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A.R. Penck:Macht und Mensch

Immer wieder verhandelt A.R. Penck in seinen Arbeiten das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum. Hier die Grafik "Es kippt".

(Foto: Toni Heigl)

In der DDR fristete Ralf Winkler ein Schattendasein, im Westen machte der kompromisslose Künstler als A.R. Penck schnell Furore. Eine Ausstellung in der Galerie Lochner gibt Einblicke in sein Werk.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Propere Bauersfrauen mit Blumenbuketts, fahnenschwindende Arbeiter, die in eine glorreiche sozialistische Zukunft stürmen - so stellte sich die DDR-Staatsführung die Kunst im neuen Deutschland vor: biederer Kitsch und dröhnender Pathos. Für einen eigenwilligen Künstler wie den 1939 in Dresden geborenen Ralf Winkler gab es in so einem System keinen Platz. Viermal bewarb sich der junge Mann, der sich nichts Geringeres vorgenommen hatte, als Rembrandt und Picasso zu übertrumpfen, an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden und ebenso an der Hochschule für Bildende und Angewandte Künste in Ost-Berlin. Vier Mal ohne Erfolg. Auch die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR blieb ihm verwehrt, was einem Berufsverbot gleichkam. 1980 wurde Winkler ausgebürgert. Einen so unangepassten Genossen, der sich auch noch erdreistete, 1972 die Bundesrepublik, den Klassenfeind, bei der Documenta in Kassel zu vertreten, musste man los werden.

Was Winkler malte, war so radikal anders, dass selbst enge Künstlerfreunde wie der Bildhauer Peter Makolies irritiert waren. Erst nach und nach begriffen sie, dass hier "etwas ganz Neues, ganz Großes" entstand,wie Makolies in einem Fernsehinterview sagte. Und er sollte recht behalten: Heute schmücken Winklers Werke große Museen und Galerien in aller Welt, auch wenn ihn kaum jemand unter dem bürgerlichen Namen Ralf Winkler kennt.

Berühmtheit erlangte der als Neoexpressionist gelabelte Künstler unter dem Pseudonym A.R. Penck. Sein Markenzeichen sind auf wenige Striche reduzierte langgliedrige Gestalten zwischen Figürlichkeit und Abstraktion. Ihre Ästhetik hat etwas von Graffiti und Höhlenmalerei. Von "Strichmännchen" ist oft die Rede, aber das sind sie ebenso wenig wie die Jäger in den magischen Höhlenbildern von Lascaux Comicfiguren sind. Pencks Wucht und Tiefe fußt gerade auf seiner radikalen Reduktion aufs Elementare.

"Fortschritt durch Integration" wurde dieses Bild betitelt.

(Foto: Toni Heigl)

Die Galerie Lochner widmet Penck, diesem "jungen Wilden" aus dem Osten, gerade eine kleine, aber höchst sehenswerte Ausstellung. Epochale raumgreifende Gemälde, wie Penck sie, oft mehrfach zusammengefaltet zwischen Wäschestücken für Ausstellungen in den Westen schmuggeln ließ, sind in der Dachauer Galerie natürlich nicht zu sehen; solche Werte kann man im Moma in New York präsentieren, aber nicht in einem ehemaligen Whirlpool-Geschäft mit Alarmanlage. Galerist Josef Lochner zeigt rund 60 Druckgrafiken aus dem Oeuvre Pencks, wie immer ansprechend arrangiert unter Mitwirkung von Gerhard Niedermair.

Meist wird die Druckgrafik ja als eher randständig in ihrer künstlerischen Bedeutung wahrgenommen - zu Unrecht. In dieser kleinen Ausstellung ist sie sogar das ideale Medium, und das nicht nur aus Versicherungs- und Platzgründen. In seinen Grafiken formulierte, überprüfte und variierte Penck Bildvorstellungen, die er zuvor in Gemälden entwickelt hatte. Das macht diese Arbeiten etwas einfacher und klarer, soweit diese Begriffe bei einem so vielschichtigen Künstler überhaupt angemessen erscheinen. Man kann ihn hier in hoch konzentrierter Form studieren.

Sein berühmtes Pseudonym legte sich der Künstler Mitte der 1960er Jahre zu, nach dem Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858-1945). Penck erkannte eine gewisse Analogie zwischen "abgelagerter Information und Geologie". Vereinfacht könnte man von "Geschichte" sprechen, und tatsächlich gibt es im Kunstbetrieb nicht wenige, die Pencks Bilder als "moderne Historiengemälde" begreifen. Nur dass die eben ganz anders aussehen, als man das bis dahin gewohnt war.

