Bar München 72 Sport und Spiele

Im München 72 erinnert vielen an die gute alte Zeit.

(Foto: Robert Haas)

Turnmöbel, Vintage-Lampen und Zuckerdöschen mit orange-braunem Muster: Im neuen München 72 fühlt sich jeder wohl, der wenig Wert auf Schnickschnack legt - und der gerne "Mensch ärgere dich nicht" spielt.

Von Thierry Backes

Unter dem Bild des ausverkauften Olympiastadions sitzt es sich am besten, an einer Schulbank ganz hinten im neuen München 72. Von hier aus hat der Gast nicht nur den ganzen Laden im Blick, er kann auch eine Schachtel rechts aus dem Regal greifen und eine Partie "Mensch ärgere dich nicht" spielen. Es fehlt zwar eine rote Figur in dem Karton, doch das stört höchstens solche Menschen, die ohnehin nicht so recht in die neue Bar von Tom Zufall passen, die im Wesentlichen seine alte ist.

Der Wirt hat sein populäres Lokal an der Kohlstraße Ende März aufgeben müssen. Er hat sein Siebzigerjahremobiliar - Turnmöbel, Vintage-Bürolampen und Lehrerstühle - eingepackt und ein paar hundert Meter weiter wieder ausgepackt. Man könnte auch sagen, dass er mit dem München 72 bloß umgezogen ist, vom Gärtnerplatzviertel ins Glockenbachviertel. In das Viertel also, das gerne als cool und hip beschrieben wird, in dem es für den Unternehmer Thomas Bartu aber seit vielen Monaten so gut wie unmöglich ist, eine Eisdiele in einem ehemaligen Klohäusl zu eröffnen - weil die Nachbarschaft gerne ihre Ruhe hätte.

Impressionen aus dem München 72

Stilvoll, aber einfach

Das Bier kommt in der Halbliterflasche

Mit Tom Zufall mag nun zwar keine Ruhe am Holzplatz einkehren, aber auch kein Halligalli. Im München 72 treffen sich die Unkomplizierten, am Nachmittag etwa die Mamis, die bei einem Kaffee über Pampers quatschen, am frühen Abend die Arbeitskollegen, die gemütlich ein Tegernseer (3,20 Euro) zu ihrem Burger (8,50 Euro) bestellen, am späteren Abend dann die Studenten, die nach einem Longdrink oder zwei (ab 7,50 Euro) in die Clubs ziehen. Kurzum: Im München 72 fühlt sich jeder auf Anhieb wohl. Jeder zumindest, den die Einrichtung nicht an unliebsame Stunden im Sportunterricht erinnert. Und jeder, der nicht auf Schnickschnack steht.

Tom Zufall mag es gerne stilvoll, aber auch einfach. Dafür sprechen schon die Zuckerdöschen, die auf jedem Tisch bereitstehen. Sie sind mit ihrem orange-braunen Muster zugleich hübsch und hässlich, so dass niemand wirklich traurig wäre, wenn mal eines runterfällt.

Szene-Kolumne Mit jeder neuen Bar einen Tick spießiger
Szene München

Mit jeder neuen Bar einen Tick spießiger

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Das Bier kommt im München 72 in der Halbliterflasche, das Radler im Hofbräu-Steinkrug. Die Speisen - neben dem Burger gibt es Schinkennudeln (7,50 Euro) und eine Reihe von Salaten ab 8,90 Euro - erfüllen einen doppelten Anspruch: Sie füllen den Magen und sind günstig. Weil sie auch noch schmecken, kommt der Gast gerne wieder. Und so ist es im München 72 auch unter der Woche mitunter ziemlich voll.

Das ist hier wörtlich zu nehmen: Wer nicht will, dass der Nachbar das Tischgespräch mithört, der sollte sich lieber eine andere Bar suchen, so nah stehen die Tische beieinander. Im München 72 kann es, daran ist die Akustik in dem kleinen Lokal wohl Schuld, recht laut werden. Doch das stört hier niemanden: Der Laden hat etwas von dem Wohnzimmercharakter, von dem Wirte gerne sprechen, wenn sie ihre eigene Bar preisen, selbst wenn es sich in der eher anfühlt wie in einer Lagerhalle. Sonntags läuft im München 72 übrigens - richtig: der Tatort.