Deutscher Filmball Sich selbst feiern, darin ist die Branche unübertroffen

Heiner Lauterbach und Elyas M'Barek am Tisch der Constantin beim traditionellen ersten Blitzlichtgewitter.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Bayerischen Hof findet der 46. Deutschen Filmball statt. Filmball, das bedeutet: schön dick auftragen.

Von Philipp Crone (Text) und Stephan Rumpf (Fotos)

Als der mit einer Sauerstoffflasche bepackte Feuerwehrmann an den Herren in Smoking und den Damen in glitzernden Abendkleidern vorbeiläuft, sagt der Concierge im Foyer nur beiläufig: "Liegt wahrscheinlich am Parfum."

Am Samstagabend lädt die Branche zum 46. Deutschen Filmball in den Bayerischen Hof, und während die Gäste bereits voll in Aktion sind, sich also auf dem roten Teppich draußen vor dem Eingang in diversen Posen präsentieren oder drinnen ihre Kleidermarke zu Protokoll geben, blinkt im üblichen Filmballtrubel gegen halb acht ein ungewohntes Licht. Blaulicht. Ein Löschzug steht vor dem Hotel, der Feueralarm wurde ausgelöst. Auf der einen Seite betreten also sehr schwer bepackte Männer das Foyer, auf der anderen trippeln sehr leicht bekleidete Damen in ebensolches. Feuer? Dabei hat noch gar niemand die erste Zigarre angesteckt. Der Concierge sieht kurz zu und erklärt dann, dass die modernen Feuermelder durchaus auch mal bei einer hohen Konzentration von Schwebstoffen auslösen. Und im Foyer duftet es, dass jede Douglas-Filiale neidisch würde. Filmball, das bedeutet eben jedes Jahr im Januar: schön dick auftragen.

Die Jungen rocken ab.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das ist auch notwendig, um an so einem Abend auf sich aufmerksam zu machen. Wenn tausend Gäste zu einem Ball kommen, von denen die meisten von Berufs wegen Selbstinszenierungen perfekt beherrschen, ist der Tanz der Darsteller mit den Fotografen, Kameraleuten oder Reportern um das beste Bild und den knackigsten Satz ein herrliches Schauspiel.

Auf dem roten Teppich steht zum Beispiel Schauspielerin Alicia von Rittberg ("Verräter wie wir"), die später in dichten Kunstnebelschwaden mit Regisseur David Dietl tanzen wird. Zunächst allerdings lächelt sie adrett mit streng zurückgekämmtem Haar im pompösen roten Kleid. Neben ihr steht Kollege Jannik Schümann. Die Fotografen brüllen "Alicia!", Schümann brüllt kurzerhand auch ein "Alicia!" von der Seite, was die verdutzt schauen lässt. "Ich habe sie jetzt auf mich geprägt", sagt er mit einem Grinsen. Wichtig ist eben an so einem Abend, von Beginn an auf keinen Fall in den Verdacht der Ernsthaftigkeit zu geraten. Schümann schlüpft an den Feuerwehrleuten vorbei (es war ein Brand-Fehlalarm in der Küche) nach drinnen, wo sich gerade auch ein Paar orientiert. Er mit orangefarbener Brille und Fliege, sie mit orangefarbenen Haaren. Wobei das nur ein Farbklecks ist an diesem Abend. Wer eine Clutch mit weißem Zottelhaar trägt, fällt genauso wenig auf wie im durchsichtigen Ballkleid. Und Lars Eidinger mit den rotlackierten Fingernägeln ohnehin nicht. Mit einer besonderen Optik kommt man hier schon lange nicht mehr weit.

Herbert Knaup beim Tanz mit seiner Frau Christiane.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eberhofer-Darsteller Sebastian Bezzel ("Sauerkrautkoma") begrüßt den Kollegen Herbert Knaup mit "mein großes Idol!", was das große Idol mit einem "kennen wir uns?" erwidert, ehe es Bezzel zögerlich die Hand gibt. "Au!" ruft Knaup, ehe er Bezzel grinsend umarmt. Der wiederum erzählt die Kurzanekdote vom "legendären Kalle Schwensen", Hamburger Kiezgröße, dem man einmal im Leben die Hand reichen müsse. "Schnell weit reingreifen, sonst quetscht er sie dir ab, vor allem mit Ehering ist das die Hölle."

Knaup enteilt in den Ballsaal, während Heiner Lauterbach noch schnell die Melone aufsetzen muss, ehe er sich auf dem roten Teppich ("Heiner!" - "Ja!") anbrüllen lässt. Im unauffälligen Streetlook hat sich Darsteller Detlev Buck ("Pubertier") an die Rezeption gestellt. Aufbrezeln? "Ach, jeder Fotograf macht heute 2000 Fotos und verkauft vielleicht fünf", sagt Buck und lächelt. "Ich glaube, da ist keins von mir dabei." Von Uschi Glas eher auch nicht, ihr Paillettenkleid glitzert zu wenig, vielleicht eher Lars Eidinger ("25 km/h"), wenn er später im Saal auflegt. Welche Musik? "Eklektische Popmusik", und nein, er habe sich nicht versprochen und eigentlich elektronische gemeint. "Ui, der Stoiber!", ruft Eidinger. Ja, lieber DJ, Stoiber ist vor allem ein ausdauernder Tänzer, also sollte die Musik gut ausgewählt sein.

