bedeckt München 21°

ASV Dachau:Durchgeboxt

Anfangs wurde sie belächelt: Dann hat sich die 26-jährige Andrea Steinke aus Dachau mit Beharrlichkeit in einem Männersport behauptet.

Viel mehr als bloßes Draufschlagen: Die 26-jährige Andrea Steinke ist Boxtrainerin und Abteilungsleiterin beim ASV Dachau. Sie liebt besonders das abwechslungsreiche und anspruchsvolle Training, das dieser Sport bietet.

(Foto: joergensen.com)

Andrea Steinke ist eine Frau und sie boxt. Nun muss der Boxsport mit einigen Vorurteilen kämpfen und hat nicht das allerbeste Image. Mehr als stumpfes Draufschlagen sei das schließlich nicht, glauben viele. Boxt man als Mann, wird man schon einmal kritisch beäugt. Der muss gewalttätig sein! Boxt man hingegen als Frau, was an sich schon eher eine Rarität ist, dann wird man belächelt. Andrea Steinke ist das gewohnt und nimmt es mit Humor. "Da stehe ich drüber", sagt sie.

Mit 19 hat die heute 26-Jährige angefangen zu boxen. Wieso sie ausgerechnet auf Boxen kam? Eher ein Zufall, sagt sie. Freundinnen von ihr hatten damals Kampfsport betrieben und da wollte sie es eben auch einmal probieren. "Mir war einfach langweilig", sagt sie. Über das Internet ist sie auf die Boxabteilung des ASV Dachau gestoßen, wo sie inzwischen Trainerin und Abteilungsleiterin ist. Sechs Boxtrainer hat der ASV, Andrea Steinke ist die einzige Frau. Sie hat sich in der reinen Männergesellschaft "durchgeboxt", sagt sie und lacht.

Nein, gewalttätige Neigungen und ein Aufenthalt im Gefängnis sind keine obligatorischen Voraussetzungen, um mit dem Boxsport anzufangen. "Ich war immer ein total friedliebender Mensch", sagt die gebürtige Dachauerin. Boxen sei alles andere als stumpfsinnig. Um Technik und Taktik zu erlernen, brauche es eine sehr lange Zeit. Was sie am Boxen so liebe, das sei das tolle, abwechslungsreiche Training, das den ganzen Körper beanspruche, sagt die 26-Jährige. Auf den familiären Zusammenhalt beim ASV will Andrea Steinke nicht mehr verzichten. "Das ist überhaupt der Hauptgrund, weshalb ich boxe. Es ist wie nach Hause kommen."

Natürlich gibt es auch ein Leben jenseits des Boxens für die 26-Jährige, die das Amt als Trainerin und Abteilungsleiterin ehrenamtlich ausübt. Andrea Steinke ist gelernte Bürokauffrau und hat zusätzlich an der Abendschule eine Ausbildung zur Personalfachkauffrau gemacht. Seit diesem Semester studiert sie neben ihrer Arbeit als Personalreferentin immer freitags und samstags Wirtschaftsrecht an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in München. Dieses Durchhaltevermögen ist es auch, was ihr beim Boxen zugute kommt. "Ich war nie besonders talentiert", sagt Andrea Steinke, "aber das mache ich mit meinem Durchhaltevermögen und Ehrgeiz wieder wett."

Als sie vor sieben Jahren anfing zu boxen, da sagten die Trainer über sie: "Die kommt eh nicht wieder", erzählt sie. Doch jedes Mal stand sie wieder da, hat kaum eine Trainingseinheit verpasst. "Durchhaltevermögen ist der Schlüssel."

Dass die aufgeschlossene Andrea Steinke einst ein "stilles Mäuschen"gewesen sein soll, ist heute kaum zu glauben. Das Boxen habe ihr sehr geholfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken: "Boxen ist nicht nur für den Körper gut, sondern auch für den Geist."

Bunt gemischt ist die Truppe beim ASV, die mehr als 70 Mitglieder sind zwischen zehn und 55 Jahre alt. "Das ist schön", findet Andrea Steinke. Einzig der Frauenanteil ist überschaubar. Dabei sei der ASV Dachau sehr interessiert an weiblichen Mitgliedern, Bedarf am Frauennachwuchs gebe es immer, sagt die Boxerin. Auch sie selbst hat sich schon in den Ring gewagt, im April 2011 nahm sie an den oberbayerischen Meisterschaft im Amateurboxen teil. Viel Pech hatte sie, als sie als Anfängerin direkt auf eine Meisterin und ihr überlegene Gegnerin traf. Ihre Nase wurde ihr zertrümmert, sie musste sogar operiert werden. "Die war völlig hin", sagt sie. Statistisch werde in Bayern bei Amateurkämpfen jährlich sechs Mal eine Nase gebrochen, sagt die Boxerin. Das ist nicht besonders viel, doch Andrea Steinkes Nase war eine von ihnen. "Das kann ja wohl nicht wahr sein!", habe sie sich damals gedacht.

Seitdem ist das Boxen nicht mehr wie früher, die Nase bleibt empfindlich, Wettkämpfe kann Andrea Steinke nicht mehr machen. Gegenüber ihrer damaligen Gegnerin empfindet sie keinen Groll. "Meine Deckung war schlecht", sagt sie. Echten Sportsgeist nennt man das. So ist boxen eben auch: Man steigt in den Ring, kämpft gegeneinander, verletzt sich eventuell, doch am Ende umarmt man sich. "Wo gibt es das sonst?", fragt die 26-Jährige.

Sowieso wollte sie nie die "Wahnsinnsboxerin" werden, sagt Andrea Steinke. Sie sei vielmehr in den Ring gestiegen, um sich selbst zu beweisen, dass sie den Mut dafür hat. Den hatte sie zweifelsohne. Das Boxen bis zum K.O. überlässt sie jetzt lieber Profiboxern. Ihr ganzer Stolz ist ein eingerahmtes Autogramm von Vitali Klitschko, das auf dem Schreibtisch ihres Büros steht. Der hat beachtliche 41 K.O.-Siege.

© SZ vom 27.11.2013

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite