Skandal um Bayerische Staatsgemäldesammlungen Bayerische Museen verkauften Raubkunst an Familien hochrangiger Nazis

Maria und die Monuments Men: Eine US-Einheit aus Kunstexperten stöbert von den Nazis geraubte Kunstwerke auf, um sie den jüdischen Eigentümern zurückzugeben.

(Foto: William Vandivert/The LIFE Images Collection/Getty)

Eigentlich sollten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Kunstwerke an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben. Stattdessen kamen Frau und Tochter von Hermann Göring zum Zug.

Von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch

Als die amerikanischen Streitkräfte den Deutschen diesen belasteten Schatz 1949 anvertrauten, glaubten sie ihn in verantwortungsvollen Händen: Es war Kunst aus den sogenannten Collecting Points, die treuhänderisch verwaltet werden sollte. Die "Monuments Men" der US-Arrmee, bekannt aus dem Film mit George Clooney und Matt Damon, hatten sie in den Kunstlagern der Nationalsozialisten beschlagnahmt und damit begonnen, sie in die ehemals besetzten Länder oder an jüdische Familien zurückzugeben. Die Deutschen sollten die Rückgaben fortsetzen.

Doch statt Nachforschungen zu den Vorbesitzern anzustellen, gliederten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die besten Werke in ihre Museen ein. Und verkauften gemeinsam mit den zuständigen bayerischen Ministerien den Rest - auch direkt an die Familien ehemaliger NS-Größen. Diese skandalösen Vorgänge hat die Londoner "Commission for Looted Art in Europe" aufgedeckt, eine NGO, die sich für die Rechte der Opfer verwendet.

Das Buch Zwei erzählt einen exemplarischen Fall: den des Gemäldes "Holländisches Platzbild", das aus einer jüdischen Sammlung in Wien stammt und 1963 an Henriette Hoffmann "zurückverkauft" wurde, die geschiedene Frau des Reichsstatthalters in Wien, Baldur von Schirach. Dieser hatte die Verschleppung der österreichischen Juden angeordnet. Die kleine Kopie nach einem Werk des niederländischen Barockmalers Jan van der Heyden wurde nur wenig später im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigert, Käufer war der Dombauverein in Xanten, wo es sich auch heute noch befindet.

Hier geht es nicht um die Versäumnisse eines Greises

Der Skandal lädt zu Vergleichen mit dem Fall Gurlitt ein: Doch während es damals um ein paar wenige Raubkunstbilder ging, liegen in den Museen Hunderte. Und statt um die Versäumnisse eines Greises geht es hier um die Verstrickungen öffentlicher Institutionen wie den Staatsgemäldesammlungen, dem Finanzministerium und dem Kultusministerium. Und die sind bis heute nicht aufgearbeitet. Die Staatsgemäldesammlungen beispielsweise wollen die Ergebnisse eines seit Jahren laufenden Forschungsprojekts nicht öffentlich machen. Zudem gestatten sie weder Wissenschaftlern, noch Anwälten oder Opferfamilien den unbeschränkten Zugang zum Archiv.

Selbst eine hochrenommierte Institution wie die CLAE (Commission for Looted Art in Europe), die konkrete Fragen stellte, wurde abgeblockt. Als einzige Behörde in Bayern geben die Staatsgemäldesammlungen ihre Dokumente auch nicht - wie gesetzlich vorgeschrieben - den Bayerischen Staatsarchiven weiter, wo sie öffentlich zugänglich wären.

Als die Reporter der SZ nach Vorsprache in der Generaldirektion doch einige Akten sichten durften, fanden sie nicht nur Bettelbriefe, die von der geschiedenen Henriette mit "Hoffmann-v. Schirach" unterzeichnet waren und servile Antworten einfordern - sondern auch Aktennotizen, in denen der damalige Direktor Eberhard Hanfstaengl Emmy und Edda Göring, Frau und Tochter des ehemaligen Reichsmarschalls, Kunstwerke und Möbel zuschanzt.

Der CLAE vermutet, dass noch zahlreiche Fälle im Archiv schlummern - Deutschland sei aufgefordert, endlich Transparenz zu schaffen, dieses Kapitel aufzuarbeiten und geordnete Rechtswege zu schaffen.

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