein unerwarteter Reichtum an Farben herrscht. Das liegt auch am Naturell der jeweiligen Künstler. Anna Kroschewski, die erst seit vergangenem Jahr Mitglied der KVD ist, sagt, sie lasse sich "von der Farbe leiten". Für ihre abstrakten Bilder taucht sie ein in die Chromatik kühler Nächte; goldgelbe Linien ziehen irrlichternden Spuren wie Scheinwerfer durch die abstrakte blaue Szenerie.

In der Dunkelheit sieht man manchmal mehr

Im selben Fahrwasser, wenn auch näher an den Ufern der Gegenständlichkeit, bewegt sich Maria Detloff. Die Künstlerin aus Altomünster malt seit vielen Jahren Landschaften. In ihren Nachtbildern sind Berge und Wälder auf schwarze Silhouetten reduziert. Die große Bühne gehört den Lichtstimmungen des Abendhimmels, den warmen Farben der letzten Abendstunde, in die sich bereits das Grün und Blau der Nacht mischen.

Ein wiederkehrendes Thema dieser Ausstellung ist auch das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Wahrnehmung und Imagination: Heiko Klohn bildet in seiner Bleistiftzeichnung eine Neonröhre ab, die so hell strahlt, dass die Details am Bildrand scharf hervortreten, sich aber die Mitte der Röhre im gleißenden Licht selbst auslöscht. Hier ist nichts mehr zu sehen, nur noch eine leere weiße Fläche. Weniger Licht, möchte man da rufen.

Ausstellung in Dachau: "Nachtgedanken", Metallobjekt von Oliver Hein.

"Nachtgedanken", Metallobjekt von Oliver Hein.

(Foto: Toni Heigl)
Ausstellung in Dachau: Florian Marschalls Zeichnung "Nighthawks at the Diner" ist eine eher gesellige Variante des Original-Plattencovers von Tom Waits.

Florian Marschalls Zeichnung "Nighthawks at the Diner" ist eine eher gesellige Variante des Original-Plattencovers von Tom Waits.

(Foto: Toni Heigl)
Ausstellung in Dachau: Anne Kroschewski betont in ihren Arbeiten die farbigen Facetten der Nacht.

Anne Kroschewski betont in ihren Arbeiten die farbigen Facetten der Nacht.

(Foto: Toni Heigl)
Ausstellung in Dachau: Strukturen und Oberflächen spielen in Gabriele Middelmanns Arbeiten immer eine zentrale Rolle. Hier interagieren sie mit imaginären Schattenwürfen.

Strukturen und Oberflächen spielen in Gabriele Middelmanns Arbeiten immer eine zentrale Rolle. Hier interagieren sie mit imaginären Schattenwürfen.

(Foto: Toni Heigl)
Ausstellung in Dachau: In Wolfgang Sands Bronzeplastik "Fortuna schläft" hat auch das Füllhorn mit Glück Betriebspause.

In Wolfgang Sands Bronzeplastik "Fortuna schläft" hat auch das Füllhorn mit Glück Betriebspause.

(Foto: Toni Heigl)

Ausgesprochen farbenfroh präsentiert sich die Reihe "City Lights" des Fotografen Wolfgang Feik. Wo seine Aufnahmen entstanden sind, lässt sich kaum sagen, es spielt auch eigentlich keine Rolle. Die Unschärfe löst die Formen der Baukörper auf: Blinkende Ampeln, bunt leuchtende Werbetafeln und die Lichter der Straße fügen sich zu einem stimmungsvollen, aber kaum greifbaren nächtlichen Ambiente.

Messerscharfe Unschärfe

Die Unschärfe ist ein Aspekt, mit dem auch Martin Off sich intensiv auseinandergesetzt hat: Bei einem Besuch in Bamberg fielen ihm eines Abends die unzähligen schwirrenden Insekten auf, die sich an den Laternen um einen Platz an der elektrischen Sonne balgten. "Das war ein Mottenspektakel, wie ich es noch nie gesehen habe", erzählt er und zeigt auf ein Foto, das er von dem Naturschauspiel gemacht hat. Wild flatternde Mottenflügel verschwimmen zu einer wirbelnden Wolke grauer Flocken.

Ausgerechnet diese Szene hat er als Motiv für seinen Papierschnitt ausgesucht, für ein Medium also, das eigentlich nur messerscharfe Kontraste kennt, hier Schwarz, da Weiß. Man muss das Bild künstlerisch übersetzen, dafür aber erst eine adäquate Ausdrucksform finden. Martin Off wählte den Weg über die maximale Kleinteiligkeit. "Das ist wahrscheinlich der aufwändigste Scherenschnitt, den ich je gemacht habe", sagt der Künstler, der tatsächlich nicht mit der Schere, sondern mit einem feinen Skalpell arbeitet. Übersetzungsfehler im Detail sind dennoch kaum zu vermeiden. Gut so. "Das Unperfekte macht es erst lebendig", sagt er. Die Kunst hat, wie die Nacht, ihre eigenen Gesetze.

KVD-Mitgliederausstellung 2023: "Nachtbilder". Öffnungszeiten Donnerstag bis Samstag 16 bis 19 Uhr, Sonntag 14 bis 18 Uhr. Auch geöffnet am 31. Dezember und 6. Januar, nicht aber am 24. Dezember. Die Ausstellung geht bis 7. Januar 2024.

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