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Comic-Forscher Ralf Palandt:"Superman hat Hitler bekämpft"

Holocaust und Comic - passt das zusammen? Eine Ausstellung in München sucht Antworten. Organisator Ralf Palandt über die Gefahr der Verharmlosung, Propaganda von Nazi-Gegnern und NPD - und was Hitlers "Mein Kampf" auf einer Müllkippe in Entenhausen zu suchen hat.

Tobias Dorfer

Die Nazis nutzten Comics, um im Dritten Reich antisemitische Propaganda unters Volk zu bringen. Rechtsextremismus und Holocaust wird aber auch zum Zweck von Aufklärung oder politischer Bildung in Comicform dargestellt. Und manchmal wollen Bildgeschichten, die sich mit dem Dritten Reich befassen, auch einfach nur unterhalten. Eine Ausstellung in München zeigt, wie Rechtsextremismus, Antisemitismus und der Holocaust - zu unterschiedlichen Zwecken - in Comics thematisiert wurden. Ralf Palandt, Kurator der Ausstellung, ist Kommunikationswissenschaftler und Mitglied der Gesellschaft für Comicforschung.

Holocaust im Comic, Ausstellung, Ralf Palandt

Ralf Palandt ist Kurator der Ausstellung "Holocaust im Comic", die bis 19. August 2011 in München zu sehen ist.

(Foto: oh)

sueddeutsche.de: Comics spitzen häufig zu, sind satirisch oder wollen einfach nur unterhalten. Besteht da nicht die Gefahr, dass Themen wie der Holocaust oder das Dritte Reich verharmlost werden?

Ralf Palandt: Diesen Vorwurf höre ich häufig. Comics gehören als grafische Literatur zu den Medien. Sie greifen Themen der gesellschaftlichen Diskussion auf und verarbeiten sie. Wie Bücher oder Filme. Natürlich dürfen Comics auch Themen wie den Holocaust behandeln. Für Bildgeschichten gilt das, was immer gilt: Es gibt gut gemachte und weniger gut gemachte.

sueddeutsche.de: Vor sechs Jahren tauchte in einer Ausgabe des Micky-Maus-Heftes eine Szene auf, in der Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track über eine Müllkippe toben, auf der - deutlich sichtbar - ein Exemplar von Hitlers Mein Kampf liegt.

Palandt: Die Zeichnungen stammen aus den fünfziger Jahren und wurden vom legendären Disney-Zeichner Carl Barks gefertigt. Barks selbst hat Mein Kampf auf die Müllkippe gezeichnet - und wollte damit ausdrücken: Dort gehört das Buch hin.

sueddeutsche.de: In welchen Comics wird der Holocaust besonders häufig thematisiert?

Palandt: Vor allem in Geschichtscomics. Aber auch in den bekannten Superhelden-Comics. Dort treten immer wieder ehemalige SS-Schergen auf. Wer das personifizierte Böse zeichnen will, zieht ihm eine Uniform mit Hakenkreuz an. Das erkennt jeder.

sueddeutsche.de: Das klingt sehr nach Vereinfachung. Was sagen denn die Opfer der Nazis und ihre Angehörigen dazu?

Palandt: Überraschenderweise gab und gibt es zu diesen Superhelden-Comics recht wenig empörte Reaktionen. Auch nicht zu den US-Kriegscomics mit ihren sehr reißerischen Darstellungen von Krieg und Holocaust. Anders war das Ende der achtiger Jahre beim berühmten Maus-Comic von Art Spiegelman ...

sueddeutsche.de ... der die Geschichte seines Vaters, der Auschwitz und Dachau überlebte, als Tierfabel erzählte und Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen und Franzosen als Frösche zeichnete ...

Palandt: ... und Polen als Schweine - weswegen das Buch in Polen auch teilweise verbrannt wurde. Spiegelman zeichnete Menschen als Tiere, um eine gewisse Distanz zwischen den Lesern und der Geschichte zu schaffen. Er wollte damit zeigen, dass er die Realität nicht abbilden kann, auch weil er die Zeit nicht miterlebt hat. Als Maus auf Deutsch erschien, wurde auch hier die Frage gestellt, ob der Holocaust überhaupt als Comic dargestellt werden darf. Das Plakat zur Comic-Ausstellung von Maus des internationalen Comic-Salons Erlangen wurde 1995 wegen der Abbildung eines Hakenkreuzes als nationalsozialistisch eingestuft und beschlagnahmt.

