Szene-Rundgang:Träume für leere Räume

Clubs Nürnberg Club Stereo

Die Indie-Institution der Region Nürnberg: der Club Stereo.

(Foto: Basti Steiner; Club Stereo)

Nürnberg hat bei den Spielstätten-Förderpreisen des Bundes sieben Auszeichnungen abgeräumt. Den Erfolg führen einige der Rock-, Jazz- und Elektro-Clubs auf ihre Eigeninitiative zurück, nicht auf Unterstützung der Stadt. Ein Besuch bei Rakete, Hirsch & Co.

Von Michael Zirnstein, Nürnberg

Die Rakete ist ein Spielplatz für Erwachsene. Sagt Tom Zitzmann. Momentan tobt er sich hier als Einziger aus, sein Elektro-Club ist seit eineinhalb Jahren wegen Corona geschlossen. Um ihn stapelt sich Baumaterial, und er spielt hinterm Tresen mit zwei Leuchtobjekten. In den Glaszylindern tanzen schimmernde Quallen. Lebensecht. "Künstlich", sagt Zitzmann und kann sich gar nicht satt sehen. Er schaltet durch diverse Farbmodi und bleibt bei etwas wie "Tiefsee-Neon-Blau". "Toll. Das gefällt mir am besten."

Man braucht auf dieser Baustelle in dem Kellerlabyrinth viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Rakete einmal wieder abgehen wird. So wie im Jahr 2019, in dem der führende Elektro-Club Nürnbergs wieder einmal ein so strahlendes Programm machte, dass er dafür nun von der Initiative Musik der Bundesregierung den Spielstätten-Förderpreis "Applaus" verliehen bekam. Zitzmann lässt dank jahrzehntealter Szenekontakte hier "die militante Weltspitze" auftreten, "solange sie bezahlbar ist". Und wenn es erlaubt ist.

Auf die Anerkennung hat der Clubbetreiber gehofft

"Wenn wir schon nicht aufmachen dürfen, dann kann ich gleich den ganzen Schuppen zerlegen", sagt Zitzmann. Er hat alle Türen in dem ehemaligen Fabrik-Verwaltungsgebäude verbreitert, acht Kilometer Kabel verlegt, an die Decke kommen LED-Licht-Quadrate als Pendant zum Leuchtboden. Im Erdgeschoss baut er eine "Tischlein Deck Dich"-Lounge aus, mit einer Tafel voller Speisen, die sich vor dem Tanz abseilen lässt - "für die betagteren Raver". Man kann sich gut vorstellen, dass ihm der Preis guttut. Klar, die 25 000 Euro - "darauf habe ich gehofft bei der Bewerbung". Und die Anerkennung.

Die kam auch in Form eines Briefes der Kulturbürgermeisterin Julia Lehner, den sie gleich als Rundschreiben verschicken konnte. Sieben der insgesamt 101 Preise gingen heuer nach Nürnberg. Je 10 000 Euro bekamen damit für "herausragende Programmreihen" das Stadtviertelzentrum Desi und die Kantine; je 25 000 Euro in der Kategorie "Spielstätte" erhielten Club Stereo, Tante Betty Bar, Jazz Studio und Rakete. Und in der Königsklasse "Programm" holte sich der Hirsch 50 000 Euro.

Clubs Nürnberg Hirsch

In der Königsklasse "Programm" holte der Hirsch 50 000 Euro Preisgeld.

(Foto: Hirsch)

"Das ist schon subba", sagt Axel Ballreich recht fränkisch. Er sitzt im lauschigen Biergarten des Hirschs, auf dem Gelände eines ehemaligen Maschinenhandels, das auch die Rakete beherbergt. "Das Geld zahlt zum Teil dieses Monster", sagt er und deutet auf eine gewaltige Lüftungsanlage. Dank der kann er die Konzerte, die momentan draußen steigen, bei Regen in den Saal verlegen samt 150 Gästen. Sonst passen 600 rein. Momentan mache man eben, was geht, sagt Ballreich gelassen, ein "solides Programm", recht divers wie seine Kompagnons hier, im August kommen etwa noch Jesper Munk, Nura, Cubaboarisch 2.0 und Corvus Corvax. Also in ihren Segmenten von "frisch" bis "gediegen" durchaus Spitzenkräfte. Ballreich hält den Ball gerne flach.

In Nürnberg weiß man, was er mit diversen Partnern stemmt. Nicht nur seit 1996 im Hirsch, sondern mit seinem Konzertbüro Franken auch in den größten Hallen der Gegend wie bald in der neuen Kia-Mehrzweckarena für 4000 Gäste, und momentan für 1500 Besucher täglich beim "Strandkorb-Open-Air", also quasi das ganze Mittelfeld in dem sehr breiten Pop-Kultur-Spektrum der Stadt vom Punkclub bis zum Mega-Festival "Rock im Park". Ballreich ist auch eine starke politische Stimme, etwa als Vorsitzender des deutschen Spielstätten-Verbandes Live-Komm, mit dem er dereinst den Bundes-Preis als Stütze der Branche initiiert hat. Mitglied der neunköpfigen Jury ist er nicht mehr, dafür war sein Partner Peter Harasim dabei. Bei der Abstimmung für den Hirsch habe der sich aber enthalten. Mag sein, dass Harasim sich für seine Stadt stark gemacht habe, aber der Preisregen kommt für Ballreich nicht unverdient. "Nürnberg ist besser versorgt mit Pop-Kultur, als die Nürnberger selbst es behaupten. Wenn man von der 1a-Liga Hamburg und Berlin absieht, und von der 1b-Liga mit München, Frankfurt und Köln, können wir gut mithalten mit Leipzig, Dortmund, Essen und Dresden und stehen besser da als Hannover."

