"Clapping for Future":"In der Pflege arbeitet man im Akkord"

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"Clapping for Future": Sebastian Böhm will helfen, Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen.

Sebastian Böhm will helfen, Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen.

(Foto: Maximilian Denuel/oh)

Der Dachauer Student Sebastian Böhm hat ein äußerst ehrgeiziges Spendenprojekt initiiert.

Interview Von Katja Gerland, Dachau

Sebastian Böhm hat den harten Arbeitsalltag in der Pflege bei einem Praktikum selbst zu spüren bekommen. Gemeinsam mit einer Medizinstudentin und einem Informatiker, die ebenfalls aus dem Landkreis Dachau stammen, hat er nun das Projekt "Clapping for Future" initiiert. Das Ziel: 168 Millionen Euro sammeln, um Auszubildenden in der Pflege ein Stipendium zu ermöglichen.

SZ: Herr Böhm, wie haben Sie in Ihrem Praktikum die Situation des Pflegepersonals erlebt?

Sebastian Böhm: Ich wurde in der Gerontopsychiatrie und der sozialen Betreuung eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen sind überall sehr schlecht. Wenn man heute einen Pflegeberuf ergreifen will, hat man eine kräftezehrende Zeit und einen sehr harten körperlichen Beruf vor sich.

Was ist der Grund für die schlechten Bedingungen?

Weil es an Pflegekräften mangelt, arbeitet man im Akkord. Das führt dazu, dass auch die Gepflegten leiden. Morgens werden sie gewaschen, die Zähne oder der Zahnersatz geputzt. Man zieht sie an und bringt sie zum Frühstück. Das passiert wie am Fließband, für eine schöne Konversation am Morgen ist keine Zeit, aber es geht nicht anders. Würde man sich mehr Zeit nehmen, müssten die Grundbedürfnisse zurückstehen.

Wie könnte die Politik die Bedingungen verbessern?

Wäre mehr Personal da, könnte man viel besser auf jeden Einzelnen eingehen, und die Pflegerinnen und Pfleger hätten weniger Stress. Es braucht also Maßnahmen zur Personalgewinnung. Das Wichtigste ist aber die Erhöhung der Gehälter. Das wäre die einfachste Möglichkeit, den Beruf attraktiver zu machen.

Ihr Projektname "Clapping for Future" spielt auf die Zeit zu Beginn der Coronapandemie an, als das Pflegepersonal beklatscht wurde.

Genau. Das war eine nette Geste, die aber ohne Wirkung blieb. Wichtig ist eine Anerkennung, die über Lippenbekenntnisse und Klatschen hinausgeht. Etwa die Unterstützung von Projekten, die den Missständen in der Pflege entgegenwirken. Unser Projekt schafft eine Möglichkeit, etwas zu tun, ohne selbst in politischer Verantwortung zu stecken.

Welches Ziel hat "Clapping for Future"?

Unser Ziel ist es, ein spendenfinanziertes Stipendium für Pflege-Azubis zu schaffen. 168 Millionen Euro wollen wir sammeln. Diese Summe ist nötig, um allen etwa 140.000 Auszubildenden ein Stipendium von 100 Euro im Monat zu ermöglichen, das sie ein Jahr lang zusätzlich zum Gehalt erhalten. Damit möchten wir einen Anreiz für junge Leute bieten, die mit dem Gedanken spielen, in die Pflege zu gehen. Es geht uns aber auch darum, Anerkennung auszudrücken, die dem Pflegepersonal wirklich etwas bringt.

168 Millionen Euro - das ist ein hoch gestecktes Ziel. Ist das überhaupt realistisch?

Wir glauben daran, dass die Summe erreichbar ist. Wenn man sich anschaut, was bereits für andere Projekte gespendet worden ist, ist es gar nicht mehr so unrealistisch. Beispielsweise bei Spendenaktionen für die Ukraine, da kamen innerhalb von nicht mal vier Wochen fast 600 Millionen Euro zusammen. Den Krieg kann man natürlich nicht mit den Arbeitsbedingungen in der Pflege gleichstellen. Aber wir sind der Auffassung, dass auch die Pflege in Deutschland Spenden verdient.

Und wenn das gesammelte Geld nicht ausreicht?

Wir sind als gemeinnütziges Projekt anerkannt. Diese Anerkennung bekommt man nur, wenn man versichert, dass das Geld gemeinnützigen Zwecken zugute kommt. Wenn wir das Stipendium nicht finanzieren können, werden wir die Spenden an Institutionen weiterleiten, die in Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen stehen. Idealerweise natürlich an solche, die sich aktiv für die Pflege einsetzen. Unser Ziel ist erst einmal, so viele Spenden wie möglich zu sammeln. Wir wollen das Thema mit unserem Projekt aber auch aktuell halten. Denn fast genauso wichtig wie das Geld, ist, dass die Bedingungen in der Pflege nicht wieder in Vergessenheit geraten.

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