Attentat auf das Oktoberfest:Ermittler bitten um Hilfe der Bevölkerung

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Am Tag nach dem Attentat 1980 öffnete das Oktoberfest wie gewohnt. Erst einige Tage später blieb die Wiesn für einen Tag geschlossen.

(Foto: Imago/ZUMA/Keystone)
  • Die Bundesanwaltschaft und das bayerische Landeskriminalamt bitten die Bevölkerung um Hilfe. Sie suchen nach weiteren Filmaufnahmen oder Fotos von der Theresienwiese am Tag des Oktoberfestattentats.
  • Grund sind die neuen Ermittlungen zum Terroranschlag. Schon in den Achtzigerjahren gab es Hinweise auf mögliche Mittäter.
  • Am 26. September 1980 zündete der rechtsradikale Student Gundolf Köhler auf dem Fest eine Bombe, 13 Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt.

Von Annette Ramelsberger

Fast 35 Jahre nach dem Attentat auf das Oktoberfest im September 1980 bitten die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und das bayerische Landeskriminalamt die Bevölkerung darum, aktiv zur Aufklärung des Falles beizutragen. Alle, die seinerzeit auf oder in der Nähe des Oktoberfests waren, werden gebeten, der Soko "26. September" ihre alten Fotos oder Filme von damals zur Verfügung zu stellen. Die Ermittler bitten nicht nur um Aufnahmen vom Tatort, sondern sind auch an Bildern interessiert, die die Festwiese und die Straßen drumherum in den Stunden vor der Tat zeigen. Ganz offensichtlich hofft die Polizei, auf einem dieser nun fast historischen Bilder Hinweise auf Hintermänner des größten Terroranschlags in der Nachkriegszeit zu finden, mit 13 Toten und mehr als 200 Verletzten.

Was die Polizei will, ist nichts weniger als eine kollektive Tiefenbohrung in der eigenen Erinnerung, eine geradezu archäologische Spurensuche. Fast jeder, der älter als 45 Jahre ist, weiß noch heute, wo er zum Zeitpunkt des Anschlags war und verbindet damit oft sehr persönliche Geschichten. Im Wust dieser Geschichten, in der auf Filme und Fotos gebannten Bier- und Hendl-Seligkeit, versucht die Polizei den Schatten der Hintermänner des Attentats zu finden. Stand irgendwo ein Mann mit einer schweren Tüte? Blitzte da eine Stichflamme aus einem Gully? Sieht man junge Männer miteinander streiten? All das könnte harmlos sein, aber auch die entscheidende Spur zu den Hintermännern.

Schon damals gab es Hinweise auf mögliche Mittäter

1982 hatte die Polizei die Ermittlungen eingestellt und sich darauf festgelegt, dass die Tat von einem Einzeltäter begangen worden war: dem Studenten Gundolf Köhler, der Verbindungen zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann hatte. Anhaltspunkte, dass andere Rechtsradikale in die Tat verstrickt waren, wurden damals nicht gefunden. Doch es gab auch schon Anfang der Achtzigerjahre viele Zeugen, die davon berichteten, dass Gundolf Köhler nicht allein am Tatort war, dass er mit mehreren Leuten in einem Auto gesprochen hatte, dass er einen heftigen Wortwechsel mit zwei Männern in Tarnjacken hatte. Auch Hinweise, wonach nicht nur Köhlers Bombe explodiert war, sondern auch eine weitere kleinere Explosion in einem Gully am Randes des Oktoberfestes zu sehen war, gab es - doch die Ermittlungen führten damals zu nichts.

Nun hat der Generalbundesanwalt im Dezember die Ermittlungen zum Oktoberfestanschlag wieder aufgenommen und nun will man genauer hinschauen als in den Achtzigerjahren. Mehrere neue Zeugen hat das Landeskriminalamt bereits vernommen, im Moment suchen Polizisten kistenweise alte Akten zum Oktoberfestattentat und zur Wehrsportgruppe Hoffmann aus den Kellern von Verfassungsschutz, Polizei und Innenministerium zusammen. All das soll noch einmal ausgewertet werden.

Am wichtigsten sind neue Zeugenaussagen

Besonders wichtig aber erscheinen den Fahndern der Soko "26. September" nicht die Akten, sondern die Menschen, die sich erinnern - und vielleicht 35 Jahre danach ihr Schweigen brechen. "Es gibt doch vielleicht jemanden, der nach all der Zeit dem Rechtsradikalismus abgeschworen hat, vielleicht jemand, der im Alter sein Gewissen erleichtern will", sagt ein Ermittler. "Vielleicht ist das die Spur, die schon so lange gesucht wird."

Deswegen hat die Soko ein Öffentlichkeitstelefon geschaltet. Alles soll nun auf den Tisch, heißt es beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Man verbindet damit sicher auch den Wunsch, dass sich nun wirklich alle melden, die noch etwas wissen, gesehen haben oder auch nur glauben, etwas gesehen zu haben. Die Polizei hofft, dass nicht alle paar Monate ein neuer Zeuge auftaucht, der sich dann beim Opferanwalt Werner Dietrich meldet oder beim Journalisten Ulrich Chaussy, die sich seit 30 Jahren um die Aufklärung des Falls bemühen. Die Polizei hätte die Ermittlungen gerne wieder in den eigenen Händen - nachdem sie vor 33 Jahren die Akten zugemacht hat.

Die Sonderkommission: Telefon 089/1212-1980 oder E-Mail blka.1980@polizei.bayern.de

© SZ vom 23.05.2015/axi
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