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Kulturinstitute:Per Klick von Land zu Land

Was haben das Amerikahaus, das Institut Français und das Goethe-Institut gemeinsam? Sie haben sich attraktive Online-Formate ausgedacht. Ein Überblick über neue Möglichkeiten der Vernetzung.

Von Rebecca Reinhard und Isabell Nina Schirra

Am 26. März, als das Coronavirus Italien in bisher unbekannten Ausmaß lähmte und die Nachrichtensendungen voll vom Elend in italienischen Krankenhäusern waren, rief das italienische Außenministerium die Kampagne #WeAreItaly aus. Sie sollte der Welt zeigen, dass Italien sehr wohl noch lebendig ist, dass die reiche Kultur des Landes eben nicht am Boden liegt, trotz Covid-19. Seit diesem Tag nehmen italienische Kunstschaffende und Kreative wie Andrea Bocelli oder Nicola Piovani Videobotschaften auf. Fast 100 sind mittlerweile im Youtube-Channel des Ministeriums zu sehen. Die Welt solidarisiert sich - schließlich haben gerade alle mit den gleichen Sorgen und Beschränkungen zu kämpfen.

Auch die Kulturinstitute in München haben ein erstaunlich breites Online-Angebot zusammengestellt, vom Goethe-Institut über das Institut Français bis zum Amerikahaus. Auf diesen Seiten sind einige Beispiele aus Europa und darüber hinaus zusammengestellt. Etwa eine Kampagne des Amerikahauses, in der Amerikaner erzählen, wie sie die Krise erleben. Es dürfte auch für Europa ein guter Zeitpunkt sein, näher zusammenzurücken. Das zeigt beispielsweise ein Projekt des Französischen und des Italienischen Instituts, denn die bieten gerade nicht nur ihre Sprachkurse online an. So hofft der Leiter des Münchner Institut Français Thomas Vautravers in einem dreisprachigen Video-Interview, dass die Krise "die Integration und Souveränität in Europa intensiviert und weiterentwickelt". Auch das Goethe-Institut wagt einen Blick in die Zeit nach Corona. Mit "Danachgedanken" ist eine Plattform entstanden, auf der internationale Kulturschaffende über die Gefahren und Chancen der Krise reflektieren. Ihre kollektive Hoffnung: Dass sich Menschen auf der ganzen Welt künftig einiger sein mögen.

Zeitreise zum Eiffelturm

Illustration: Julia Kienscherf

Wahrscheinlich würden die Franzosen gegen Corona auf die Straße gehen, wenn sie könnten. Ein Ausrufezeichen, dass das stolze Land und seine Kultur noch da sind, ist dennoch spürbar - auch in München. Zwar darf das hiesige Institut Français seine Veranstaltungen wie etwa das erfolgreiche Festival "Fête de la Musique" in diesem Jahr nicht austragen. Auf ihrer Facebookseite trägt es regelmäßig dennoch all das zusammen, was französische Kultur gerade bietet - und das ist überraschend viel. Das Institut selbst etwa bietet mit seiner Culturethèque einen wahren Schatz französischer Kultur an. Darin kann man Hörspiele hören, die in Frankreich sehr beliebten Comics lesen, Dokumentationen anschauen über Wissenschaftliches oder Geschichtliches - und dabei gleichzeitig sein Französisch aufbessern, denn die Inhalte der Culturethèque sind französischsprachig.

Drei Wochen lang kann man all das kostenfrei testen. Eine Perle dürfte auch die Webstory sein, auf die das Institut Français München auf Facebook verlinkt: "The Eiffel Tower in 1900" heißt sie und zeigt auf Englisch und in faszinierenden Fotografien, wie man zur Pariser Weltausstellung 1900 den gerade mal ein paar Jahre alten Eiffelturm erneuerte. Die Technologie der damals neuen Aufzüge etwa wird auch heute noch genutzt. Und wer Paris kennt, weiß, dass auch der Louvre nicht weit vom Eiffelturm entfernt ist. Dort hat das vielleicht berühmteste Museum der Welt nun - wie viele andere Museen in Frankreich auch - seine Türen virtuell geöffnet und bedient sich dabei moderner Digitaltechnik. In der interaktiven Tour "Mona Lisa - Observe, Understand, Compare" etwa kann man dem bekanntesten Gemälde der Welt dank Virtual Reality so nah kommen, wie es sonst niemals möglich gewesen wäre. In begleitenden Videos vom Kuratoren Vincent Delieuvin erfährt man beispielsweise, wer die "echte" Mona Lisa war, die damals Leonardo da Vinci Modell gestanden haben soll. Mehr auf der Facebookseite des Institut Français unter www.facebook.com/InstitutFrancaisMuenchen.

