Christian Wulff im Münchner Literaturhaus:Ein glatter Freispruch für Wulff

Denn der Prozess gegen ihn ist maßlos überzogen gewesen, Kleinigkeiten sind aufgebauscht worden, der Verfolgungseifer der Staatsanwälte war grotesk, und am Schluss stand ein glatter Freispruch für Wulff. Von der ganzen Vorgeschichte, die ihn erst das Schlamassel hineingeritten hat, steht in Wulffs Vorwort nichts, er streift sie mit nur einem Satz ganz am Schluss. Auf die Fehler, die er selber gemacht habe, komme er in seinem Buch zu sprechen, sagt er.

Dass der Abend nicht in einer Melange aus Mitgefühl, Selbstgerechtigkeit und pauschalem Medien-Bashing endet, ist dann Moderator Kilz zu verdanken. Denn Kilz hat erkennbar keine Lust, sich stellvertretend für "die Medien" an den Pranger stellen zu lassen und nur den Stichwortgeber für Wulffs Lesart der Geschichte zu spielen. Auch Kilz verurteilt die medialen Übertreibungen, die es in der Causa Wulff zweifellos gegeben hat und die sich vor allem die Bild-Zeitung geleistet hat.

In der Summe zu viel

Aber er versucht vor allem, mit hartnäckigen Fragen auf das zu sprechen zu kommen, was eigentlich der Grund für Wulffs Fall war. Denn gestolpert ist der Mann aus Hannover ja nicht über juristische Vorwürfe, die sich hinterher als haltlos herausgestellt haben. Sondern über eine Summierung von Verhaltensweisen, die zu einer Erosion seines öffentlichen Ansehens geführt haben. Reisen auf Kosten von Freunden, die langjährige Kumpanei mit einem Boulevardblatt, dessen Gunst er sich sicher wähnte, ein günstiger Hauskredit, ein spitzfindiger Umgang mit der Wahrheit.

Alles für sich genommen Kleinigkeiten, aber in der Summe zu viel. Wulff hatte am Schluss zu wenig persönlichen Kredit, um sein Amt politisch noch auszufüllen. "Sie sind Opfer einer Verhaltensweise geworden, die man so nicht haben wollte", hält Kilz ihm vor. Wenn einer Bundespräsident werden wolle, "da gelten plötzlich ganz andere Maßstäbe". Auch dass sich Wulff lange Zeit mit einem Journalisten wie Bild-Chefredakteur Kai Diekmann gemein gemacht habe, "finde ich nicht in Ordnung", rügt Kilz.

Wulff fällt darauf nichts ein

Die Attacken haben es in sich, und Wulff reagiert mal schlagfertig, oft aber auch ausweichend darauf. Etwa auf die Frage, wie er sich denn erkläre, dass so unterschiedliche Medien wie Bild, FAZ und Spiegel ihn unisono kritisch beurteilt hätten. Wulff fällt darauf nichts ein. Bei der Vorstellung seines Buches hat Wulff gesagt, sein Rücktritt sei falsch gewesen und er wäre immer noch der richtige Präsident. "War das Uneinsichtigkeit, Überheblichkeit oder wollen Sie Recht behalten"?, will der Moderator wissen.

Da ziehen Teile des Publikums scharf die Luft ein. Sein Buch, sagt Wulff am Schluss, habe "einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet", um die Bitterkeit zu überwinden. Aber verstehen, das zeigt der Abend im Literaturhaus, kann Wulff noch immer nicht, warum er gehen musste. Vielleicht muss er dafür noch ein Buch schreiben.

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