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20 Jahre Morizz:Heiliger Sessel!

Morizz-Besucher mögen Rotwein und thailändisches Abendessen und hassen Veränderungen aller Art. Auch deshalb ist sich der Herrenclub in der Klenzestraße treu geblieben. Jetzt feiert das renovierte Morizz Geburtstag - und begrüßt seine Gäste mit provokanter Kunst.

Besonders stolz sind sie auf das Bild. Eine Seenlandschaft bei Nacht, die kniende Frau hat die Augen geschlossen, sie umfasst die von der heruntergezogenen Lederhose bedeckten Unterschenkel ihres nackten Gegenübers - ihr Kopf befindet sich in Höhe von dessen Lendenbereich.

Mit diesem Bild des Künstlers Christopher Winter werden die Gäste im Morizz begrüßt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es ist nicht zu übersehen, das plexiglasgewordene Werk des britischen Künstlers Christopher Winter, wenn man den neu renovierten Club Morizz betritt. Und doch müsste der Stammbesucher erstaunt die Stirn in Falten legen: eine offenkundig heterosexuelle Oralverkehr-Szene im Eingangsbereich eines Traditionslokals der schwulen Community?

Nun, sagt lachend der junge Geschäftsführer Dominik Linneweber, vielleicht zeigt das Bild ja ein lesbisches Paar. Schließlich könne die von hinten gezeigte Person mit der Lederhose durchaus eine schmal gebaute Frau sein. Aber eigentlich ist das auch egal, denn das Morizz möchte sich auch der heterosexuellen Kundschaft nicht verweigern, sondern offen sein für alle Geschlechter und sexuelle Identitäten.

Das war mal anders. Vor zwanzig Jahren, als der Herrenclub eröffnet wurde, musste man sich zunächst von den Altlasten des Hauses in der Klenzestraße 43 befreien. Zuvor war dort das "Tanzhaus Größenwahn" beheimatet, ein typischer Achtziger-Jahre-Schuppen: die Musik eine Mischung aus Avantgarde-Pop und Oldies, am Tresen schnupperten BWL-Studenten den Duft von Punk und Glasscherbenviertel. Abschlepp-Bar hätte man den Laden heute genannt, hetero war es obendrein - kein passendes Publikum für das neue Lokal, das die Inhaber um Ricci Scholze und Thomas Bedall einrichteten.

Deshalb also die Klingel am Eingang, die heute natürlich nicht mehr benutzt werden muss, denn die Tür des Morizz ist inzwischen an 364 Tagen im Jahr von 18 Uhr an geöffnet (nur an Heiligabend bleibt der Club geschlossen). Ihre kleinen Tricks haben Dominik Linneweber und seine Co-Geschäftsführerin Claudia Limbrunner, die das Lokal seit zwei Jahren führen, dennoch: Die "Reserviert"-Schilder auf manchen Tischen, die bei Bedarf durchaus abgeräumt werden können, dienen als Stellschrauben, um dezent auf die Zusammensetzung der Gäste Einfluss zu nehmen.

Das ist wichtig. Schließlich ist der typische Morizz-Besucher in den Dreißigern oder Vierzigern, mag es etwas mondäner und arbeitet in einem der viel zitierten Kreativberufe. Er mag: Rotwein und thailändisches Abendessen. Er hasst: Veränderungen aller Art.

Der Schwule meckert gerne, sagt Claudia Limbrunner. Deshalb steht seit 20 Jahren die etwas kuriose Mischung aus europäischer und thailändischer Küche auf der Karte. Aber der Morizz-Gast mag es bei aller Traditionsbesessenheit offenbar auch unkonventionell, deshalb gehört es hier scheinbar dazu, die Tom-Ka-Gai-Suppe mit dem Lammrücken in Kräuterkruste an Kartoffelgratin zu kombinieren.

Impressionen aus dem Morizz

Keine Experimente