Alexander Kluge:"Kunst darf sich nicht zu erkennen geben"

Alexander Kluge stellt sein Hörspiel "Die Chronik der Gefühle" im Haus der Kunst vor. Kunst ist Partisanenarbeit. Findet Kluge.

Korbinian Spann

Alexander Kluge sieht die Kunst als Widerstandskampf gegen den Zeitgeist und Künstler als Partisanen. Auch bei der Presse und den Medien arbeiten diese legale Partisanen, wie beispielsweise beim Bayerischen Rundfunk, findet Kluge. Die BR-Redakteure haben im Rahmen einer Bildungsoffensive ein Hörspiel von Alexander Kluge produziert, dem Nestor des intellektuellen Fernsehens. Man kann den Wagemut der Redakteure durchaus bewundern. Sie haben aus 2000 Seiten Erzählungen und Kurzgeschichten von Kluge ein mehr als 12-stündiges Hörspiel produziert, das 200 Jahre deutsche Geschichte komprimiert.

Alexander Kluge: Alexander Kluge erzählt dem Publikum aus seiner "Chronik der Gefühle." Rechts im Bild Chris Dercon.

Alexander Kluge erzählt dem Publikum aus seiner "Chronik der Gefühle." Rechts im Bild Chris Dercon.

(Foto: Foto: Spann)

Chris Dercon, der Direktor des Hauses der Kunst, bewundert im Gegenzug den Autor. Der Adornopreisträger Alexander Kluge habe sich wie kein Zweiter um die Kunst in den deutschen Medien bemüht und so die BRD nachhaltig geprägt.

Doch Kluge möchte an diesem Abend sofort zum Thema kommen. Schließlich ist der Autor und Filmemacher geladen, um sein neues Hörspiel vorzustellen. Das Ohr ist ein feinerer Beobachter als das Auge, doziert Kluge. Er als Schriftsteller fühle sich den Büchern verpflichtet, aber das Hörspiel sei eben ein besonderer Genuß. Zum Beispiel beim Autofahren. In dem Werk werden globale Themen wie Geschichte, Politik und natürlich auch Kunst in einzelnen Erzählungen und Anekdoten abgehandelt. Neben viele bekannten Künstlern wie Elfriede Jelinek und Christoph Schlingensief ist Kluge selbst im Hörspiel "Die Chronik der Gefühle" zu vernehmen. Doch er liest nicht nur, er kommentiert zugleich sein eigenes Werk.

Große Harmonie Auch den Gästen bleibt der Metakommentar Kluges nicht vorenthalten. Einige Passagen des Hörspiels werden abgespielt, und Chris Dercon stellt ambitionierte Fragen an den Autor und seinen Regisseur. Ob man etwa das ganze Werk gelesen haben sollte, um das Hörspiel zu genießen. Kluge, der die Erzählkunst schätzt, antwortet, dass Bücher durchaus warten könnten. Dercon will außerdem wissen, ob der Autor und sein Regisseur auch über das Werk gestritten hätten. Doch zwischen den beiden Partisanen herrscht große Harmonie.

Adornozitate werden gespielt, Wagners Götterdämmerung beschworen und moderne Popklänge wehen durch den vollbesetzten Saal. Die Partisanen sind an diesem Abend unter sich. Aber sie wissen auch um die Grenzen ihres Schaffens. Für Kluge ist die Kunst in der Öffentlichkeit und in den Medien eine Ausnahme. Wie der Partisan darf sie sich nicht sofort zu erkennen geben. An diesem Abend hat sich Kunst jedenfalls nicht versteckt.

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