Die Kulturbürgermeisterin zeigt wenig Interesse an Pop-Kultur

Das liege nicht zuallererst an der Kulturbürgermeisterin, sagt Ballreich, die schon okay sei und sich, glaubt er, mit ihm schon duze, aber wenig Interesse an der Pop-Kultur zeige. Ähnlich sieht das Matthias Rosenbauer. "Der Frau Lehner geht es nur um Prestige-Projekte", sagt der Jazz-Onkel der Tante Betty Bar. Für Subkulturorte wie diesen sei kaum etwas übrig in Nürnberg. Umso mehr freut er sich über das Preisgeld, "für uns ist das ein Riesending, das rettet uns durchs nächste Jahr". Nur im Straßengastgarten darf er bedienen, "bis es vorbei ist". Die Parterre-Bar mit Tapeten-Charme und Delfin-Leuchte ist zu, auf der Bühne darf nur bei geschlossenen Türen gespielt werden, wenn der Bayerische Rundfunk für seine Live-Streams vorbeikommt. Er buche jetzt mal risikofreudig für September ein paar Konzerte. Die sind jünger angelegt als im ebenfalls prämierten Jazz Studio, sagt der Mann mit dem Beatnick-Spitzbart. Als er das leer werdende Lokal 2015 übernahm, machte er es zur "Homebase der Jazzszene". Viele Auftretende sind Rosenbauers Studenten von der Jazzabteilung der Musikhochschule, "sehr tolle junge Leute", für andere nationale Größen wie Rudi Mahall hat der Schlagzeuger selbst gespielt. Das Preisgeld will er in Gagen und Fahrtkosten stecken. "In dieser Art von Clubs passiert doch erst, woraus das Große entstehen kann."

Noch tiefer gräbt man im Desi, einer ehemaligen Desinfektionsanstalt, heute städtische Liegenschaft und grünes Idyll mit Graffiti-Galerie hinterm Pegnitz-Ufer. Italienische Jugendliche haben hier mal bei einem Auslandsprojekt eine Grube von Hand ausgehoben - die Basis der heute dringend benötigten Freiluft-Arena. Entstanden noch unabhängig in der Grassroots-Bewegung der Siebziger, steht die Desi heute für die starke Soziokultur der Stadt. Heizhaus, Kantine, P-31 (das gerade seine Räume verliert) würden als "Labore für Künstler*Innen" gefördert, erklären Antonia (lieber ohne Nachnamen), Lisa Hrubesch und Marie-Theres Richter, die in der Desi in Büro, Kneipenkollektiv und in diversen Teams aktiv sind. Wie der offenen, gut 20-köpfigen Programmgruppe, die den Applaus erhalten hat. Zwar sehen sie es als "Geringschätzung der DIY-Kultur" an, dass die Stadt ihre Events nicht in den offiziellen Veranstaltungskalender übernehme. Andererseits hat Nürnberg der Desi gerade den städtischen Kulturpreis verliehen. Auch wenn sie jetzt wegen Corona Verteilungskämpfe erwarten, ist Solidarität ihnen das Wichtigste, mit den anderen Underdogs hier genauso wie in den Geflüchteten-Camps an den EU-Außengrenzen. Das Stadtviertelzentrum sei etabliert und getragen von Freunden in der Verwaltung und "ganz, ganz viel Ehrenamt und Eigeninitiative" als "Möglichkeitsraum, in dem man mitgestalten kann und auch scheitern darf", sagt Richter: "Man braucht hier keine Kompetenz außer Mut und Lust." Bands und Kulturveranstalter können sich hier mit "viel Support" ausprobieren "und auch mal ein Minus machen".

Clubs Nürnberg Desi

Ein "Möglichkeitsraum", den man mitgestalten kann: die Desi.

(Foto: Desi)

Von solchen Bedingungen kann David Lodhi nur träumen. Seit 16 Jahren betreibt er mit seinem besten Freund den Club Stereo in einer ehemaligen Animierbar für GIs ohne kommunale Hilfe. Es ist die Indie-Institution der Region, mit Discokugel und dicken Lagen aus Band-Aufklebern. Ein Herzensprojekt des einstigen Wrong Kong-Gitarristen, er brennt dafür, Bands zu entdecken und zu präsentieren, AnnenMayKantereit grüßten später von der Bühne der Frankenhalle. Dafür stemmt er auch das europaweit vernetzte Indie-Festival "Nürnberg Pop". Man kann Lodhi nicht genug Preise verleihen. Mit den 25 000 Euro will er seine Booking-Assistentin einstellen, die sich mit ihm um die 120 Konzerte im Jahr kümmert. "Dann kann ich mich politisch weiterentwickeln", sagt der Band-T-Shirt-Träger in einem der Liegestühle in der Straßenschlucht vor dem Stereo. So engagiert er sich im bayerischen Veranstalter-Verband VP-By. Bei Nürnbergs Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt hat die Stadt freilich auch ihn um Rat gebeten - und ignoriert. "Die versprochene gelebte Teilhabe hat gefehlt", erklärt Lodhi das Scheitern. Die Stadt sei wie keine andere selbst aktiv als Veranstalter mit ihrer Eventagentur fürs "Bardentreffen" und mehr und mache den Freien Konkurrenz, sagt Lodhi. Mit anderen will er Nürnberg jetzt in einem "Follow up" von der Kulturhauptstadt zur Kulturstadt machen, und das, sagt er, geht nur gemeinsam.

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