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Dachau:Grün für "Kriminelle" und rosa für Homosexuelle

Daran änderte sich auch nach der Befreiung nichts. Als 1965 die Verfolgten-Organisationen es endlich erreicht hatten, dass auf dem Lagergelände eine Gedenkstätte eingeweiht wurde, blieben die Homosexuellen außen vor. Auch auf dem vom jugoslawischen Künstler Nandor Glid geschaffenen Mahnmal wird diese Häftlingsgruppe, deren Zahl laut Knoll in Dachau bei etwa 800 lag, verschwiegen.

Ursprünglich wollte Glid auf dem sogenannten Winkelrelief alle in Dachau verwendeten Farben umsetzen, also von rot für die politischen Häftlinge über blau für Emigranten und violett für Zeugen Jehovas bis zu schwarz für sogenannte Asoziale, grün für "Kriminelle" und rosa für Homosexuelle.

Doch auf Beschluss des Comité International de Dachau (CID) wurden grüne, schwarze und rosa Winkel nicht umgesetzt. Knolls bittere Erfahrung: "Man wird immer noch mit diesen Vorurteilen konfrontiert, wenn man manche der Überlebenden befragt."

Die letzten Zeugen
Befreiung des KZ Dachau vor 70 Jahren

Die letzten Zeugen

Sie waren noch Kinder, als die Nazis sie ins Konzentrationslager Dachau verschleppten. Zehn Überlebende berichten.

Im Laufe der Siebzigerjahre begannen Münchner Aktivisten der Homosexuellenbewegung, die bewusst den rosa Winkel als Symbol verwendeten, die fortdauernde Ausgrenzung und das Verschweigen der schwulen KZ-Häftlinge öffentlich zu kritisieren.

Vergeblich bat man das CID darum, zum 40. Jahrestag der Befreiung einen Gedenkstein mit folgender Aufschrift aufstellen zu dürfen: "Totgeschlagen - Totgeschwiegen - Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus - Die homosexuellen Initiativen Münchens - 1985."

"Wer die Verbrechen an Homosexuellen totschweigt, billigt sie letztlich"

"Das war ganz mutig, dass die Münchner Schwulengruppen das gewagt haben", sagt Albert Knoll und bezeugt denen Respekt, "die sich 1985 exponiert haben, denn die haben doch einigen Gegenwind bekommen - besonders vom CID."

Die Aktivisten wurden vom CID erst lange hingehalten, und schließlich wurde die Aufstellung des Gedenksteins im Mai 1986 ohne Begründung abgelehnt. 1987 formierte sich dagegen lautstarker Protest bei der Feier zum 42. Jahrestag der Befreiung des KZ. Auf Transparenten der Demonstranten war zu lesen: "Wer die Verbrechen an Homosexuellen totschweigt, billigt sie letztlich."

Knoll ist sich sicher: "Der heftige Text auf dem Protestplakat hat zu dem Kompromiss von 1990 geführt." Von diesem Jahr an wurden die Münchner Schwulengruppen bei den Befreiungsfeiern namentlich genannt und durften offiziell Kränze niederlegen. Bedingung war, dass sie auf Transparente und Protestplakate verzichteten.

Der Rosa-Winkel-Gedenkstein stand damals bereits seit zwei Jahren provisorisch im Innenhof der evangelischen Versöhnungskirche auf dem ehemaligen KZ-Gelände. 1995 schaffte es der zweite Stein - der erste hatte der Witterung im Freien nicht standgehalten - schließlich an seinen eigentlichen Bestimmungsort, den Gedenkraum des Museums.