Markus Söder beim Eröffnungswalzer mit seiner Frau Karin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Erst einmal folgt aber der Eröffnungswalzer, dem Stoibers Nachfolgernachfolgernachfolger Markus Söder mit etwas Respekt entgegenblickt. Er wolle den Filmstandort München und Bayern weiter fördern sagt er, ehe die für ihn "schlimmste Hürde des Abends" ansteht, der Tanz. Den absolviert er souverän, während Constantin-Chef Martin Moszkowicz nebendran steht und auf die Zukunft des Films blickt. Zwar sei das Jahr 2018 kein gutes gewesen, ohne einen deutschen Knallerfilm, aber wenn Netflix im Jahr 2020 die irre Summe von 21 Milliarden Dollar investiere, sei das nur für alle gut. Sein Fazit: Die Konkurrenz der Film-Plattformen wird weiter zunehmen, die Zahl der Kinofilme müsse wieder abnehmen. Weniger ist mehr - exakt das Gegenteil des Mottos an diesem Abend.

Moszkowicz brüllt "Roland!", was den vorbeigehenden Elyas M'Barek etwas irritiert, allerdings ist nicht er gemeint, sondern Roland Emmerich, der Hollywood-Regisseur. Der sitzt an Söders Tisch und spricht über Amerika, wo er lebt. "Trump zerteilt das Land." Aber Murdoch und Fox News seien ebenso schuld an der Situation. Der 63-Jährige glaubt, dass "die Amis ausflippen", wenn der Mueller-Report rauskommt und klar werde, dass die Wahl gekauft war. Ernste Worte, das geht im zunehmenden Ball-Ballaballa nur kurz. Emmerich sagt noch trocken: "Ich glaube, dass der Film in einer Krise steckt." In Amerika würden nur noch Sequels verfilmt, kaum mehr Original-Stoffe, und er kündigt seinen nächsten Film an, "ein Pacific-War-Movie, kommt 2020 nach Deutschland". Dann schaut Emmerich wieder genüsslich zu, was um ihn herum passiert.

Mario Adorf tanzt bedächtig mit seiner Frau Monique.

(Foto: Stephan Rumpf)

Regisseur Marcus Rosenmüller klebt jedem, der zu nah an ihm vorbeigeht, einen gelben "Save the Bees"-Aufkleber ans Revers, um auf das Volksbegehren zur Erhaltung der Artenvielfalt aufmerksam zu machen. M'Barek und Lauterbach setzen sich gegenseitig Servietten auf, die Tanzfläche ist von einer großräumig tanzenden Tatort-Kommissarin Aylin Tezel belegt und Regisseur Sönke Wortmann ("Der Vorname") sagt: "Ach, irgendwie ist es doch immer lustig." Vor 20 Jahren sei es noch spießig gewesen. Und vor 61, als Mario Adorf zum ersten Mal da war, da "waren es nur 300 Gäste und nur in einer Hälfte des Saales". Glamouröser sei es gewesen, sagt Adorf, dafür sei es heute ausgelassener. Dann muss er auch schon für das nächste Fan-Selfie lächeln. Während sich Franco Nero wundert, warum man hier "nur isst, trinkt und redet" und "die Musik so laut ist", wird aus dem Ball immer mehr eine Party.

Die Darsteller Jella Haase, Florian David Fitz und Jessica Schwarz (von links) im Gespräch. Die drei drehen gerade die Film-Hoffnung des Jahres der Constantin: Fack-ju-Göhte-Regisseur Bora Dagtekins "Das perfekte Geheimnis".

(Foto: Stephan Rumpf)

Um Mitternacht trägt einer an der Bar zum Smoking die krötengroßen Ohrringe seiner Frau, Zigarren dampfen zwischen weißen Zahnreihen und David Dietl erholt sich vom Tanz mit Alicia von Rittberg auf einem Stuhl, die Zigarette so zwischen den Lippen hängend und mit weit aufgerissenen Augen, dass er in dem Moment seinem Vater Helmut ganz besonders ähnelt. Die Live-Band hämmert Queens "Don't Stop Me Now" in den Saal, erste ermattete Herren fläzen auf den Sitzen mit entknoteter Fliege. Florian David Fitz diskutiert mit Jessica Schwarz und achtet darauf, dass ihm keiner ins lange Haar fasst. Das ist nur eingeklebt für seine Rolle neben M'Barek im neuen Film "Das perfekte Geheimnis" von Fack-ju-Regisseur Bora Dagtekin. Die Dreharbeiten haben letzte Woche begonnen und der Film ist für die Constantin die Blockbusterhoffnung 2019.

Lars Eidinger und Birgit Minichmayr sehen sich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder.

(Foto: Stephan Rumpf)

Um 0.58 Uhr erklingt "The Show Must Go On", wobei die gerade so richtig Fahrt aufnimmt. Es riecht weniger nach Parfum als nach Nebelmaschine und Zigarrenrauch. Tartar, Rinderfilet, Wein und Champagner im Magen, Hitze auf den Wangen, Nikotin in der Luft und außer Atem von Gespräch und Tanz - so geht es den Gästen. Der Filmball dröhnt wie jedes Jahr alle langsam sanft zu. Und der eklektische Eidinger wählt um drei einen perfekten Song aus, der das maue alte Filmjahr verdrängt und 2019 laut begrüßt. Michael Jackson singt "Beat It" und die Branche grölt.