bedeckt München 26°

Allach/Untermenzing:Herz des Quartiers

Das neue Stadtteilzentrum der Volkshochschule am Oertelplatz wird von den Bürgern bereits gut angenommen. An diesem Donnerstag feiert nun auch das Einkaufszentrum "Evers" seine Eröffnung

Die ersten Härtetests hat das am Oertelplatz eröffnete Stadtteilzentrum der Volkshochschule schon überstanden. Während am Tag der offenen Tür im Multifunktionsraum tiefe Basstöne und satte Snaresounds auf Cajóns ertönten, waren jenseits der Wand im Gesundheitsraum ruhige "Atemübungen zur Stressprävention" angesagt. Und nichts habe gegenseitig gestört, sagt ganz entspannt Michael Widl-Stüber von der Leitung des Stadtbereichs West der Münchner Volkshochschule. "Wir haben hier eine extreme Schalldämpfung zum Gesundheitsraum." Und an jenem Tag zählten er, Miriam Speckan, die pädagogische Mitarbeiterin im Stadtteilzentrum, und Pressereferentin Susanne Lößl an die 500 Gäste, die größte Altersgruppe zwischen 45 und 65, aber auch Familien mit Kindern oder Jugendliche, die kostenlos in mehr als 30 Kurzveranstaltungen das Programm kennenlernen konnten oder auch nur neugierig auf die neuen Räume waren.

Weiße, hell- und dunkelgraue Farbtöne und Holz sowie hohe Fenster überwiegen auf den mit modernster Technik ausgestatteten 700 Quadratmetern. Jeder Raum bis auf den Gesundheitsraum ist multifunktional ausgerüstet, mit beschreibbaren LED-Monitoren, die wie digitale Whiteboards ohne Beamer und per Touch-Screen funktionieren, flankiert von Whiteboard-Flügeln. Daneben Dokumentenkameras, die wie Overhead-Projektoren arbeiten, nur dass keine Folien mehr aufgelegt werden müssen, man hält das zu Übertragende einfach unter die Kamera. Dazwischen nimmt sich der Notenständer im Foyer geradezu charmant antiquiert aus. Dort läuft bereits die erste Ausstellung - ein Streifzug durch die Geschichte des Stadtviertels, konzipiert von den Historiker Walter G. Demmel und Ernst Rudolph, die noch ergänzt wird, wenn der Brandschutz mitspielt.

Kurz mal einkaufenund dann entspannen oder Spanisch lernen und umgekehrt: Nach vier Jahren Bauzeit ist das neue Zentrum am Oertelplatz direkt am Allacher S-Bahnhof so gut wie fertig gestellt.

(Foto: Catherina Hess)

Das Foyer im zweiten Stock neben dem Anmeldungsbüro ist das Herzstück. In der Mitte lädt eine in Grau, Grün und Weiß gehaltene oval ausgerichtete Sitzgruppe ein, an einem Tisch mit Stühlen können sich Arbeitsgruppen zurückziehen. Am Hochtisch, der noch zwei Tablets erhalten wird, kann man sich in die virtuelle Welt verziehen. Der Vortragsraum ist ein dreiseitiger mit einer Konzertseite, die von Herbst an gemeinsam mit der Bühne 23 bespielt wird. Im Computer- und Internetraum steht schon der 3D-Drucker für den nächsten Kurs bereit. Der Kunstraum ist mit Holzstühlen bestückt, die auf dem Boden gleiten statt nach hinten wegzurollen, und einem Schwemmbecken, das die Farbsedimente aufsammelt, sodass sie nicht in den Wasserkreislauf gelangen. Die Teeküche mit Getränke- und Kaffeeautomat ist für alle Teilnehmer offen. Und selbst den Gesundheitsraum im ersten Stück, mit 100 Quadratmetern der größte, kann die VHS auch für Vorträge nutzen. Die verspiegelte Wand kann mit einem Vorhang abgedeckt werden.

