Bayerische Staatsgemäldesammlungen NS-Raubkunst: Das Museum mauert

Das wollten Witwe und Tochter wieder haben: Gemälde und Antiquitäten aus dem Besitz von Hermann Göring in Carinhall.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Bayerische Museen sollen Raubkunst an Familien hochrangiger Nazis verkauft haben.
  • Archivmaterial birgt Hinweise auf Geschäftsinteressen und Netzwerke.
  • Nun wird gefordert, dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ihre Unterlagen zur Provenienzforschung an das Bayerische Staatsarchiv überstellen - doch das will Generaldirektor Bernhard Maaz nicht.
Von Catrin Lorch

Im Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen liegt eine dicke beige Mappe, in der unter einem gelb markierten Reiter "Forderungen der Familie Göring" abgelegt sind. Der Inhalt muss als brisant gelten, seit bekannt wurde, dass die Deutschen Kunst, die ihnen von den Amerikanern aus den "Collecting Points" treuhänderisch übergeben worden waren, an die Familien ehemaliger NS-Größen verkauften.

Denn die Mappe belegt, wie eng sich in der Nachkriegszeit die Behörden mit Gattinnen, Söhnen, Töchtern und sogar geschiedenen Frauen der Ex-Machthaber ausgetauscht haben. Besonders peinlich ist die Kooperation mit Emmy und Edda Göring, Witwe und Tochter des im Jahr 1946 als Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilten Reichsmarschalls. Seiner Hinrichtung entzog er sich durch Suizid.

Bayerische Museen verkauften Raubkunst an Familien hochrangiger Nazis

Eigentlich sollten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Kunstwerke an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben. Stattdessen kamen Frau und Tochter von Hermann Göring zum Zug. Von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch mehr ...

Generaldirektor Eberhard Hanfstaengl beschäftigte sich persönlich mit den Anliegen der beiden, als er sich am 30. Januar 1951 an das Bayerische Landratsamt für Vermögensverwaltungen wandte: Frau Göring benötige "drei Gardinen für das Zimmer, welches sie demnächst in der Wohnung ihrer Schwester in München bekommen soll". Er habe keine Einwände, schließlich habe sie die schon "vor ihrer Ehe als Schauspielerin in Weimar erworben". Dabei wird es nicht bleiben, Hanfstaengl wird den Görings beim Versuch assistieren, Kunstwerke zurückzuerhalten.

Die Commission for Looted Arts in Europe (CLAE) hat insgesamt 34 Werke gelistet, die von den beiden beansprucht wurden, darunter Gemälde von Guido Reni und Lucas Cranach. Ob sie Werke zurückerhielten, ist nicht belegt. Wie weit sie aber auf die Mithilfe der Behörden bauten, die eigentlich den Schatz verwahren sollten, überrascht.

Für die beiden Göring-Erbinnen ging es um viel: Der Schatz des ehemals zweiten Mannes im NS-Staat war gewaltig. Sein Landhaus Carinhall war als Privatmuseum angelegt. Göring, der schon vor der Machtergreifung eine großbürgerlichen Vorliebe für Altmeister pflegte, kaufte später auch Antiquitäten, Skulpturen, Silber. Obwohl Walter Andreas Hofer als sein persönlicher Händler galt, schaute er schon mal persönlich im Pariser Jeu de Paume vorbei, wo die vom berüchtigten Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in Frankreich zusammengestohlenen Kunstwerke gelagert wurden.

Die Vorbesitzer sollten gesucht werden

Die berühmten Nachrichtenbilder, auf denen die "Monuments Men" - die von George Clooney in einem Film geehrte Sondereinheit der Amerikaner - nach Kriegsende aus Bunkern Madonnen und goldgerahmte Leinwände schleppten, zeigen viele Stücke aus Görings Sammlung. Die Amerikaner restituierten viele Tausend Werke und übergaben im Jahr 1949 die Lager den Deutschen - mit der Auflage, weiter nach möglichen Vorbesitzern zu fahnden.

Allerdings: Vieles, das den Behörden als nicht "museumswürdig" galt, wurde bald verkauft, auch über Auktionshäuser. Mit dem Erlös wurden bedeutende Ankäufe finanziert, wie die "Frau mit Mandoline" von Georges Braques aus dem Jahr 1910.