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Kinder und Corona:"All das, was Kindsein ausmacht, fiel weg"

Kinderarzt Marcus Benz kennt das Problem: Seit Corona sind viele Eltern verzweifelt, die Kinder weinen und klagen über Schmerzen.

(Foto: Toni Heigl)

Nach einem Jahr Pandemie kämpfen Kinder mit emotionalem Stress. Sie verlernen Dinge, klagen über Schmerzen und depressive Verstimmungen. Das bestätigen auch Dachauer Ärzte.

Von Eva Waltl, Dachau

Manche Schulkinder verlernen, wie man eine Schere hält. Andere verlernen den Gebrauch der deutschen Sprache oder den Umgang mit anderen Kindern. Jürgen Kuhr von der Stadtverwaltung Dachau zeichnet ein Stimmungsbild, wie sich das Leben in Schulen und Kindertagesstätten in Dachau während der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen verändert. Auch Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die sich mit der psychischen und physischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland während der Pandemie beschäftigen, kommen zu einem erschütternden Ergebnis in der Copsy-Studie: Fast jedes dritte Kind leidet etwa ein Jahr nach Beginn der Pandemie. Kopf- und Bauchschmerzen treten häufig auf, aber auch Niedergeschlagenheit, Sorgen, Ängste und depressive Symptome haben im Verlauf der Pandemie deutlich zugenommen.

Dieser bundesweite Trend macht sich auch in der Dachauer Praxis von Marcus Benz bemerkbar. Der Kinder-Nephrologe bemerkt einen deutlichen Anstieg von psychosomatischen Erkrankungen, also jenen, die auf keine organische Ursache zurückzuführen sind: "Bei Kleinkindern bemerken wir vermehrt unspezifische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen, die wir sonst nicht haben." Der Arzt führt viele dieser Krankheitsbilder vor allem auf "coronabedingten Stress" zurück. Weiter steigt die Anzahl an kleinen Patienten, die mit emotionalem Stress zu kämpfen haben. Dabei handle es sich meist, so betont es Benz, um Schlafstörungen und Probleme mit der Aufmerksamkeit. "Bei manchen Kindergartenkindern gehen bereits erlernte Sachen wieder verloren." Dies würde etwa, so der Nierenfacharzt, die Sauberkeit betreffen: "Es kommt vor, dass sich Kinder wieder einnässen."

"Corona ist eine unsichtbare Gefahr"

Lange Zeit hatten Kinder keine Möglichkeit, sich entsprechend auszutoben. Das Sportangebot war beinah gänzlich eingestellt, und auch der Kontakt zu Gleichaltrigen musste reduziert werden. "All das, was Kindsein ausmacht, fiel weg: Freunde treffen, Sport machen, in den Kindergarten oder in die Schule gehen", bemängelt Benz. Dies sei äußerst gefährlich. In seiner Praxis berät der Arzt auch vermehrt Eltern, deren Kinder eine Hyperaktivität entwickeln. Diese Kinder litten besonders unter den Einschränkungen, weil sie sich nicht ausreichend bewegen könnten, so Benz.

Angelika Sewalski von der Caritas-Fachstelle für Kindertagesstätten im Landkreis Dachau stellt diese Veränderungen ebenfalls fest. Bei Kindern hätte sich das Schlaf- und Essverhalten verändert, aber auch das Sozialverhalten sei in Mitleidenschaft gezogen worden: "Kinder tun sich schwerer im Umgang mit anderen Kindern. Sie halten Regeln nicht mehr ein, die sie zuvor perfekt konnten." Sie sieht vor allem den ständigen Wechsel zwischen Notbetreuung, eingeschränktem Regelbetrieb und Normalbetrieb in den Kindertagesstätten als Ursache für die veränderten Verhaltensweisen. Den Kindern fehlt eine wichtige Konstante im Alltag. Ein zuvor eingespielter Tagesablauf fällt zusammen. Und für die getroffenen Maßnahmen fehlt ihnen schlicht das Verständnis. Ein gebrochenes Bein könnten Kinder viel besser verstehen, aber "Corona ist eine unsichtbare Gefahr", so Sewalski, weswegen die Maßnahmen den Kindern "extrem Angst machen."

Nicht nur Kindergartenkinder haben mit den Corona-Maßnahmen zu kämpfen, der Druck, unter dem Schulkinder stehen, ist enorm. Benz behandelt Kinder mit chronischen Nierenerkrankungen, die ohnehin Probleme haben, dem Unterricht zu folgen. "Diese Kinder sind hinten runtergefallen", sagt er. Der Schulstoff an sich ist aber nicht seine einzige Sorge. "Es ist falsch, nur das verlorene Schuljahr zu sehen", so Benz. Es gehe vielmehr um psychosoziale Entwicklungen, die nicht stattfinden könnten. Benz musste in den vergangenen Monaten fünfmal so viele Einweisungen in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie ausstellen wie in den Zeiten vor Corona. "Seit Januar ist es besonders schlimm. Es scheint, als wäre keine Perspektive mehr da." Dabei handelt es sich um Kinder ab dem zehnten Lebensjahr. Auch mit suizidalen Gedanken bei Jugendlichen setzt sich der Arzt während der Pandemie vermehrt auseinander. "Die vulnerable Phase ist Grundschulalter bis Jugendlichenalter", erklärt der Kinder-Nephrologe.

"Eine soziale Katastrophe"

Er kritisiert in diesem Zusammenhang scharf die Coronapolitik, die Kinder "absolut benachteiligt". Das Kindeswohl werde nicht berücksichtigt. "Es wird gar nicht gefragt, was diese Beschränkungen mit der Psyche der Kinder machen", moniert er. Die Politik solle endlich aufwachen und erkennen, dass das Kindeswohl wichtiger sei als die Wirtschaftsleistung. Auch Kuhr, der den "unendlich langen" Phasen der Coronabestimmungen kritisch gegenüber steht, sieht den Lockdown in diesem Bereich als "soziale Katastrophe."

Mit sinkender Inzidenzzahl strömen die Kinder wieder in Kitas und Schulen zurück. Dies ist ein Lichtblick. Allerdings werden die sozialen und persönlichen Nachwirkungen nicht mit dem Übertreten der Türschwelle zur Kita verschwinden. Kuhr von der Stadtverwaltung Dachau erklärt, dass Kinder mit den Folgen sicherlich noch im kommenden Jahr zu kämpfen hätten. Der Dachauer Kinderarzt Marcus Benz schätzt, je kleiner das Kind, desto höher ist die Chance, dass dieses mit der Situation besser umgehen könne und desto kurzfristiger könnten dementsprechend die Schäden sein.

Sewalski bemerkt in den Caritas-Kitas trotz aller negativer Folgen auch positive Nebeneffekte der Corona-Pandemie: "Da viele Eltern mehr Zeit mit den Kindern verbringen, haben sich viele Kinder über die ungewohnte Präsenz der Eltern sehr gefreut." Wie schnell die Freude auch die Entwicklungsrückstände des Kindes wettmacht und die Symptome lindert, darüber weiß jedoch keine der Parteien eine konkrete Voraussage zu treffen.

© SZ vom 11.06.2021
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