Im zweiten Stock schließt sich auch die Dependance des Alten- und Service-Zentrums von der Manzostraße auf 160 Quadratmeter an, wo noch kräftig gewerkelt wird und erkennbar abgesetzt durch gelbe statt elfenbeinfarbenen Türen. Dort ist auch ein Raum, der gemeinsam genutzt wird, mit jeweils eigenen Zugängen. 90 Kurse von 50 Dozenten, darunter auch Neulinge aus dem Stadtbezirk, sind seit Montag im Sommerprogramm geplant.

Einige hatten wohl nicht mehr geglaubt, am Oertelplatz jemals einen Fuß in so ein Gebäude setzen zu können. "Ich wohne jetzt seit 36 Jahren hier und seitdem war der Oertelplatz immer Thema," sagt Christine Schenk (SPD), Mitglied im örtlichen Bezirksausschuss. Ihr, der CSU-Stadträtin und BA-Vorsitzenden Heike Kainz und anderen BA-Kollegen läuft man zufällig an der Noch-Baustelle über den Weg. Ein halbes Jahrhundert hatten Generationen von Planern, Architekten, Politikern aller Gremien geplant, getüftelt, wieder verworfen, neu geplant, um aus dem Parkplatz vor und der Brache entlang dem Allacher S-Bahnhof ein eigenes Quartierszentrum mit Wohnungen, Geschäften, Gastronomie, Tiefgarage und Platz für Busse zu gestalten. Immer wieder hatte es Hindernisse gegeben, bis hin zum Stillstand.

Kurse können schon jetzt besucht werden, und auch die Geschäfte haben offen.

(Foto: Catherina Hess)

Dass das Zentrum nicht nur ein kommerzieller Anziehungspunkt, sondern auch von Bildung und Kultur geprägt wird, sei vor allem dem Bezirksausschuss zu verdanken, sagt Kainz. Zwar spricht FDP-Mann Henning Clewing von der neuen Mitte noch vom "steinernen Meer", doch ganz so steinern wird es nicht bleiben. Denn der Großteil der zirka rund 30 Bäume, die schon in den städtischen Baumschulen warten, wird erst im September gepflanzt, versichert Claudia Maier, seit eineinhalb Jahren Gesamtprojektleiterin der Bauherrin Moeg GmbH (München Oertelplatz Gewerbe GmbH), eine für das Projekt gegründete Gemeinschaftsgesellschaft der Zech Group und der Christmann Beteiligungen GmbH & Co. KG. Vier Jahre Bauzeit - zwei Jahre Tief- und zwei Jahre Hochbau - liegen hinter Maiers Kollegen und ihr sowie den Anwohnern, bevor das Einkaufszentrum "Evers" an diesem Donnerstag. 9.30 Uhr, Eröffnung feiert.

Auch wenn die Moeg nicht mehr Eigentümerin ist: Der Komplex sei inzwischen an den Versicherungskonzern Swiss Life veräußert worden, der im Herbst übernehme, sagt Claudia Maier auf Nachfrage. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden. Beim Richtfest vor genau einem Jahr hatte Reinhard Christmann die Investitionssumme der Moeg mit an die 100 Millionen Euro beziffert. "Wir haben jedenfalls nicht gespart", sagt Claudia Maier nur dazu.

In Edith Raths Kurs werden Atemübungen zur Stressprävention gelernt.

