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Dachau:"In der Krise haben die allermeisten Dachauer gezeigt, dass sie Herz haben"

Online Bürgerversammlung Dachau

OB Florian Hartmann (rechts) und Hauptamstleiter Josef Hermann beantworten bei der Online-Bürgerversammlung Fragen aus der Bevölkerung.

(Foto: Screenshot: Thomas Radlmaier)

Im zweiten Anlauf gelingt die Online-Bürgerversammlung ohne technische Störungen, Oberbürgermeister Florian Hartmann präsentiert sich als selbstironischer, witziger Conférencier, der den Menschen Zuversicht geben will. Das ist auch nötig angesichts der großen Probleme der Stadt.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Sein Mund bewegt sich, die Zuschauer verstehen, was er sagt. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) erscheint am Donnerstagabend um Punkt 19 Uhr auf den Bildschirmen. Es folgt Selbstironie, ein wahres Gag-Konzert. Witz eins: Hartmann hält ein Schild in die Kamera. "Können Sie mich hören?", steht darauf. Witz zwei: "Herzlich Willkommen zur ersten Dachauer Online-Bürgerversammlung (...) beziehungsweise der ersten Dachauer Online-Bürgerversammlung, die funktioniert." Witz drei: Bei der ersten Bürgerversammlung hätte es ihm "komplett die Sprache verschlagen", sagt Hartmann. Die Technik habe damals versagt, der Ton sei weg gewesen. Witz vier: Wer den Ton geklaut habe, sei noch unklar. "Aber es verdichten sie die Hinweise, dass es sich beim Täter um eine barfüßige Person mit roten Haaren, gelbem Shirt und grüner Hose handelt", sagt Hartmann. Er zeigt ein Phantombild des Ton-Diebs: der Pumuckl.

Es ist eine bemerkenswerte Bürgerversammlung im Jahr 2021. Nicht nur weil der OB und die Stadt sich wegen des ersten missglückten Versuches Ende April selbst auf die Schippe nehmen. Sondern auch weil es eine Bürgerversammlung wie diese noch nie gab. Vor Corona fand in jedem Stadtteil eine Bürgerversammlung statt. Doch die Seuche verhindert Präsenzveranstaltungen. Nachdem die Pandemie bereits 2020 nur eine Bürgerversammlung im kleinen Rahmen im Thoma-Haus erlaubte, nutzt die Stadt heuer erstmals den digitalen Raum.

"Heute Abend können Sie ungeniert in Jogginghosen und Pantoffeln teilnehmen"

Die Zuschauer können am Donnerstagabend live auf Facebook und der städtischen Homepage mitverfolgen, wie Hartmann und Hauptamtsleiter Josef Hermann vor Kamera und Mikrofon Fragen aus der Bevölkerung beantworten. Nach Angaben der Stadt schauen circa 330 Menschen zu. "Man kann ja immer versuchen, den Dingen etwas Positives abzuringen", sagt Hartmann. "So gesehen begrüße ich Sie zur ersten Bürgerversammlung in Dachau, an der Sie ungeniert in Jogginghose und Pantoffeln teilnehmen können." Der fünfte Witz.

Ansonsten gibt es wenig zu lachen. Die Corona-Krise erwischte die Stadt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Dachau wächst rasant. Aktuell leben fast 48 000 Menschen hier, das sind 11,5 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Die Stadt kommt kaum hinterher, die Infrastruktur entsprechend auszubauen. Gleichzeitig weiß noch niemand, wie sich die Krise in den nächsten Jahren auf die ohnehin schwierige Finanzsituation der Stadt auswirkt. Schon jetzt mussten die Stadträte einige Vorhaben aus den Haushaltsplanungen streichen, darunter die geplante Kunsteisbahn und die Rathauserweiterung. Doch in anderen Bereichen muss die Stadt Geld ausgeben, um handlungsfähig zu bleiben. Hartmann sagt, wenn er sich eine Überschrift für seinen Bericht überlegen müsste, würde diese lauten: "Investitionen unter erschwerten Bedingungen." Vor allem der Ausbau der Schulen kostet Millionen. Hartmann nennt die Erweiterung der Grundschule Augustenfeld, er verweist darauf, dass die Stadt ab Herbst eine neue Turnhalle an der Grundschule Dachau Ost bauen wird. Trotz dieser Maßnahmen werde man aber mittelfristig eine fünfte Grundschule bauen müssen.

