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Aubing/Gröbenzell:Ruf nach Freiheit am Biotop

Böhmerweiher

Lehnt den Leinenzwang ab: Ingrid Steger mit Hündin Emma beim täglichen Spaziergang am Böhmerweiher.

(Foto: Privat)

Das Kommunalreferat hat am Böhmerweiher eine generelle Leinenpflicht eingeführt - wogegen sich Hundebesitzer nun zur Wehr setzen

Ingrid Steger kennt den großen Böhmerweiher wie ihre Westentasche. Mit ihrer Hündin Emma geht sie regelmäßig dort spazieren, meist morgens um halb zehn in Begleitung einer Freundin aus Lochhausen und deren Schäferhündin. "Die Hunde brauchen Auslauf", erklärt die 66-Jährige. In der Regel treffen die Aubingerin und ihre Freundin dann auf andere Frauchen und Herrchen mit ihren Vierbeinern. Auch Reiter und Pferde genießen regelmäßig das erfrischende Gewässer und seine Umgebung.

Vor einer Woche allerdings glaubte Steger, ihren Augen nicht zu trauen. Sieben Schilder waren plötzlich auf dem Areal aufgestellt worden, mit der unmissverständlichen Aufforderung: "Hunde sind an der Leine zu führen." Eine zeitliche Beschränkung ist darauf ebensowenig vermerkt wie eine Begründung. Die Schilder lassen auch nicht erkennen, wer sie aufstellen ließ, eine amtliche Signatur fehlt. Mittlerweile aber ist klar: Es war das Münchner Kommunalreferat. Die Behörde hat mit der Anordnung mehrere vom Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied unterstützte Anliegen von Bürgern für einen Leinenzwang aufgegriffen und in die Tat umgesetzt.

Hundebesitzer reagieren entsetzt. "Das ist das einzige im Münchner Westen in natürlicher Umgebung liegende Gewässer, an dem sich Menschen mit ihren Hunden noch frei bewegen können", argumentiert Steger. Am Germeringer See und an der Langwieder Seenplatte gilt bereits ein generelles Hundeverbot, am Olchinger See sind die Vierbeiner von April bis September unerwünscht. Dass nun auch noch am großen Böhmerweiher eine generelle Leinenpflicht eingeführt werden soll, empfinden Hundeliebhaber als Diskriminierung und Mobbing.

Eine WhatsApp-Gruppe unter dem Motto "Freier Böhmerweiher", der mittlerweile mehr als 40 Teilnehmer angehören, gab es daher schon binnen weniger Stunden. Steger hat außerdem eine Petition ins Leben gerufen, der online schon mehr als 1200 Leute gefolgt sind. Dazu kommen rund 600 per Handzettel eingesammelte Unterschriften. "Die geforderte 2000er-Marke knacken wir damit auf jeden Fall", ist sich die Aubingerin sicher.

"Der Böhmerweiher", heißt es in der an den Erholungsflächenverein gerichteten Petition "Gegen Leinenzwang und Umwandlung des Böhmerweihers in einen Badesee", sei kein Badesee, sondern "eine alte Kiesgrube, die sich im Laufe der Jahre mit Wasser gefüllt hat." Das Biotop mit seinen mehr als 80 geschützten Tier- und Pflanzenarten, das sich daraus entwickelt habe, sei dabei "ohne die Notwendigkeit von Verbotsschildern" entstanden. Spaziergänger, Radfahrer und Badegäste mit und ohne freilaufende Hunde sowie Menschen mit Pferden, die das Areal in den vergangenen Jahrzehnten frequentierten, hätten daran nichts geändert. Im Gegenteil: "Die Tierwelt - auch die zahlreichen Wasservögel - leben in Harmonie mit Mensch, Hund und Pferd." Ihre Hunde, ergänzt Steger, wüssten, dass Enten, Frösche und Gänse "tabu" seien. "Die würden denen nie was tun."

Die Hinterlassenschaften ihrer vierbeinigen Freunde, betont die Aubingerin, entfernten die Hundehalter gewissenhaft. Und nicht nur das: Sie reinigten das Areal auch von Unrat. "Es gibt einen älteren Herrn, der jeden Morgen durch das Gelände geht und den ganzen Müll einsammelt, den Menschen am Vortag hinterlassen haben", weiß Emmas Frauchen. Urgestein "Fischer Lothar" hat außer seinem Handkarren bei seinen Rundgängen auch immer Hund Ingo dabei. "Der Böhmerweiher wurde fast 20 Jahre lang sich selbst überlassen und benötigt keine Fremdregulierung", heißt es deshalb in der Petition. "Der Weiher, die Menschen und Tiere dort regulieren sich selbst."

Wenn vom Böhmerweiher die Rede ist, so ist damit das größere von zwei nebeneinander liegenden Gewässern in einem 260 000 Quadratmeter umfassenden Areal im Landschaftsschutzgebiet Aubinger Lohe gemeint, an der Grenze zu Puchheim und Gröbenzell. Der kleine Weiher ist ein Biotop, "da lässt auch kein Mensch seinen Hund frei laufen", weiß Steger. Im großen Baggersee aber wird in den Sommermonaten wild gebadet, die Wasserqualität ist dank eines Grundwasserstroms und dem Zu- und Ablauf des Speckbachs gut.

Die Stadt München, die beiden Landkreiskommunen Puchheim und Gröbenzell und der Erholungsflächenverein haben das Gelände mit den Weihern 2013 erworben. Sie entscheiden gemeinsam, wie es künftig genutzt werden soll. Eine Machbarkeitsstudie vor vier Jahren hat weitreichenden Biotop- und Artenschutz für das Areal empfohlen. Dass die Fläche entgegen der Forderung der Petition auf jeden Fall zu einem Erholungsgelände ausgebaut wird, steht bereits seit Jahren fest - unklar ist allerdings noch, wann und in welchem Ausmaß.

Wie weit die Meinungen der Entscheidungsträger auseinandergehen, zeigt allein die divergierende Ansicht von Aubings Lokalpolitikern und den Grünen aus Gröbenzell. Während der Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied den Leinenzwang mit Verweis auf einen positiv beschiedenen Antrag aus der Bürgerversammlung von vor drei Jahren und vermehrte Beschwerden und Vorfälle wegen nicht angeleinter Hunde unterstützt, lehnen Gröbenzells Grüne die Forderung angesichts offensichtlich verantwortungsbewusster Hundebesitzer ab. Die Grünen kritisieren auch, dass das Aufstellen der Schilder nicht mit den Landkreiskommunen abgesprochen worden sei.