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Architektur:München ist zu satt und berauscht vom eigenen Erfolg

Das war einmal anders. Als am Beginn des 19. Jahrhunderts die Alte Pinakothek eröffnet wurde, kannte man sie als die Pinakothek "bei Dachau" - weil sie so weit draußen verwirklicht wurde. Die ganze Maxvorstadt war noch, zumal in ihrer unbegreiflich modernen Orthogonalität, eine ferne Vision. Der Karolinenplatz, heute einer der schönen und zugleich urban-funktionalen Plätze Münchens, galt als derart unwirtlich, dass Ludwig I. die ersten Bewohner in die Palais förmlich zwingen musste. Oder das Maximilianeum, das sich der leidlich verrückte und eben deshalb anregende Architekt Friedrich Bürklein als "point de vue", als Blickfang, ans Ende einer Straße setzte, die noch lange keine Prachtstraße war: Damals wusste man längere Zeit gar nicht, was man mit dem Bau eigentlich anstellen soll. Er war zunächst einfach nur der Schönheit der Stadt gewidmet. Und abgesehen davon erst mal eine sehr irre Idee.

SZ-Dossier "Münchens Architektur"

Wer in München einen Architekturspaziergang machen will, stößt rasch auf die Werke großer Baumeister wie Leo von Klenze oder Friedrich von Gärtner, geht vorbei an weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Doch abseits dieser Monumente gibt es viele architektonisch spannende Orte, die auch von der Geschichte Münchens erzählen. Mal stehen sie für eine andere Idee des Wohnens, mal sind sie Symbole gesellschaftlicher Entwicklungen, mal prägen sie ein ganzes Viertel. Die SZ präsentiert in dieser digitalen Sonderausgabe 14 Architekturspaziergänge durch die Stadt, ergänzt um Videos und interaktive Elemente (online unter www.sz.de/architekturmuc). Birgit Kruse

Wer heute darüber nachdenkt, wie die tendenziell auch sehr irre Idee von einem Konzerthaus mitten in der Isar gleich als "unmöglich" verunmöglicht wurde, könnte fast auf die Idee kommen: Ein gestaltungsfreudiger Monarch wäre eigentlich auch mal eine Alternative zu den Bezirksausschüssen und der Stellplatzverordnung. Bogenhausen: Das war die Idee eines Investors. Schwabing: Das war die feindliche Übernahme eines Dorfes vor den Toren der Stadt. Und der alte Flughafen: War, abgesehen davon, dass er eine Idee der Nazis war, einst der modernste Flughafen der Welt. München war tatsächlich schon mal innovativer drauf als heute, wo Ideen dazu verurteilt werden, an jenen Stadtteiloberaufsehern zu scheitern, die insgeheim daran arbeiten, aus München eine Mischung aus Altenstift und Postkartenidyll zu machen. Wobei man ja auch dann noch eine geduckte Angst hätte vor jedem Projekt, das möglicherweise den Widerrist eines Dackels überragt.

Mittlerweile fehlt einem der nach Berlin emigrierte Stephan Braunfels, also ein Architekt mit Vorstellungskraft. Er hat sich ausgedacht, wie aus der infernalischen Sonnenstraße ein großstädtischer Boulevard werden könnte. Das Inferno ist geblieben. Und aus dem Marienhof hätte er einen Platz gemacht. Die Verlegenheitslösung ist geblieben. Braunfels sagt heute: "Münchens Weltruf nährt sich fast ausschließlich von den königlichen Bauten, Straßen und Plätzen des 19. Jahrhunderts." Vernichtend fügt er hinzu: "Fast in jeder Stadt der Welt sind in den letzten Jahrzehnten aufregendere Gebäude entstanden als in München."

Vielleicht ist das ja auch die Erklärung dieser lähmenden Sattheit: München ist noch immer zu besoffen vom Himmel aus "blauer Seide" und der Kunst, auch der Baukunst, die "ihr rosenumwundenes Zepter" über die Stadt hinstreckt (aus "Gladius Dei" von Thomas Mann). Zu satt und zu berauscht von sich und seinem Erfolg ist es, um zu begreifen: Das wurde früher erwirtschaftet. Heute lebt man an der Isar vom Geld jener Global Player, die gerne in die Berge und an die Seen des Voralpenlandes gehen. Und in jene Museen und Theater, die unsere Generation geerbt hat. München steht zwergenhaft auf den Schultern früherer Riesen. Und angesichts der gloriosen Vergangenheit stellt sich die Frage: Welche Ideen hat die Gegenwart, um ähnlich vital und strahlend in die Zukunft zu gelangen?

Doch, es gibt bisweilen Talent und Entschlossenheit. Wer durch München streift, begegnet einem Stück Mut hier oder einer Portion Vision dort. Der BMW-Welt etwa. Oder dem Schwabinger Tor. Der Allianz-Arena oder einer Aussegnungshalle in Riem, die so grandios ist, dass sie in der Werbung schon als mondäne Villa inszeniert wurde. Was natürlich eine Frechheit ist - eine anregende. Wie Intarsien ruhen singuläre Überraschungen im Stadtgrundriss einer immer noch schönen und liebenswerten Stadt, die man manchmal einfach aus Verzweiflung ohrfeigen möchte. Damit sie endlich mal richtig wach wird.

Architektur-Spaziergänge Gegend der Gegensätze

Architekturspaziergang

Gegend der Gegensätze

Der Spaziergang von der Friedenheimer Brücke bis zum Rotkreuzplatz bietet Abwechslung: Nachkriegs-Provisorien, Villen und Highlights der modernen Baukunst.   Von Anna Hoben (Texte), Stephan Rumpf (Fotos) und Martin Moser (Video)