SZ-Adventskalender:Versicherungsfalle statt Traumatherapie

SZ-Adventskalender: Die Suche nach einem Therapieplatz ist ohnehin schwer. Für Privatpatienten im Basistarif ist sie nahezu aussichtslos.

Die Suche nach einem Therapieplatz ist ohnehin schwer. Für Privatpatienten im Basistarif ist sie nahezu aussichtslos.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Ein Mann aus dem Landkreis braucht eine Traumatherapie. Doch weil er Sozialleistungen bezieht und privat versichert ist, rutscht er in den sogenannten Basistarif - und landet in einem Teufelskreis.

Von Jonas Junack, Dachau

Es gibt im Leben von Stefan P. eine Zeit vor und nach diesem Moment. Dem "letzten Moment, wo es gut gelaufen ist", wie er es nennt. Das war irgendwann 2013. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Heute ist er ein Mann Mitte vierzig. Unauffällig, schlank, akkurat frisiert, hier und da ein paar graue Strähnen im Haar. Das ordentliche Auftreten, gehöre zu seiner Krankheit, sagt er. Und es funktioniert. Von Außen zeugt nichts davon, dass in seinem Innerem "absolute Baustelle" ist, wie er sagt. Eine Baustelle, für die er dringend Hilfe benötigen würde. Doch ein Therapieplatz, auch das gehört zu seinem Leben, ist ihm verwehrt.

Als es noch gut lief, in seinem Leben, arbeitete er als Selbstständiger für ein Unternehmen in der Telekommunikationsbranche und verkaufte Verträge. Er ist damals ein Workaholic, getrieben vom Traum der eigenen Existenz und berauscht von größeren Geldsummen, die er in guten Monaten verdient. Verkaufen, das kann er. Stefan P. weiß sich auszudrücken, spricht mit fester Stimme und hat einen durchdringenden Blick. Und er ist besessen von der Kontrolle. Alles, das ist ihm auch heute noch wichtig, wirklich alles muss korrekt laufen. Der perfekte Vertreter.

Der Absturz

Doch dann verliert P. seinen Job, unvermittelt. Trotz Topleistungen. Zum Jobcenter zu gehen, kommt für ihn nicht infrage. Stattdessen verdingt er sich noch ein paar Jahre als Selbstständiger. Das funktioniert erst. Und dann irgendwann gar nicht mehr. Stefan P. ist pleite. Zieht sich mehr und mehr zurück. Weil er seine Rechnungen nicht bezahlen kann, fürchtet er, dass bald ein Gerichtsvollzieher wegen der Pfändung vor seiner Tür steht. Deswegen entfernt er sein Klingelschild und meldet sich bei der Meldebehörde ab. In den kommenden Jahren steigen seine Schulden durch Zinsen von 15 000 auf etwa 50 000 Euro. Seine - bis dato nicht diagnostizierte - Anpassungsstörung und seine Depression ziehen ihn immer weiter in ein Loch - und dann geht er zum Jobcenter.

Von nun an beginnt eine bürokratische Odyssee, die viel darüber erzählt, wie ein System aus privaten Krankenkassen, öffentlichen Sozialleistungsanbietern und Ärzten zur Hölle werden kann.

Stefan P. durchläuft alle Verfahren beim Jobcenter, weil er keine günstigere Wohnung findet, wird seine Miete angerechnet und er lebt ein Jahr lang von 200 Euro im Monat. Aber als schwer psychisch Erkrankter ist er nicht arbeitsfähig und ein Fall für die Erwerbsminderungsrente, wofür das Sozialamt zuständig ist. Es dauert. Doch dann bekommt Stefan P. über einen Psychiater ein psychologisches Gutachten und schließlich auch die unbefristete Erwerbsminderung. Zum selben Zeitpunkt wird eine Schwerbehinderung festgestellt. Sein Nervenkostüm, so sagt er heute, sei damals "völlig verbrannt" gewesen. Langsam könnte Ruhe einkehren, P. könnte sich Hilfe suchen, seine "schweren Traumata", wie er es nennt, angehen. Wäre da nicht die Sache mit der Krankenkasse.

Als Selbstständiger ist P. schon immer privat versichert. Und damit auch lange sehr zufrieden. Doch das ändert sich, als die Sachbearbeiterin des Sozialamts ihn auffordert, den Tarif zu wechseln. P. muss in einen sogenannten Basistarif. Dieser ist auf eine gesetzliche Einigung zwischen den privaten Krankenkassen und dem Gesetzgeber von 2009 zurückzuführen. Für die Kassen ist es demnach Pflicht, einen Kunden zu versichern, selbst wenn er, wie P., kaum zahlungsfähig ist.

Teufelskreis: Basistarif

Seine Krankenkasse erhält nun vom Sozialamt, was bei einer gesetzlichen Krankenkasse als Höchstbeitrag festgelegt ist. Das sind damals etwas mehr als 800 Euro. Mittlerweile erhält die Kasse für P. fast 1000 Euro. Das Teuflische am Basistarif: Die Kassen zahlen für Behandlungen nur noch einen Bruchteil dessen, was sie für andere Kunden aufbringen. Für die Behandlung von P. würde ein Therapeut pro Stunde 48 Euro erhalten. Für einen gesetzlichen Patienten wären es zwischen 98 und 140 Euro. Das Ergebnis: Einen Therapieplatz zu finden, ist praktisch unmöglich.

Trotz seiner Lage ist P. ruhig und besonnen. Aggressionen oder Wut, Fehlanzeige. Er sagt, "hier wurde zu viel privatisiert, jetzt funktioniert das System nicht mehr". Ein System, man muss es so ausdrücken, das P. gefangen hält, ihm aber nicht dabei hilft zu gesunden. Um in die gesetzliche Krankenkasse zu wechseln, müsste er eine Arbeit aufnehmen. Das geht nicht, weil er arbeitsunfähig ist. Um eine Behandlung zu bekommen, müsste es den Ärzten und Therapeuten verboten sein, Patienten abzulehnen, die nicht so lukrativ sind wie andere.

Oder die privaten Kassen müssten ihre Leistungen an das Level der gesetzlichen anpassen. Nichts davon ist abzusehen. Und so bleiben P., wie so vielen anderen, ärztliche Behandlungen und die dringende Psychotherapie verwehrt - während bei seiner Krankenkasse monatlich ein Höchstbeitrag eingeht. Der SZ-Adventskalender möchte nun die Differenzsumme aufbringen, um auszugleichen, wofür die Kasse nicht aufkommt. Damit P. einen Therapeuten finden kann, der ihn behandelt.

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