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Ausstellung:Das Geschäft mit der Kunst

Schaufenster Donisl

Das Donisl-Fenster als konsumkritisches Gesamtkunstwerk.

(Foto: Max Heimann)

Max Heimann und Niklas Jeroch bespielen das Donisl-Schaufenster mit einer ironischen Installation

Von Evelyn Vogel

Ein Schaufensterbummel zu Weihnachten oder zwischen den Jahren ist normalerweise sehr beliebt. Derzeit ist es die einzige Form, um all die hübschen Dinge analog sehen zu können, wenn auch nur hinter Glas. Trotzdem lassen viele den Schaufensterbummel in diesem Corona-Jahr ganz ausfallen - oder verlegen ihn gleich in die virtuelle Welt des Internets.

Auch der Kunstmarkt hat sich in diesem Jahr radikal gewandelt. Statt unterhaltsamer Ausstellungseröffnungen mit Vernissagehopping und pompöser Messen gab es virtuelle Führungen und Online Viewing Rooms. Statt Champagner und Häppchen waren Mund-Nasen-Schutz und Abstandhalten angesagt. Deshalb scheint die künstlerische Konsumkritik, die der Münchner Fotokünstler Max Heimann und der Berliner Künstler Niklas Jeroch im Donisl-Schaufenster am Marienplatz inszenieren, nicht ganz ins Schwarze zu treffen.

Zwar gibt es auch einen Kunstkonsum. Und für Künstler ging es in diesem Jahr vielleicht mehr denn je um Verkäufe. Aber vor allem deshalb, weil sie fehlten. Und doch bleibt der kritische Ansatz von Heimann und Jeroch so richtig wie offensichtlich. Die Kommerzialisierung der Kunst ist in einem hohem Maße vorangeschritten. Auf dem Kunstmarkt bestimmen nicht mehr die Kennerschaft und die Liebe langjähriger Sammler die Nachfrage, sondern das Investmentpotenzial und die Risikobereitschaft von Kapitalanlegern. Heimann und Jeroch zielen mit ihrer Schaufensterinstallation auf die Kommerzialisierung von Kunst. Das Verkaufsschaufenster in der Passage beim Donisl-Wirtshaus inszenieren sie in einem Zwischennutzungsprojekt des städtischen Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft als Gesamtkunstwerk, optisch rausgeputzt mit Spiegel, Lichtspots, Podesten und allerhand Trallala. Darin sind Heimanns Fotografien und Jerochs Skulpturen präsentiert wie in einer hyperästhetischen, bunten Warenwelt. Der ausgelegte Flyer, überschrieben mit "Kauft Kunst!", persifliert das Ganze zusätzlich - hat jedoch Passanten, die den Witz dahinter nicht verstanden, bereits zu Protestkommentaren angeregt.

Die Arbeiten selbst sprechen eine eigene Sprache: Auf Heimanns Fotos sind seltsam amorphe Gebilde zu sehen: mikroskopische Dunkelkammerkristalle im digitalen Raum. Auf Büttenpapier gedruckt und von unbehandeltem Holz gerahmt, wirken sie seltsam analog. Jerochs grell farbige Skulpturen aus dem 3D-Drucker, inspiriert von Mikroorganismen, ähneln eher Klumpen von Gehirnmasse, denn anmutigen Porträts. Sie bestehen zudem aus einem Material, das auf Laktose basiert und biologisch abbaubar ist.

Alle Kunst will Ewigkeit? Von wegen. In Zeiten der Kommerzialisierung ist sie vor allem eines: vergänglich.

Fotografien von Max Heimann und Skulpturen von Niklas Jeroch im Donisl-Schaufenster am Marienplatz, verlängert bis 28. Februar

© SZ vom 28.12.2020
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