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Baupolitik und Flächenfraß:Die Freiluftschneise schrumpft

Vor allem Naturschützer machen sich Sorgen um den Grünzug zwischen Karlsfeld und Dachau, der immer weiter zugebaut wird. Sie warnen vor steigender Schadstoffbelastung und klimatischen Problemen.

Von Sophie Kobel, Dachau/Karlsfeld

Bruno Schachtner schüttelt den Kopf. "Ich weiß ja, dass wir alle verantwortlich sind für unser Klima und ich manchmal sehr viel von der Politik fordere. Aber hier sieht man teilweise den Grünzug von der Straße aus gar nicht mehr", klagt er. Der ehemalige Stadtrat fährt auf der Schleißheimer Straße Richtung Karlsfeld. "Muss das so zugebaut werden?" Der Grünzug ist eine Freiluftschneise. Doch in ihm befindet sich neben Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Betrieben eine große Baustelle. Auf über 74 000 Quadratmetern entsteht hier der "NU Park", ein neuer Business-Standort Dachaus.

Schachtner biegt mit seinem Auto Am Tiefen Graben ab und deutet den Weg hinunter: "Vor ein paar Jahren durfte hier ein Landwirt aussiedeln und seine riesigen Hallen errichten". Ein paar hundert Meter weiter soll bald das neue Karlsfelder Gewerbegebiet entstehen. Und im Westen der Freiluftschneise könnte in den kommenden Jahren der TSV Dachau seine neue Sportanlage errichten.

All diese Bauprojekte haben eines gemeinsam: Sie knabbern weiter am Dachauer Moor und verringern die klimatische Wirkung der Freiluftschneise. Und eine klare Grenze für neue Projekte scheint es nicht zu geben. "Es heißt immer 'hier noch ein bisschen' und 'da noch ein wenig'", sagt Peter Heller, Kreisrat des Bündnis für Dachau. Er ist sich sicher, die aktuelle Baupolitik der Gemeinden wird in der Zukunft zu klimatischen Problemen führen. Denn schon jetzt gehören Dachau und Gröbenzell zu den Gebieten im Münchner Umland, die am meisten von Schadstoffen belastet sind, so Heller. Insbesondere im dicht besiedelten südlichen Landkreis wird die Luft sowohl durch Schornsteine als auch die viel befahrenen Bundesstraßen und Autobahnen vermehrt mit Schadstoffen angereichert. Sie fließt über Gröbenzell das natürliche Gefälle in nord-östliche Richtung hinunter und passiert die Freiluftschneise zwischen Dachau Karlsfeld. "Nur steht hier leider bereits die Siedlung Rothschwaige quer zur Abflussrichtung. Dadurch und aufgrund der B 304 ist Dachau der einzige von 15 regionalen Grünzügen im regionalen Planungsverband um München, der räumlich getrennt ist", erklärt der Vorsitzende des Bundes Naturschutz Dachau.

"Wir haben das als Stadt leider nicht in der Hand"

Mittlerweile würden neue Bauprojekte wie das Gewerbegebiet Karlsfeld zwar parallel zu diesem Luftstrom geplant, sie seien aber trotzdem Blockaden und somit schädlich für die Dachauer Luft, so Heller. In naher Zukunft kann diese Problematik zu steigender Sommerhitze in den Siedlungsgebieten und zu erhöhter Schadstoffbelastung bei Inversionswetterlagen führen. Um diese Langzeitfolgen zu verringern wünscht sich der Dachauer besonders bei privilegierten Bauvorhaben, wie es die Aussiedelung von Landwirten sind, mehr Diskussion. "Dass wirklich etwas ablehnt wird, merke ich nicht. Man kriegt es aber auch nur schwer mit".

Naturschützer und die Bürgerinitiative "Grünzug Dachau und Karlsfeld" hatten sich vor Jahren darum bemüht, ein umfassendes Landschaftsschutzgebiet aus der Fläche südlich der Schleißheimer Straße zwischen Dachau und Karlsfeld zu machen. "Wir hatten mehr als 5000 Unterschriften, aber daraus ist nur ein Fleckenteppich geworden, die Interessen von Gärtnereien und Landwirtschaftsbetrieben wurden als höherwertiger angesehen".

Das sieht Landrat Stefan Löwl (CSU) anders. Der Kreistag habe den Antrag abgelehnt, da das Ziel lediglich war, bauliche Maßnahmen zu verhindern. Auf diesem Außenbereich gebe es aber ohnehin kein Baurecht, zudem haben die Gemeinden selbst in der Hand, wer wo baut. Das habe dem Kreistag eben nicht gereicht. "Die Gemeinden sollten erst einmal ihre Flächennutzungspläne überarbeiten und sich überlegen, welche Flächen bebaut und welche freigehalten werden sollen. Sonst würde man nur Eckpunkte für zukünftige Verfahren reinhauen", so Löwl. Wenn das aber erledigt sei, beschäftige sich der Kreistag gerne wieder mit der Frage des Flächenschutzes. "Die Ressource Boden ist heute deutlich wertvoller als früher. Im Bezug auf die Frischluftschneise ist zum Beispiel ein Aussiedlerhof mitten im Gelände oft problematischer als 20 Quadratmeter mehr Bebauung am Ortrand", sagt Löwl.

Trotzdem dürfen immer wieder Landwirte in den Grünzug zwischen Dachau und Karlsfeld aussiedeln. Und das, obwohl kein Baurecht vorhanden ist und die klimatischen Folgen für die Kommunen bekannt sind. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) weiß um die Problematik des privilegierten Bauens: "Wir haben das als Stadt leider nicht in der Hand. Der Antrag des Landwirtes wird vom Amt für Landwirtschaften und Ernährung beurteilt", sagt er. "Wenn die ja sagen, müssen wir das genehmigen. Es sei denn, es handelt sich um Landschaftsschutzgebiet, und das haben wir ja eben zu beantragen versucht". Im Flächennutzungsplan, der aktuell entwickelt wird, werde man jedoch Landschaftsschutz für die Fläche beantragen und sich generell auf das innere Wachstum Dachaus fokussieren. Wann dieser fertig werde, sei noch nicht absehbar, gerade habe man ein erstes Leitbild fertigerstellt.

Für Heller ist das nur wenig Trost: "Man darf nie vergessen, Boden ist nur einmal verfügbar und zur Auflassung versiegelter Flächen kommt es kaum".

© SZ vom 17.02.2021
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