bedeckt München 18°

Ausstellung im Lenbachhaus:Jenseits des eigenen Horizonts

"Die Sonne um Mitternacht schauen" - eine Schau zeigt feministische Positionen der Gegenwartskunst im Lenbachhaus

Von Evelyn Vogel

Einst glaubten die Menschen, die Erde sei eine Scheibe und jenseits des Horizonts falle man ins Bodenlose. Nun, die "Flat Earther" glauben das noch heute und wahrscheinlich auch, dass die Sonne irgendwie weg ist, wenn sie untergeht. Dabei ist das, was wir nicht sehen können, natürlich trotzdem da. Und so kann man die Sonne auch um Mitternacht schauen - es kommt nur auf den Standpunkt an.

Den Titel "Die Sonne um Mitternacht schauen" der wegweisenden, 1988 entstandenen großformatigen Fotoarbeit von Katharina Sieverding hat das Lenbachhaus zum Anlass genommen, über feministische Positionen in der Kunst im allgemeinen und im eigenen Sammlungsbestand im Besonderen nachzudenken. Mit dem Ergebnis sind Eva Huttenlauch und Matthias Mühling mehr als zufrieden. Weil seit den Siebzigerjahren systematisch feministische Positionen gesammelt wurden und weil die städtische Galerie seit mehr als einem halben Jahrhundert Ausstellungen zu diesem Thema bestreitet.

Als eine der "Keimzellen" für die Ausstellung kann die bis heute unvergessene, radikale Körperperformance "Tapp- und Tastkino" der österreichischen Künstlerin Valie Export gelten. Mit einem mit zwei Löchern versehenen Kasten vor den nackten Busen geschnallt ging sie durch die Straßen Münchens und lud Passanten ein, hineinzugreifen. Eine Performance, die selbst im sexuell freizügigen Klima der 68er für Furore sorgte. Noch vor Marina Abramović etwa richtete sie den Blick darauf, dass Künstlerinnen stets bereit waren, den eigenen Körper als künstlerisches Mittel einzusetzen - und nicht wie ihre männlichen Kollegen überwiegend das andere Geschlecht zu malen und zu modellieren.

Die neue Ausstellungseinrichtung nimmt den größten Teil des Bereichs der Kunst nach 1945 im ersten Stock ein und widmet jeder künstlerischen Position meist einen eigenen Raum. Sie setzt sogar noch vor den späten Sechzigern ein, nämlich mit einem gegenstandslosen Gemälde von Maria Lassnig aus den Fünfzigern. Das nimmt sich in dem Raum, umgeben von zahlreichen, weithin bekannten und bis nach den Nullerjahren entstandenen Lassnig-Bildern wie ein singuläres Moment aus. Wie eine zweite Ausnahmeintervention erscheint der Raum des kanadischen Kollektivs General Idea und AA Bronson, sind es doch die einzigen Werke von männlichen Künstlern in dieser Schau.

Vom Intro am Aufgang mit Werken von Judith Hopf und Michaela Melián über die Arbeiten von Senga Nengudi, Candice Breitz, Barbara Hammann, Friederike Pezold, Isa Genzken, Annette Kelm, Monica Bonvicini, Cindy Sherman, Rosemarie Trockel, Barbara Klemm, Helga Paris und Tejal Shah bis hin zu den Werken von Flaka Haliti und Eva Kot'átková ist hier eine Sammlungspräsentation zu sehen, die deutlich macht: Man muss auch den Standpunkt jenseits des eigenen Horizonts in Betracht ziehen, um die Welt in ihrer Gesamtheit erfassen zu können.

Die Sonne um Mitternacht schauen, Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung, Lenbachhaus, Luisenstr. 33, Di-So 10-18 Uhr, zu sehen bis 1. August

© SZ vom 29.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite