Kleine Altstadtgalerie Dachau:Breakdance auf Büttenpapier

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Kleine Altstadtgalerie Dachau: Thomas von Kummant zeigt in der Kleinen Altstadtgalerie seine zweite Aktausstellung: "Nackt II".

Thomas von Kummant zeigt in der Kleinen Altstadtgalerie seine zweite Aktausstellung: "Nackt II".

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der vielseitige Künstler und international erfolgreiche Comic-Zeichner Thomas von Kummant zeigt in der Kleinen Altstadtgalerie seine zweite Akt-Ausstellung. Im Fokus diesmal: der menschliche Körper in Bewegung und wie man mit wenigen Pinselstrichen eine ganze Geschichte erzählen kann.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Thomas von Kummant ist ein Mann mit vielen Talenten. Er spielt Gitarre, hat eine Band, mit der er auch schon mal in der Dachauer Kulturschranne aufgetreten ist, ein guter Fußballer ist er auch. War er jedenfalls mal. Beim FC Augsburg hätte er beinahe eine Profi-Karriere eingeschlagen. Bundesliga-Spieler Tommy von Kummant: lustige Vorstellung.

Glücklicherweise ist es anders gekommen. In seinem jetzigen Beruf spielt er in einer weitaus höheren Klasse als bloß in der Bundesliga. Die Comic-Reihe "Gung Ho", die er gemeinsam mit Benjamin von Eckartsberg entwickelt hat, ist preisgekrönt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Gerade erst hat Thomas von Kummant für das Cover des zweiten Bandes in einer Sonderedition den internationalen Silver A' Design Award in der Kategorie "Graphic Art" abgeräumt: In seinem Metier ist das vergleichbar mit einem Oscar. Der 49-jährige Dachauer war aber zuvor schon in der internationalen Trickfilmszene extrem gefragt. Aus den USA, aus Kanada, aus Italien, von überall erreichen ihn Anrufe. Thomas von Kummant ist ein gefragter Mann.

Künstler? Ja, unter anderem

Für den professionellen Zeichner ist normalerweise der Computer das wichtigste Werkzeug. Aber er wäre nicht der begnadete Tausendsassa, würde er sich nicht auch in anderen Techniken und Stilen üben. Dazu gehört seit Jahren die Aktmalerei in Aquarelltechnik. 2017, vor der Pandemie, war er bereits zu Gast in der Kleinen Altstadtgalerie, um seine Aktbilder auszustellen. Es war das erste Mal, dass der Künstler sich dem heimischen Publikum vorstellte. Und was man da sah, hatte ein bisschen was von einer Etüde: lauter kleine Fingerübungen, die aber so eindrücklich und schön geraten waren, dass man sie durchaus Kunst nennen darf.

Der damalige Titel lautete "Nackt - Formen durch Fläche", was die Aufgabenstellung klar beschrieb: Geschickt modellierte Thomas von Kummant in seinen Bildern körperliche Plastizität mittels Färbflächen und Aussparungen auf dem weißen Papier. Diese Auflösung der Figuren in Flächen ist ein herausstechendes Stilmerkmal in seiner Arbeit als Comic-Künstler. Die meisten Zeichner seiner Branche arbeiten mit Linien und betonen die Konturen. Thomas von Kummant tut das Gegenteil. Er löst seine Figuren in Flächen auf. "Nackt" war eine Ausstellung, die eindrucksvoll vorführte, wie eine Figur auf dem Papier eine greifbare körperliche Gestalt bekommt. Ohne die Verwendung einer einzigen Linie. Auch bei einem Aquarell wäre das schwierig.

Aus 19 Szenen wird eine Performance

Die nun daran anknüpfende Ausstellung "Nackt II" zeigt ein Kunststück höherer Ordnung, nämlich wie man Bewegung in einem stehenden Bild ausdrückt. Für einen visuellen Geschichtenerzähler, der in seinen Comics auch mal halsbrecherische Motorradrennen in Szene setzt, gehört das natürlich zum Handwerkszeug. Herausfordernd ist es trotzdem, erst recht, wenn man sich so komplexe Bewegungsabläufe aussucht wie den Auftritt eines Breakdancers mit all seinen verrückten Verrenkungen.

Kleine Altstadtgalerie Dachau: Ein Breakdance in Einzelbildern.

Ein Breakdance in Einzelbildern.

