Kritik:Die neuen Nachbarn

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Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks richtet sich im Werksviertel ein - und spielt in kleiner Besetzung in der Tonhalle.

Von Paul Schäufele, München

"Augen auf" lautet der Appell, den das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit seiner Kammermusikreihe ans Publikum richtet. "Watch This Space" ist diese überschrieben, und der Raum, den es zu beobachten gilt, ist das Werksviertel, das künftige Zuhause des Orchesters. Mit originellen Programmen spielt man sich in kleiner Besetzung in die neue Umgebung ein, jetzt noch in der Tonhalle (ein nicht unsympathisches Industriegebäude, in dem einmal Kartoffeln auf ihre Weiterverarbeitung gewartet haben). Dabei sind nicht nur Kompositionen jenseits von Beethovens Dritter und Brahms' Vierter zu entdecken, sondern auch die Musikerinnen und Musiker der BR-Symphoniker selbst.

Hier sind es Bettina Faiss, deren Klarinette betörendes Cantabile neben lebendiges Parlando stellt; der Pianist Lukas Maria Kuen, zuverlässiger Begleiter wie animierter Solist; und Natalie Schwaabe, die leidenschaftliches Temperament in Querflötenklänge übersetzt und zeigt, dass man mit einem Piccolo echte Musik machen kann. Das gelingt mit den "Four Dance Sketches" des Belgiers Robert Groslot. Die teils schwungvoll-spaßigen, teils überraschend melancholischen Petitessen mit Tanz-Charakter werden, engagiert musiziert, zu kleinen Charakterbildern. Denn darin liegt der Charme dieser Veranstaltung: Gemäß dem Motto des Abends "Dancing With Winds" spielt das Trio von Tanzmusik inspirierte Stücke zwischen Saint-Saëns, dessen elegante Tarantella Opus 6 Musiker und Hörer gleichermaßen aufwärmt, und Techno (!), vertreten durch die heiße "Techno Parade" von Guillaume Connesson.

In einen Club möchte man das Trio mit dem Stück aber doch nicht schicken, es ist ziemlich komplex, darum aber nicht weniger unterhaltsam. Dabei wird jede dieser Kleinigkeiten zu einer so leicht wie präzise hingeworfenen Charakter-Skizze. Sei es in der filigranen Sonatine Florent Schmitts, interpretiert als raffiniertes Spiel mit vielfarbigen Harmonien, sei es in der "Grand Fantasia" von Malcolm Arnold, einem nostalgischen Fantasie-Potpourri von Walzern, Blues und Csárdás, für das sich die beiden Musikerinnen stilecht Federboas umwerfen - öffnet Augen und Ohren.

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