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Ausstellung:Ein zerrissenes Land

Einblick in eine gespaltene Nation: Waffenladenbesitzerin Pamela Burke, der Schweißer Rich Filipcich aus Ohio, die Walmart-Anestellte Jamie Pfister aus Kalifornien. Fotos: Mathias Braschler, Monika Fischer

Das Fotografenpaar Mathias Braschler und Monika Fischer hat für ein Fotoprojekt 40 US-Bundestaaten bereist. Die dabei entstandenen Aufnahmen zeigen gleichzeitig Individualschicksale und den Zustand des Landes. Jetzt ist die Schau online zu sehen

Von Sabine Reithmaier

Doyi Lee, eine Youtuberin aus Chicago, beschreibt die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft knapp und klar: "Wir mischen uns nicht, treffen nicht mehr aufeinander ... wir nehmen uns gegenseitig als fremd wahr und fürchten uns eher voreinander, weil wir uns nicht mehr begegnen." Das Statement der jungen Frau, das, genau genommen, nicht nur für die USA zutrifft, wirkt wie ein Kommentar zu ihrem Porträtfoto, das in der Ausstellung "Divided We Stand" im Ingolstädter Alf-Lechner-Museum hängt. Das hat wie alle anderen Museen geschlossen, doch die beeindruckende Bestandsaufnahme eines zerrissenen Landes, geschaffen vom Schweizer Fotografenpaar Braschler/Fischer, zur Gänze ins Netz gestellt. Auf einer eigens erstellten Seite sind nicht nur die 47 Porträtaufnahmen zu sehen, sondern auch die Stimmen der Befragten im Original zu hören. Und es braucht schon viele Stimmen, um zu erkennen, dass zwischen einem Republikaner in Texas und einem in Wyoming ein Riesenunterschied besteht.

100 Tage sind Mathias Braschler und Monika Fischer im Vorjahr kreuz und quer durch 40 Bundesstaaten gefahren. 24 000 Kilometer legten sie zurück, um herauszufinden, warum die Amerikaner 2016 Trump gewählt hatten. Dabei porträtierten und interviewten sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. So trifft man auf Rodeoreiter, Hollywood-Produzenten, Cheerleader, Musiker, Obdachlose, drogensüchtige Maurer, Nasa-Ingenieure. Wenn das Paar am Morgen mit seinem zum mobilen Fotostudio umgerüsteten Minibus aufbrach, wusste es oft nicht, wen es fotografieren würde. Auf Jamie Pfister trafen sie zufällig während des Einkaufens in einem Walmart. Wie die meisten anderen war auch sie spontan bereit, sofort mitzumachen und auf die Frage "Was bedeutet Amerika für dich" zu antworten. Für die mies bezahlte Supermarkt-Angestellte steht das Land für Aufstieg und Chancen, aber auch für Unterdrückung und Traurigkeit. Sie arbeite genauso hart wie die Schauspielerin Jennifer Aniston, "warum bekomme ich keine 20 000 Dollar, keine zwanzig Millionen Dollar?"

Mit jedem einzelnen Protagonisten haben die Fotografen eine Selbstinszenierung erarbeitet, immer vor weißem Hintergrund, in perfektem Studiolicht. Die Figuren wirken ungeheuer plastisch. Nichts ist retuschiert, oft erzählen Kleinigkeiten die Geschichten weiter. Die zerschundenen Hände des Pferdetrainers D.J. Wyatt, der, 35 Jahre alt, keinen Zahn mehr im Mund hat und die mangelnde Teamfähigkeit der Menschen bedauert. Oder Pamela Burke, Waffenladenbesitzerin aus Pennsylvania, die sich an ein Gewehr klammert. Unter demokratischen Präsidenten verkaufe sie wesentlich mehr Waffen als unter republikanischen, sagt sie. Die Amerikaner hätten unter letzteren nicht so viel Angst, das Recht auf Waffenbesitz zu verlieren.

Die Kluft in den USA hat sich seit 2003 vertieft. Jetzt gibt es keine Dialoge mehr

Die Fotografen kennen die USA gut und lang. Braschler, der sich nach einem Geografie- und Geschichtsstudium der Fotografie zuwandte, zog 1998 für fünf Jahre nach New York, erlebte dort 9/11 mit. Monika Fischer arbeitete da noch als Dramaturgie- und Regieassistentin am Opernhaus Zürich. 2003 begann ihre Zusammenarbeit, gemeinsam schufen sie international beachtete Bildserien, in denen es meistens um Menschen geht, wie "The Human Face of Climate Change" oder "About Americans", das Ergebnis ihres ersten Roadtrips im Jahr 2003 durch die USA. "Wir dachten damals schon, die Spaltung sei groß", erinnert sich Braschler. Doch jetzt habe sich die Kluft vertieft, es gebe keine Dialoge mehr.

Das beklagt auch Rodeoreiter Colt Cunningham in Wyoming. So könne es auf jeden Fall nicht weitergehen, sagt er. Und wer möchte ihm da schon widersprechen.

Braschler/Fischer: Divided We Stand, bis 7. März, Lechner-Museum Ingolstadt, derzeit nur zu sehen unter www.divided-we-stand.us

© SZ vom 28.11.2020
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