(Foto: Niels P. Jørgensen)
Kleine Altstadtgalerie Dachau: Für seine Bilder braucht der Künstler keine Linien, ein Körper lässt sich auch sehr plastisch abbilden, wenn man ihn so geschickt in Farbflächen auflöst wie Thomas von Kummant.

Für seine Bilder braucht der Künstler keine Linien, ein Körper lässt sich auch sehr plastisch abbilden, wenn man ihn so geschickt in Farbflächen auflöst wie Thomas von Kummant.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auf einem Blatt zerlegt Thomas von Kummant die Performance in 19 Einzelszenen. Von der Exaktheit dieser Miniaturstudie kann man sich an einem Tablet überzeugen, auf dem die Szenen in rascher Folge ablaufen wie bei einem Daumenkino. Was dieses Kunststück en miniature noch frappierender macht, ist, mit welch reduzierten Mitteln der Künstler auskommt. Ein paar Pinselstriche genügen: schwarzes Hemd, blaue Hose, beige Tupfer für die Schuhe und das Käppi. Gesicht und Haar braucht es nicht. Durch den Schirm der Kappe ist auch die Position und Haltung des Kopfs immer eindeutig definiert.

Manche Bilder haben nur skizzenhaften Charakter und sind mit wenigen Strichen hingeworfen. Manchmal sind die Figuren in ihren verschiedenen Position in- und übereinander gemalt, nur mit verschiedenen Farben. Das erinnert an alte Höhlenmalereien, wäre der Pinselduktus nicht so flott und die Proportionen seiner Figuren in ihrer perspektivischen Streckung beziehungsweise Verkürzung nicht so realitätsgetreu wiedergegeben.

Bewegungsstudien beim Fußballschauen

Diese Dinge muss man sich abschauen, ganz genau und ganz bewusst. Das macht von Kummant beispielsweise beim Fußballschauen, wie sein Freund Matthias Hörl bei der Vernissage verrät. Wenn Thomas Müller mit dem Leder Richtung gegnerisches Tor rennt, schauen alle auf den Ball und vielleicht auch noch, wohin die Verteidiger rennen. Der Künstler aber, auch wenn er selbst Fußball-Fan ist, studiert lieber, wie Müller seine schlaksigen Gliedmaßen um sich schleudert, während er vorwärts hackelt. Nicht nur Körper und Gesichter sind individuell, sondern auch Bewegungen. Manchen, den man nur als Schatten sah, hat schon sein Gang verraten.

All diese prägenden Details studiert Thomas von Kummant minutiös, und so erzählen seine Motive auch viel durch ihre Körpersprache. Eine der elaborierteren Arbeiten, der Akt einer liegenden Frau, zeigt sie, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Blick zum Betrachter. Man könnte es für eine laszive Pose halten, aber es zeigen sich darin auch Verletzlichkeit und Scheu, wenn sie sich mit dem Bein vom Boden abdrückt und den Unterleib in Gegenrichtung wegdreht. Solche Ambivalenzen machen seine Akte zu Porträts, die nicht nur den menschlichen Körper, sondern auch Persönlichkeit und emotionale Verfassung widerspiegeln. Selbst wenn es die Abgebildeten gar nicht gäbe, man könnte mit Recht behaupten, sie wirklich gesehen zu haben.

Lernen aus der Kunstgeschichte

Ausgefeilte technische Fertigkeiten sind für solche Arbeiten ebenso erforderlich wie eine vorzügliche Beobachtungsgabe. Thomas von Kummant bringt aber noch mehr mit. Wer ihn daheim besucht, stößt auf Berge von Kunstbänden, in denen sich studieren lässt, wie andere durch die Jahrhunderte gemalt und gezeichnet haben: Wilhelm Busch, Gustav Klimt oder - wo wir schon bei Akten sind - Egon Schiele. Manches davon scheint auch in seinen eigenen Bildern durch, allerdings sublimiert durch seinen eigenen lockeren Stil.

Es kann passieren, dass man nach dem Besuch der Kleinen Altstadtgalerie fasziniert Passanten dabei zusieht, wie sie die Straße überqueren, wie Jogger ihre Dehnübungen machen oder Kinder im Hof wie wild in die Pedale ihres Fahrrads treten. Mit diesen Nebenwirkungen muss man wohl rechnen: "Nackt II" ist eine kleine, aber feine Ausstellung, die den Blick schärft für das Wunderwerk Mensch.

Thomas von Kummant: Nackt II. Kleine Altstadtgalerie. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 18 bis 20 Uhr, Sonntag 14 bis 16 Uhr. Zu sehen bis Freitag, 7. Oktober.

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