(Foto: Catherina Hess)

Sechs Lichtkuppeln und eine Rotunde mit einem Lichtband in der Mitte lassen von oben Tageslicht in das 200 Meter lange Gebäude. An den Kopfbauten und der Hauptfassade sowie am Solitär der Sparkasse besteht die Fassade aus Keramik. Entlang der Bahnseite ist sie in Terrakottatönen gestrichen, farblich ein wenig angelehnt an die Gebäude von Krauss-Maffei auf der anderen Seite der Bahn. Die breiten waagrechten Streifen setzen sich am Kopfbau in schmaleren fort, während der Zugang zur S-Bahn und die Radständer hinter bruchsicheren Glaselementen in sanftem Grün, Gelb oder Hellblau schimmern. Unter der Hauptlichtkuppel im Center öffnet sich ein Food Court mit Tischen und Stühlen und Loungeanklang als Aufenthaltszone ohne Verzehrzwang. Sie sind keinem Lokal zugeordnet, jeder kann sich was zu essen holen oder auch nicht, erläutert Claudia Maier.

Auf 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche haben sich zwei Restaurants, eine Apotheke, ein Nagelstudio, ein Möbelgeschäft, der Allacher Hofladen, Damen- und Kinderbekleidung, ein Tattoo-Studio ("dafür habe ich gekämpft", so Maier) eine Reinigung, Lotto und Toto, ein Schuh- und Schlüsseldienst, ein Friseur und Laden mit Friseurbedarf, ein Mobilfunkshop, Spielwaren, ein Reisebüro sowie eine Parfümerie mit Kosmetik angesiedelt. Zu den großen Mietern gehören ein Lebensmittelgeschäft, eine Drogeriekette, ein Optiker und ein Schuhgeschäft. Nur ein Laden ist noch nicht vermietet, derzeit hat ihn die Bauleitung noch okkupiert.

Die jüngst von den Grünen im BA erhobenen Vorwürfe, der umliegende Einzelhandel sei unter Druck gesetzt worden, weist die Projektleiterin zurück. "Das entbehrt jeder Grundlage - mit drei Ausrufezeichen", sagt sie. "Nicht zu meiner Zeit. Für die eineinhalb Jahre lege ich die Hand ins Feuer." Schließlich gebe es auch den gegenteiligen Vorwurf: Sich nämlich nicht um die anliegenden Geschäfte bemüht zu haben. Das Planungsreferat habe ja auch Vorgaben gemacht, und daran habe man sich gehalten: So sei ein großflächiges Sportgeschäft nicht erlaubt gewesen, deshalb habe man ganz darauf verzichtet. Ob die Stadt kontrolliert habe, was die Grünen auch brennend interessiert, könne sie nicht sagen, das könnte auch ohne ihr Wissen erfolgt sein. Das städtische Planungsreferat habe alle Unterlagen über die Geschäfte vorliegen.

Das Kreisverwaltungsreferat war jedenfalls zu Beginn der Woche noch in den Gaststätten zugange. Auch am Bahnsteig fand sich ein Vermessungsteam, das untersuchte, ob es am S-Bahn-Gleis stadteinwärts wegen der Großbaustelle zu irgendwelchen Verwerfungen gekommen sei. "Entwarnung, alles in Ordnung", sagte einer aus dem Team.

Als größte Schwierigkeit des Großbauprojekts bezeichnet die Projektleiterin die Beengtheit der Baustelle. Seit Frühjahr waren täglich bis zu 250 Arbeiter auf der Baustelle zugange. "Die war prallvoll." Auch die kommenden Wochen werden dort noch einige zu sehen sein. Zwar sind beide Zugänge zu den mehr als 300 Parkplätzen des Centers bereits fertig, die rund 130 Park-and-ride-Stellplätze der Stadt aber noch nicht. "Baulich sind wir aber bis Ende September durch, im Oktober haben wir es geschafft", sagt Claudia Maier. Und wie es nun mit dem Bücherschrank und dem freien Klavier aussieht, die der Bezirksausschuss noch gerne am Oertelplatz hätte, ist Maier zufolge einzig Sache der Stadt. Auch der Brunnen funktioniert schon. Schön wäre für die Volkshochschule noch ein Freisitz auf dem noch zu begrünenden Dach unter dem Notausstieg. Platz wäre. Aber das muss Bereichsleiter Michael Widl-Stübner wirklich noch abklären.