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Unternehmer:Wenn der Patriarch abtritt

Heinz Hermann Thiele ist gestorben, der Eigentümer von Knorr-Bremse, der zweitgrößte Aktionär der Lufthansa. Und es stellt sich die große Frage: Wie geht's denn nun weiter?

Von Nikolaus Piper

Nicht viele Chefs von Unternehmen verdienen sich heute noch den Titel "Firmenpatriarch". Heinz Hermann Thiele war einer von ihnen. Der Mann an der Spitze der Münchner Aktiengesellschaft Knorr-Bremse hatte immer wieder versichert, er werde "bis zum letzten Atemzug unternehmerisch tätig sein". Am Dienstag ist Thiele im Alter von 79 Jahren gestorben, er hat sich an sein Versprechen gehalten. Thiele fing als Sachbearbeiter bei Knorr-Bremse an, stieg auf und kaufte das Unternehmen 1985 in einer Krise praktisch ohne Eigenkapital. Aus dem Mittelständler machte Thiele einen Weltmarktführer für Bremssysteme in Bahnen und Lastwagen, dabei wurde er selbst einer der reichsten Männer Deutschlands. Noch in seinem letzten Lebensjahr stieg er bei der Corona-geschädigten Lufthansa ein, wurde deren zweitgrößter Einzelaktionär und hätte im Sommer fast den Einstieg des Staates verhindert. Sein Führungsstil galt als diktatorisch, Betriebsräte mochte er nicht.

Ist so einer ein Relikt aus einer anderen Zeit?

Immer wenn eine Persönlichkeit wie Thiele abtritt, stellt sich die Frage: Geht die Zeit der Firmenpatriarchen zu Ende? Sind Persönlichkeiten wie Ferdinand Piëch, einst Herrscher über VW, Klaus Steilmann (Mode), die Matriarchin Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann (Maschinenbau) oder eben Heinz Hermann Thiele Relikte aus einer anderen Zeit?

Einerseits gehören knorrige Persönlichkeiten zum Kapitalismus. Was der Ökonom Joseph Schumpeter zu Beginn des vorigen Jahrhunderts schrieb, gilt noch immer: Unternehmer sind "Bahnbrecher des modernen Menschen und kapitalistischer, auf das Individuum gestellter Lebensform". Andererseits werden Technik und Märkte zunehmend komplexer. Auch ein guter Unternehmer kann unmöglich all die Dinge verstehen, die sein Unternehmen produziert. Er braucht kompetente Mitarbeiter, die keine Scheu haben, Unsinn als solchen zu benennen, auch wenn er vom Chef kommt.

Oft das Schwierigste für einen Patriarchen: etwas einzusehen

Das eigentliche Problem mit den Patriarchen liegt in der Frage der Nachfolge. Das sagen jedenfalls Unternehmensberater wie Hermann Simon, der seit Jahrzehnten über den deutschen Mittelstand forscht. Patriarchen wollen in der Regel, dass die Firma weiter in der Familie bleibt, schließlich bedeutet "Patriarch" ursprünglich "Erzvater" oder "Erster des Stammes". Sie sind aber nicht bereit, die Macht rechtzeitig an die Tochter oder den Sohn abzugeben. Oder zu akzeptieren, wenn die eigenen Kinder weder Lust noch Talent zum Management haben, und ein familienfremder Chef notwendig wäre. So kann ein Erbe gefährdet werden. Bei Knorr-Bremse jedenfalls ist die Nachfolgefrage nicht geklärt.

Aus dieser Perspektive betrachtet sind Patriarchat und Matriarchat in Unternehmen zwar nicht am Ende, aber eben doch ein latent gefährdetes Modell. Weil die Familienunternehmen, um die es dabei geht, einen wesentlichen Teil der Wirtschaftskraft Deutschlands ausmachen, sollte das Thema auch die Öffentlichkeit interessieren. Hilfreich ist ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick abwegig erscheint. Der Studienabbrecher Bill Gates begann, wenn man so will, wie ein Mittelständler und baute aus bescheidenen Anfängen den Weltkonzern Microsoft auf. Heute hat er sich aus der Firma zurückgezogen und investiert seinen Reichtum in Philanthropie. Microsoft hat die Welt verändert, aber niemand käme auf die Idee, Bill Gates einen Patriarchen zu nennen.

© SZ
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