Ausstellung:Künstlich natürlich

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Ausstellung: Erst nachdenken, dann essen: Studenten der TU haben eine Ausstellung über Biofakte erarbeitet.

Erst nachdenken, dann essen: Studenten der TU haben eine Ausstellung über Biofakte erarbeitet.

(Foto: Catherina Hess)

Studenten der TU München zeigen die Welt technisch veränderter Lebensmittel.

Von Christina Hertel

Die Tomate ist das beliebteste Gemüse in Deutschland: 25 Kilo isst jeder durchschnittlich im Jahr - frisch oder verarbeitet als Ketchup oder Tomatensoße. Für solche Mengen ist Massenproduktion notwendig. Deshalb züchtet man Tomaten in Gewächshäusern - und zwar nicht mehr in Erde, sondern zum Beispiel auf Steinwolle. Dort werden Wasser und Nährstoffe hineingepumpt, ein Computer steuert wieviel. Durch die Zucht hängen an jedem Stängel gleich viele Tomaten, so können sie schneller verpackt werden. Nur ist das Gemüse eigentlich zu schwer für die Pflanze. Deshalb muss jeder Stängel durch ein kleines Plastikteil gestützt werden.

Geschichten wie diese erzählen die Studenten des Masterstudiengangs Industrial Design und Architektur an der Technischen Universität (TU) in ihrer Ausstellung "Biofakt: Natürlich. Technisch", die bis zum 12. März in der Immatrikulationshalle der Uni an der Arcisstraße zu sehen ist und danach voraussichtlich im Deutschen Museum. "Biofakte" sind künstlich gestaltete Lebewesen - und die Studenten wollen zeigen, dass dahinter viel mehr steckt als nur gentechnisch veränderte Pflanzen. Dass der Übergang zwischen künstlich und natürlich fließend ist. Und dass der Mensch das im Alltag oft gar nicht merkt.

Daheim, in einem Dorf in Oberbayern, da war alles ganz einfach. Wenn die Familie Gemüse brauchte, wurde Alexander Konther mit einer Kiste zum nächsten Bauern geschickt. Seit Konther aber in München studiert, muss er selbst entscheiden, wo er sein Gemüse kaufen soll. Im Discounter, auf dem Gemüsemarkt, im Bioladen? Für die Ausstellung hat er sich genauer mit dieser Frage beschäftigt. Die Entscheidung ist immer noch schwer. Lieber die Biogurke, die auf einem Feld gewachsen ist, aber leider in Italien? Oder die Gurke aus Deutschland, die im Gewächshaus gezüchtet wurde, aber dafür weniger Wasser benötigte und nicht so weit durch die Gegend gefahren wurde? "Wir wollen, dass die Menschen über solche Dinge nachdenken", sagt Konther. "Dass sie nicht automatisch meinen: Bio ist toll und alles andere schlecht oder umgekehrt."

Die Ausstellung haben die Studenten konzipiert: Vom Logo bis zur Präsentation haben sie sich alles in einem Seminar erarbeitet. Mit dem Thema aber kannte sich vorher kaum einer aus, deshalb war Hilfe nötig. Ein großer Teil des Inhalts stammt aus dem Forschungsverbund "Sprache der Biofakte", bei dem Geisteswissenschaftler, Soziologen und Industriedesigner aus ganz Deutschland zusammenarbeiten. Die Studenten überlegten, wie sich dessen Ergebnisse einem breiten Publikum präsentieren lassen. Es gibt nun Mitmachstationen, kurze Filme werden gezeigt. Und der Besucher erfährt vieles, was er vorher bestimmt nicht wusste. So wie die Studenten.

Dass es auf Spitzbergen eine der größten Samen- und Genbanken der Welt gibt, in der etwa Tomatensamen bei minus 18 Grad bis zu zehn Jahre haltbar bleiben, das sei für sie ziemliches Neuland gewesen, sagt zum Beispiel Isabella Hillmer. 120 Meter tief in der Erde in einer alten Kohlegrube werden dort etwa 4,5 Millionen verschiedene Samenproben gesammelt. Länder, die Proben dorthin schicken, dürfen sie im Notfall wieder zurückverlangen. "Syrien hat das schon gemacht", sagt Hillmer. Wie überall in der Ausstellung sollen auch hier die Vor- und Nachteile gezeigt werden. Pro: Die Artenvielfalt wird gesichert, vielleicht einmal eine Hungersnot verhindert. Kontra: Daraus wird eine Machtfrage, und es könnte sich jemand daran bereichern.

Der Besucher kann hier sehen, wie Zuckerrüben vor Hunderten Jahren aussahen, bevor der Mensch mit der Zucht begann: wie kleine, verschrumpelte Wurzeln. Der Zuckergehalt lag bei zwei Prozent, heute beträgt er fast 25 Prozent. Auch Mais ist heute 20 Mal größer als die alte Wildpflanze. "Da sieht man, dass der Mensch schon immer viel Arbeit in seine Pflanzen gesteckt hat", sagt eine Studentin. Manchmal fragt man sich allerdings, ob es der Mensch nicht etwas übertreibt: Es gibt gebeizte Maiskörner, die rot eingefärbt sind und so resistent gegen Schädlinge werden. Forscher in Ghana erproben, wie Kakaobohnen durch Kerntechnik länger haltbar werden. Und es gibt Patente unter anderem für Brokkoli.

"Biofakt: Natürlich. Technisch", TU München, Aricisstraße 21, bis 12. März täglich von 12 bis 20 Uhr.

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