Vereint durch Geschichten

Illustration: Julia Kienscherf

Neben der Vermittlung eines aktuellen Deutschlandbildes und der deutschen Sprache im Ausland steht das Goethe-Institut auch für die Pflege internationaler kultureller Zusammenarbeit. Und gerade die erscheint aktuell wichtiger denn je. Vereint diese Krise doch die Weltgemeinschaft und trennt sie gleichzeitig. Die Inhalte, die das Institut online präsentiert, erlauben zumindest eine gedankliche Kultur-Weltreise. "Kulturama.digital" heißt der globale Kulturkalender des Goethe-Instituts. Hier finden sich virtuelle Kulturangebote aus der ganzen Welt, vom Kurzfilm-Screening des Teams des internationalen Kurzfilmfestivals "Festival du Court-Métrage de Clermont-Ferrand" bis zum DJ-Set aus Brasilien. Gegen das interkulturelle Corona-Vakuum hat das Institut aber auch eigene Formate geschaffen. Angesichts der Ausgangsbeschränkungen haben viele Menschen momentan vor allem eines: viel Zeit. Also auch "Zeit zuzuhören". Unter diesem Titel hat das Goethe-Institut ein Video-Projekt ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit "Radio eins" hat man Autoren dazu eingeladen, Geschichten zu erzählen. Mal ist es ein Schwank aus der persönlichen Geschichte, mal eine Passage aus dem eigenen Buch. Aber immer kurzweilig, überraschend, international. Die italienisch-somalische Autorin Igiaba Scego etwa zeichnet das Bild einer Straße in Rom. Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller erzählt von ihrer Kindheit in Rumänien. Gute Geschichten, das weiß man spätestens seit Boccaccios "Il Decamerone", tragen den Menschen schließlich durch fast jede Krise.

Doch das Goethe-Institut wagt auch einen Blick in die Zukunft, in die Zeit nach Corona. Mit "Danachgedanken" ist eine Plattform entstanden, auf der internationale Kulturschaffende über die Gefahren und Chancen dieser Krise reflektieren. So etwa die Soziologin Eva Illouz aus Israel oder Oleg Nikiforov, Verleger aus Moskau. Er setzt seine Hoffnung auf "eine neue Einigkeit unter den Menschen" - den wohl wertvollsten Gewinn, den die Menschheit aus dieser Krise ziehen kann. Mehr unter www.goethe.de.

Geteiltes Leid

Illustration: Julia Kienscherf

Menschen rund um den Globus stehen gerade vor ähnlichen Problemen. Angesichts der eigenen Not kann man das aber schon einmal aus dem Blick verlieren. Dabei sind gerade jetzt "Verständnis und Solidarität mit anderen diesseits und jenseits des Atlantiks wichtiger denn je", betont das Münchner Amerikahaus. Um den interkulturellen Krisen-Austausch zu fördern, hat man daher die Videoreihe "Stories From America" ins Leben gerufen. Dort erzählen Amerikaner und Amerikanerinnen aus den unterschiedlichsten Berufen davon, wie sich ihr eigenes Leben und das ihrer Gemeinschaft durch die Corona-Krise verändert hat. Lehrer, die seit fast 50 Jahren unterrichten, berichten, wie sie die Schulschließungen völlig unvorbereitet trafen. Krankenpflegerinnen erzählen, wie die fast stündlich neu eintreffenden Richtlinien ihren Arbeitsalltag fast unmöglich machen. Es hat etwas unglaublich Beruhigendes, einen Einblick in den Alltag rund zehn Flugstunden entfernt zu erlangen. Dabei zu bemerken, dass wir mit unserem Leid nicht alleine sind, dass wir wirklich alle im selben Boot sitzen. Gleichzeitig lassen sich durch diese Videos auch die eigenen Englisch-Sprachkenntnisse wieder auffrischen.

Wer die Quarantäne-Zeit hingegen nutzen möchte, um endlich den seit Jahren anwachsenden Lektüre-Rückstand aufzuholen, kann sich kostenlos beim "eBook-Club" des Amerikahauses registrieren. Dort finden sich tausende englischsprachiger Bücher. Darunter Klassiker wie "Manhatten Transfer" von John Dos Passos oder "Little Women" von Louisa May Alcott. Aber auch zeitgenössische Bestseller wie "The Handmaid's Tale" von Margaret Atwood. Der April ist zurzeit der amerikanische Lyrik-Monat. So kann man im "eBook-Club" aktuell in Lyrik-Bänden etwa von Pulitzer-Preisträgerin Anne Sexton schmökern. Und wann, wenn nicht jetzt, hat man schon einmal Zeit und Muße, sich ausgiebig mit der oft wenig beachteten Gattung der Lyrik zu beschäftigen? Mehr unter www.amerikahaus.de.