Die Dachauer beschäftigen natürlich die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Aber auch die enormen Verkehrsprobleme. Manche befürchten, dass die neue Einbahnstraßenregelung in der Altstadt den Verkehr in Nebenstraßen wie die Wieninger Straße treiben könnte.

(Foto: Toni Heigl)

Die Dachauer merken das Wachstum vor allem auf den Straßen. Immer mehr Autos sind in der Stadt unterwegs, morgens und abends staut es sich. Lärm, Abgase und Raser mindern die Lebensqualität. Im Vorfeld der Bürgerversammlung konnten Interessierte Fragen stellen. Die meisten Anfragen drehen sich um das Thema Verkehr, wie Hermann sagt. Mehrere Bürger beklagen das hohe Verkehrsaufkommen in der Altstadt. Eine Anwohnerin der Färbergasse befürchtet, dass Autofahrer die schmale Straße als Schleichweg nutzen würden, wenn nach den Sommerferien die Einbahnstraßenregelung in der Altstadt gelten wird - für mindestens ein Jahr dürfen Autofahrer den Altstadtberg nur noch in eine Richtung befahren, vom MD-Gelände zur Bäckerei Wörmann. Hartmann sagt, die Stadt werde sich die Situation in möglichen Ausweichstraßen wie der Färbergasse oder der Wieninger Straße genau anschauen. Bei Problemen "werden wir reagieren". Angesichts des enormen Verkehrsaufkommens in Dachau appelliert Hartmann an jeden einzelnen, sich zu überlegen, ob man jede Fahrt mit dem Auto erledigen müsse.

Die Dachauer zeigen in der Krise Herz. Das macht OB Hartmann schon stolz

Auch Raser sind in Dachau ein großes Problem. Viele Menschen beschweren sich darüber, dass Autofahrer zu schnell fahren, etwa in der Münchner Straße oder Eduard-Ziegler-Straße. Und dann sind da noch die Autoposer, die mit ihren aufgemotzten Karossen regelmäßig den Schlossberg hinaufbrettern und den Anwohnern der Klosterstraße den Schlaf rauben. Eine Frau fordert, am Beginn der Klosterstraße eine Schranke aufzustellen. Hartmann erklärt, die Stadträte hätten eine Schranke aus Kostengründen abgelehnt. Aktuell prüfe die Stadt, ob eine Videoüberwachung am Schlossplatz möglich ist, um die Poser zu erwischen, die regelmäßig die Poller an der Hexengasse austricksen. Allerdings sei da eine "datenschutzrechtliche Hürde".

Neben Verkehr beschäftigt aber freilich auch die Corona-Krise viele Menschen in Dachau. Hartmann nutzt die Online-Bürgerversammlung, um auch auf die aufmerksam zu machen, "die von der Pandemie um ein Vielfaches schlimmer betroffen sind als andere. Menschen sind gestorben, andere schwer erkrankt, manche haben mit schwerwiegenden Langzeitfolgen zu kämpfen". Auch für viele Einzelhändler und Gastronomiebetriebe sei Corona eine "existenzbedrohende Katastrophe". Hartmann ruft daher auf, nicht online, sondern vor Ort einzukaufen. "Wie unser Einzelhandel durch die Krise kommt, hängt ganz entscheidend von unserem Kaufverhalten ab." Zum Schluss seines Berichts erinnert Hartmann daran, dass sich viele Dachauer im vergangenen Jahr von ihrer besten Seite gezeigt hätten. Einige engagierten sich beim städtischen Unterstützungsservice, anderen kauften ein für ihre älteren Nachbarn oder besorgten Medikamente. "Ich finde, in der Corona-Krise haben die allermeisten Dachauerinnen und Dachauer gezeigt, dass sie Herz haben, hilfsbereit sind und solidarisch", sagt Hartmann. "Und das macht mich schon ein bisschen stolz."

Die Stadt will die komplette Versammlung in der kommenden Woche online stellen, so dass sie auch von denjenigen angesehen werden kann, die nicht live dabei waren.

© SZ vom 12.06.2021
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