Adolf Hitler als Witzfigur

sueddeutsche.de: Heute werden solche Bildgeschichten auch als Propaganda genutzt. Vor der Bundestagswahl 2009 versuchte die NPD mit antidemokratischen Tiercomics bei Schülern auf Stimmenfang zu gehen.

Holocaust im Comic, Ausstellung, Ralf Palandt

Der Führer als Witzfigur: Der Comic von Walter Moers macht sich über Adolf Hitler lustig.

(Foto: Walter Moers)

Palandt: Damit wollte sich die NPD an deutschem Recht vorbeischlängeln und ihre Botschaften in einer Fabel verkleiden. Das ist äußerst bedenklich, weil der Comic offensichtlich ein rechtsextremes Vorbild hatte. Deshalb ist eine Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Comics dringend notwendig, damit Aufklärung als Gegenmaßnahme funktioniert.

sueddeutsche.de: Kann man von Jugendlichen überhaupt verlangen, dass sie das leisten?

Palandt: Jugendliche sind mit Comics aufgewachsen. Viele haben recht schnell gelernt, dass man japanische Mangas von hinten nach vorne und von rechts nach links liest. Trotzdem halte ich es für sehr wichtig, dass in der Schule erklärt wird, wie Comics funktionieren. So lernen die Jugendlichen, die Bildgeschichten kritisch und mündig zu lesen.

sueddeutsche.de: In der Ausstellung "Holocaust im Comic", die Sie organisiert haben, sind viele unterschiedliche Bilder zu sehen. Walter Moers zeichnet Adolf Hitler als kleine Witzfigur. Es gibt jedoch auch Comics, in denen Nazi-Soldaten mit kantigen Gesichtern eine düstere Stimmung verbreiten. Welche Rolle spielt die Art der Bilder?

Palandt: Eine sehr große. Sie erzeugen ja nicht nur einen optischen Reiz sondern auch Gefühle. Wenn ein Comic gut gemacht ist, hört der Leser die Geräusche, er schmeckt mit und riecht mit. Deshalb hat Art Spiegelman bei seinem Comic Maus auch diese Distanz geschaffen - um zu sagen: Pass auf, lieber Leser, das ist meine persönliche Sichtweise. Auf der anderen Seite zeigen wir in der Ausstellung mit Braun einen sehr realistisch gezeichneten Comic, in dem Hitler vom Teufel zum Judenmord verführt wird. Das haben viele so verstanden, als würde Hitler hier die Verantwortung abgenommen. Und die realistische Zeichnung hat diesen Eindruck noch verstärkt.

sueddeutsche.de: Es fällt auf, dass sich viele Superhelden den Kampf gegen die Nazis auf die Fahnen geschrieben haben. Superman zum Beispiel ist in einem Comic während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland geflogen, hat sich erst Hitler und dann Stalin geschnappt - und hat beide als Kriegstreiber verurteilen lassen. Sind die Nazis die Lieblingsgegner amerikanischer Superhelden?

Palandt: Bei dem genannten Beispiel handelte es sich um eine exklusive Bildgeschichte für die US-Illustrierte Look vom Februar 1940. Deren Inhalt könnte der Wunschgedanke der beiden jüdischen Autoren gewesen sein. Nach Kriegseintritt der USA kämpfte Superman gegen die Nazis, während des Kalten Kriegs aber auch gegen sowjetische Spione. Comics sind auch Zeugen politischer und gesellschaftlicher Strömungen. Aber es stimmt schon, Nazis kommen bis heute immer wieder als Gegner der Superhelden vor.

sueddeutsche.de: Es gibt Menschen die sagen, das läge daran, dass Superman Jude sei.

Palandt: In der amerikanischen Comic-Industrie sind zwar viele jüdische Künstler beheimatet, man kann jedoch nicht immer vom Künstler auf das Werk schließen. Bei Superman sieht man jedoch, dass er Weihnachten feiert und in einem Comic seine geliebte Lois Lane nach christlichem Ritus heiratet.

sueddeutsche.de: Hätte er auch Osama bin Laden getötet?

Palandt: Superman hat Hitler bekämpft und auch Bin Laden wäre sein Gegner gewesen. Er hat aber einen Eid abgelegt, dass er niemanden umbringt.

Die Ausstellung "Holocaust im Comic" ist vom 19. Juli bis 19. August 2011 zu den üblichen Bürozeiten (8 bis 17 Uhr) im Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung in München zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos. Zur Ausstellungseröffnung am 19. Juli um 19:30 Uhr spricht Ralf Palandt zum Thema "Braune Comics?! Bilder vom rechten Rand der Gesellschaft".

© sueddeutsche.de/bica/bön
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