Virtuell im Vatikan

Illustration: Julia Kienscherf

Es hätte ein großes Jahr für Italien und sein Kulturerbe werden sollen. Das Land feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Regisseurs Federico Fellini und den 500. Todestag eines ihrer größten Maler, Raffael. Nun können Nutzer auf der ganzen Welt zumindest online in den vielen großartigen Gemälden Raffaels schwelgen - auf Youtube. Denn "#Raffaello 1520-2020" ist Teil einer Zusammenstellung des italienischen Ministeriums für Kulturerbe (MiBACT). La cultura non si ferma, die Kultur macht nicht dicht, heißt es dort. Aus diesem Grund zeigt das Ministerium die virtuellen Initiativen italienischer Kulturinstitutionen. In einem Video der Vatikanischen Museen in Rom etwa kann man virtuell durch die Stanze di Raffaello flanieren - Raffaels wohl berühmteste Werke im Apostolischen Palast des Vatikan. Dass man dafür keineswegs Italienisch beherrschen muss, zeigen auch die leisen Filme auf der Seite unter dem Hashtag #ItaliaMiManchi: Italien, du fehlst mir. Die Aufnahmen italienischer Monumentalbauten kommen ganz ohne das gesprochene Wort aus.

Auch das italienische Kulturinstitut in München versucht derweil, künstlerische Angebote aus Italien nach Bayern zu bringen. In der neuen Facebook-Reihe #3domandea stellt das Institut drei Fragen an Kulturschaffende in München. Zur Idee sagt der Leiter des italienischen Kulturinstituts Franceso Ziosi: "Unsere Rolle ist es, wie eine Brücke zu sein zwischen der kulturellen Welt Münchens und Italiens". Dazu interviewte man bereits Ziosis Kollegen vom Institut Français, Thomas Montravers. Der sieht in der Krise auch eine Chance für eine länderübergreifende Kulturarbeit der Zukunft. Dass das Interview auf Deutsch, Italienisch und Französisch abrufbar ist, unterstreicht diesen Gedanken einmal mehr. Mehr unter www.youtube.com/user/MiBACT und www.facebook.com/iicmonaco.

Mit Lyrik gegen Lockdown

Illustration: Julia Kienscherf

Lesen ist ja für gewöhnlich eine recht einsame Angelegenheit. Und Einsamkeit erfahren die Menschen dieser Tage wahrlich schon genug. Kein Wunder also, dass virtuelle Leseclubs gerade wie Pilze aus dem Boden schießen und Menschen aus der ganzen Welt im Medium Buch vereinen. Prominente tun es, Buchhändler und Bücher-Nerds auch. Ebenso das Münchner Instituto Cervantes. Hier haben die virtuellen Leseclubs Tradition. Bietet das Internet doch die einmalige Möglichkeit, spanische Autoren mit ihrer Leserschaft, wo auch immer sich diese befindet, in einen Austausch zu bringen. Dabei geht in den Leseclubs vor allem um ein tiefes Eintauchen in die spanische Literatur, nicht um Sprachvermittlung. Wer teilnehmen will, sollte daher über fundierte Spanisch-Kenntnisse verfügen.

Beim Instituto Cervantes steht der April ganz im Zeichen der Lyrik. Der renommierte katalanische Autor und Cervantes-Preisträger des Jahres 2019, Joan Margarit, führt durch seinen Gedichtband "Alle Gedichte (1975 bis 2015)". Um am virtuellen Leseclub teilzunehmen, braucht es lediglich einen Bibliotheksausweis des Instituto Cervantes, der online beantragt werden kann. "Alle Gedichte (1975 bis 2015)" kann in der elektronischen Bibliothek des Instituto Cervantes heruntergeladen werden. Noch bis zum 30. April ist der Lektüreplan und die Aufgaben des Leseclubs verfügbar. Am 29. April wartet auf die Teilnehmenden sogar ein Lesertreffen mit Margarit - in Form eines Chats. Wer nicht nachträglich einsteigen möchte, bekommt mit dem nächsten Leseclub eine neue Gelegenheit, spanische Kultur zu erfahren. Von 1. Mai an führen die jungen Regisseurinnen und Dramatikerinnen Andrea Jiménez und Noemi Rodríguez durch ihr feministisches Theaterstück "Man Up". Mehr unter www.munich.cervantes.es/de.

© SZ vom 22.04.2020
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