Am Hart:Im Herzen der Siedlung

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Die Grundschule an der Rothpletzstraße wurde in dem Jahr eröffnet, als der Zweite Weltkrieg begann. Nun hat es der von Hermann Leitenstorfer entworfene Bau auf die Liste der Münchner Baudenkmäler geschafft

Von Lea Kramer, Am Hart

Der Weg vom Anton-Ditt-Bogen bis an den Rand der Panzerwiese ist knapp vier Kilometer lang. Dazwischen liegen Gewerbe, Kleingärten, Häuser. Obwohl das Gebiet schon lange besiedelt ist, gibt es im nördlichen Teil des Stadtbezirks erstaunlich wenige Baudenkmäler. Mit der Grundschule an der Rothpletzstraße 40 ist ein neues dazugekommen. Das Gebäude ist einerseits Zeugnis der Schulpolitik des Nationalsozialismus. Andererseits hat es einer der für München besonders prägenden Architekten entworfen.

Entstanden ist die Volksschule an der Rothpletzstraße 40 ab 1937. Mit 16 Klassen nimmt sie ihren Betrieb 1939 auf. Es ist eine Zeit, in der die Stadt ihre Ränder immer weiter verschiebt. Das Leben nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist geprägt von Inflation und allgemeiner Not, Zwangseinquartierungen und Notunterkünfte für Zuzügler und Kriegsheimkehrer sind die Regel. Durch unterschiedliche Wohnbauprogramme wird versucht, den Wohnraummangel zu lindern.

Grundschule Rothpletzstraße

Die Grundschule hat für die Siedlung Am Hart eine große Bedeutung.

(Foto: Catherina Hess)

In diesem Zuge entsteht auch die Siedlung Am Hart. Sie geht auf ein Programm aus dem Jahr 1931 zurück, das sogenannte Reichkleinsiedlungsprogramm. Diese öffentlich geförderte Maßnahme aus der Weimarer Republik richtet sich an Menschen ohne Arbeit und Bleibe. Die Nationalsozialisten setzen das Programm unverändert fort. 1933 beschließt der Münchner Stadtrat, 338 Siedlerstellen zwischen Knorrstraße und Ingolstädter Straße errichten zu lassen. In den großen Gärten der einfachen Häuschen sollte genug Platz für den Anbau von Obst und Gemüse sowie für die Kleintierhaltung sein, damit sich die Bewohner nahezu selbst versorgen konnten. Am Bau müssen sich die "rassisch einwandfreien" Siedlerfamilien beteiligen. Den Grund erhalten sie umsonst. Das Haus können sie nach drei Jahren von der Stadt übernehmen, sofern sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Am 8. September 1935 findet die offizielle Einzugsfeier unter wehenden Hakenkreuzfahnen und unter den Augen des treuen Hitler-Anhängers und Münchner Oberbürgermeister Karl Fiehler statt.

Mit den neuen Siedlern ziehen auch viele Kinder in das neue Stadtviertel, dessen Straßennamen noch heute an die kriegerische Expansionspolitik des NS-Regimes im Westen Europas erinnern. Wie die Ideologie ins Stadtbild gebracht wurde, wird auch an der neuen Volksschule an der Rothpletzstraße sichtbar. Sie erhält den Namen Egerländer Schule. An ihrer Fassade wird ein Wandbild angebracht. Darauf sind ein Mann und eine Frau in der Tracht des Egerlandes zu sehen. Die Region im Westen Tschechiens wurde mit anderen mehrheitlich von Menschen mit deutscher Abstammung besiedelten Teilen der damaligen Tschechoslowakei im September 1938 von der Wehrmacht besetzt und dem nationalsozialistischen Staat angegliedert. Die Inschrift im Giebel der Schule verwies ebenfalls darauf: "Dies Schulhaus wurde erbaut in den Jahren 1938-39 zur Zeit der Heimkehr der Sudetenlande in das Deutsche Reich". Heute ist der Spruch nicht mehr da und auch die Schule heißt nun nach der Straße, an der ihr Eingang liegt.

Schule an der Rothpletzstraße 40

In die Jahre gekommen, aber immer noch so ähnlich wie im Jahr der Eröffnung: die Grundschule an der Rothpletzstraße.

(Foto: Stadtarchiv)

Der Entwurf für die Grundschule an der Rothpletzstraße 40 stammt, wie die meisten Schulgebäude aus jener Zeit, aus dem Hochbauamt der Stadt München. Erdacht hat sie Hermann Leitenstorfer (1886-1972), der 28 Jahre lang im Dienst der Stadt tätig gewesen ist - vor, während und nach der NS-Diktatur. Er hat einige Bauten hinterlassen, etwa die Martinskirche in Moosach, das Leihamt in der Augustenstraße, die Volksschule in Waldtrudering oder die Urnenhalle am Ostfriedhof. Bekannt ist er vor allem für ein Gebäude: das städtische Hochhaus an der Blumenstraße, Bayerns erstes Hochhaus. Bereits 1919 hatte Leitenstorfer den Wettbewerb um die Planung gewonnen. 1929 wurde das Hochhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit schließlich fertiggestellt.

Ein Baustil, den Zeitgenossen unterschiedlich bewerteten. In der Bayerischen Staatszeitung wurde das Hochhaus 1929 als "Musterbeispiel neuzeitlichen Zweckstils" gelobt. In der Süddeutschen Zeitung kam es 1946 weniger gut weg, es wurde als "historizistisch-romanische" Architektur abgestraft. 1948 wurde Leitenstorfer an die Technische Hochschule (TH) berufen. Dort hatte er den Lehrstuhl Entwerfen, Sakralbau und Denkmalpflege inne. Themen, denen er sich bereits bei der Stadt nach Kriegsende angenommen hatte. Er hatte Überlegungen angestellt, wie das zerbombte München wiederaufgebaut werden könnte. Vor allem die Innenstadt war ihm ein Anliegen. Er setzte sich dafür ein, dass bestimmte Fassaden in der Altstadt erhalten wurden. 1955 wurde Hermann Leitenstorfer emeritiert, 1972 starb er im Alter von 86 Jahren.

Die Volksschule im Stadtteil am Hart gehört nicht zu den Glanzprojekten des Architekten, schützenswert ist die heimelig anmutende Vierflügelanlage nach Ansicht des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege trotzdem. "Der ruhige Außenbau ist in einer für die Zeit üblichen historisierenden Weise gestaltet, nur der Dachreiter durchbricht dies mit seiner schlanken Form in Erinnerung an Bauten aus den 1920er Jahren", sagt eine Sprecherin des Denkmalamts. Im Innern der Schule gebe es noch viele ursprüngliche Bauteile. Außerdem habe die Schule eine "gewisse Zentralfunktion" fürs Viertel, mit einem öffentlichen Bad, einer Bibliothek und einem Kindergarten. Das Gebäude sei daher ein wichtiges Zeugnis für die historische Entwicklung des Stadtviertels.

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