Silvester:Beruf: Feuerwerker. Tja

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Silvester: Ursprünglich war er Sozialarbeiter, jetzt hat er eine Firma namens "Pyrogenie": Ingo Schubert aus Berlin.

Ursprünglich war er Sozialarbeiter, jetzt hat er eine Firma namens "Pyrogenie": Ingo Schubert aus Berlin.

(Foto: Pyrogenie)

Normalerweise wäre bei Ingo Schubert jetzt Hochsaison. Aber nun baut er keine Raketen, sondern sortiert Unterlagen.

Von Felix Haselsteiner

Normalerweise würde Ingo Schubert gerade dem Ende der Hochsaison entgegensehen. Der Dezember ist für die Pyrotechniker das, was der Februar für die Kölner Kostümverleiher und der September für die Münchner Trachtenläden ist: Goldgruben-Zeit. "Normalerweise arbeiten wir jetzt die Wochenenden durch und sind im Stress", sagt Schubert. Doch weil dieser Jahreswechsel kein normaler ist - für niemanden, aber insbesondere nicht für Menschen, die beruflich mit Feuerwerk zu tun haben -, sitzt Schubert kurz vor Silvester im Home-Office, sortiert Unterlagen, und versucht abzusehen, wie er durch die erneut verschärfte Krise kommt.

Schubert, 44, ist Inhaber der Firma Pyrogenie in Berlin, eines Anbieters für Feuerwerke jeglicher Art, und Vorstand des Bundesverbandes Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk. Seit 2005 beschäftigt er sich mit Pyrotechnik, davor war er Sozialarbeiter. 2016 gründete er seine eigene Firma, dann ging es bergauf: Bei Sportveranstaltungen, Kulturevents und vor allem zu Silvester wurde Schubert gebucht, hinzu kam der Online-Shop. Es war Boom-, also Bumm-Zeit. Anfang 2020 hatte er bereits 50 Buchungen, dann kam die Pandemie - und auf einmal wurde es still.

Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt Schubert sich nicht mehr nur mit Raketen, sondern könnte mittlerweile auch Referate über Anträge auf Überbrückungshilfe halten: "Mittlere Unternehmen haben es schwerer, an Wirtschaftshilfen zu kommen", so sein Fazit. Die Großindustrie habe mehr Arbeitsplätze und werde daher besser geschützt, bei den großen Feuerwerksherstellern sei zudem der Umsatzausfall einfach nachzuweisen und deutlich über den 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die es braucht, um sich für Hilfezahlungen zu qualifizieren. "Wir hingegen müssen uns von Monat zu Monat durchschaufeln", sagt Schubert und hofft auf das nächste Hilfspaket - das kommen muss, will man die Branche nicht komplett ruinieren.

Das Verbot von 2021 ist anders als das Verbot von 2020

Anders als 2020 ist Feuerwerk in diesem Jahr in vielen Bundesländern nicht generell verboten, sondern nur an öffentlichen Plätzen. Dazu kommt ein Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper - und genau hier sieht Schubert das Problem. Altbestände und im Ausland gekaufte Feuerwerkskörper dürfen nämlich im Vorgarten abgebrannt werden, beide sind allerdings von geringerer Qualität. Die Verletzungsgefahr und damit auch die Anzahl derer, die in Kliniken landen, wird man nach seiner Einschätzung deshalb nicht stark verringern können: Die meisten Verletzungen hingen mit qualitativ schlechtem Feuerwerk zusammen. "Wir werden uns wundern, wie laut Silvester dieses Jahr wird", sagt Schubert.

Davon, das Silvesterfeuerwerk an einzelnen Stellen im großen Stil stattfinden zu lassen, wie es mancher Politiker vorgeschlagen hatte, hält er allerdings auch nichts - dann würden sich nur umso mehr Menschen auf engem Raum versammeln. Infektionsschutz ginge anders: "In kleinen Gruppen könnte man allerdings coronakonform Feuerwerk zünden." Auf freien Flächen, mit zertifizierten Feuerwerkskörpern wäre das seiner Ansicht nach auch sicher gewesen. Schubert gehört allerdings nicht zu den Böller-Hedonisten, die Knallfrösche als Kulturgut ansehen, das mit martialischen Worten zu schützen ist: Er tritt in seinem Verband für mehr Umwelt- und Lärmschutz ein, will Feinstaubstudien in Auftrag geben, findet Verbotszonen etwa in Innenstädten richtig, weil sie mehr Sicherheit garantieren, und hält die Pandemiebekämpfung samt Feuerwerk-Beschränkungen für angemessen. Selbstverständlich gebe es in diesen Zeiten Wichtigeres als Feuerwerk, sagt er.

Auch deshalb versucht Schubert, nicht nur auf die Politik einzuwirken, sondern auch auf die Feuerwerk-Hardliner in seinem Bekanntenkreis: Sicheres Abbrennen von dem, was noch im Keller liegt, sei in diesem Jahr angemessen, "mit gegenseitiger Rücksichtnahme". Und wer hin- und hergerissen ist: Ein normales Feuerwerk hat laut Schubert auch kein Ablaufdatum.

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