Dass Winkler sich den Namen eines Eiszeitforschers gab, mag auch mit den klimatischen Bedingungen im deutsch-deutschen Verhältnis jener Zeit zu tun gehabt haben. 1961 wurde die Mauer gebaut, die die deutsche Teilung zementierte und den Gegensatz der politischen und gesellschaftlichen Systeme verschärfte: im Osten die uniformierte "Wüste" mit ihrer Mangelwirtschaft, im Westen der "Dschungel" der individualisierten Wohlstandsgesellschaft. Wie funktionieren diese Systeme? Wer trägt sie? Welche Rolle hat das Individuum in diesem Gefüge? Wie beeinflussen sich diese widerstreitenden Systeme? Und worauf soll das Ganze am Ende hinauslaufen? Penck versuchte, eine politische Konzeptkunst zu entwickeln. Seine Bilder sollten Bildzeichen und Symbole zur Grundlage haben, die jeder verstehen kann und ähnlich funktionieren wie Verkehrsschilder im Straßenverkehr. Nicht ganz zufällig erinnern die Linien und Verästelungen in seinen Bildern an die Strukturen von Schaltplänen: Penck setzte sich intensiv mit Kybernetik auseinander.

Nach der Wende, 1992, schuf er eine Siebdruckserie, von der auch ein Blatt in der Galerie Lochner zu sehen ist. Der Druck trägt den Titel "Es kippt!", und man kann ihn als Kommentar auf den Zusammenbruch der DDR lesen. Zu sehen ist ein Durcheinander von stürzenden, sich teils attackierenden, teils stützenden Figuren, der Arm eines Mannes (die Geschlechtsteile vergisst Penck nie) ist verlängert zu einem Hinweispfeil, der aus dem Bild weist. Die Figuren sind so ineinander verkeilt, dass das Gesamtsystem (in den Farben Schwarz-Rot-Gelb) noch steht, sich einige Figuren darin aber schon bis zum Äußersten verbiegen und dehnen müssen. Zwei Augen blicken vom unteren Bildrand in das Chaos, am Rande sieht man einen Mund - das Staatswesen in Auflösung.

Penck war nie ein Rebell, aber sich nicht in das DDR-System einzufügen und sich auch noch im Westen feiern zu lassen, all das machte den Künstler für die Staatsführung mehr als verdächtig. Zwei Bronzearbeiten in der Galerie Lochner illustrieren seine Gefährdungslage äußerst plastisch: "Der Hörer" von 1995 gleicht einem hockenden Geisterfetisch mit weit aufgerissenen Augen und Elefantenohren: die Stasi als niederer Dämon. Und mitten in der Galerie platziert steht ein "Januskopf". Galerist Josef Lochner interpretiert ihn als die Zweigesichtigkeit, mit der Bürger in der DDR stets rechnen mussten; Penck wurde von einigen seiner engsten Freunde bespitzelt.

"Der Hörer" ist eine Bronzeplastik.

(Foto: Toni Heigl)

Über die Jahre hat Pencks künstlerisches Konzept immer wieder Verfeinerungen und Veränderungen erfahren. Diese Entwicklung kann man zum Teil auch an den ausgestellten Arbeiten nachvollziehen. Das Eindeutige, das Widersprüchliche und Irrationale bilden neue Schichten. Sie wirken wie geheime Botschaften, die den Betrachter herausfordern. Das macht viel von der Faszination der Kunstwerke aus, bei denen auch immer wieder Pencks subversiver Humor durchscheint. In der Lithografiereihe "4 Engel" kann man auf einem Blatt das Konterfei von Friedrich Engels finden, eines Säulenheiligen des wissenschaftlichen Sozialismus.

In späteren Jahren sagte Penck einmal: "Ich habe ja einmal versucht, aus meiner Kunst Wissenschaft zu machen, und das ist mir ungefähr so gelungen wie den Parteiführern der DDR." Dem Genuss seiner Werke tut das keinen Abbruch.

A.R. Penck. Ausstellung in der Galerie Lochner, Konrad-Adenauer-Straße 7, Dachau. Bis 21. Februar 2021. Öffnungszeiten: Donnerstag: 16 bis 19 Uhr, Samstag: 12 bis 15 Uhr; Sonntag- und Feiertage: 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung, Telefon 08131/66 78 18 oder 0162/455 96 99. Am 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar geschlossen.

© SZ vom 12.12.2020
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