Corona-Impfung:Der deutsche Rumpelpfad zur Immunisierung

Bürogebäude in Berlin

Wer könnte hier wegen Quarantäne ausfallen - und wer zahlt dafür?

(Foto: dpa)

Ungeimpften in Quarantäne soll das Gehalt gestrichen werden. Das ist eine harte, aber richtige Entscheidung. Sie wird jedoch nicht reichen.

Kommentar von Henrike Roßbach

Quarantäne bedeutet Alleinsein, Langeweile und komplizierte Beschaffungswege, falls der Kühlschrank unglücklicherweise gerade leer ist. Demnächst könnte Quarantäne darüber hinaus auch noch Verdienstausfall bedeuten, jedenfalls für einige. Die Gesundheitsminister haben sich an diesem Mittwoch zusammengeschaltet und beschlossen: Wer nicht geimpft ist und sich als Kontaktperson eines Infizierten isolieren muss, wird in dieser Zeit bald auf Gehalt verzichten müssen.

Das Infektionsschutzgesetz regelt, dass jeder, der wegen einer Quarantäne-Anordnung seiner Arbeit nicht nachgehen kann, für den Verdienstausfall entschädigt wird. Faktisch bekommt er weiter sein Gehalt; der Arbeitgeber holt es sich vom Staat zurück. In dem selben Gesetz steht aber auch, dass dieser Anspruch wegfällt, wenn der Betroffene die Quarantäne hätte vermeiden können, etwa durch eine Impfung. Weil inzwischen mehr als genug Impfstoff da ist, halten die Länder den Zeitpunkt für gekommen, diesen Passus anzuwenden.

Eine falsch verstandene Freiheit - auf Kosten der Gemeinschaft

Es ist eine harte Entscheidung, aber eine richtige. Wer sich nicht impfen lassen will, bringt sich und andere in Gefahr. Zwar können auch Geimpfte sich und andere anstecken. Erstens aber infizieren sie sich seltener und sind im Ansteckungsfall weniger lange und weniger stark infektiös, weshalb von ihnen eine geringere Gefahr ausgeht. Zweitens erkranken sie meist nicht schwer, gefährden also nicht das Ziel, die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Wer für sich die Freiheit in Anspruch nimmt, nein zu sagen zu einer millionenfach erprobten Impfung, darf die Folgekosten dieser Entscheidung nicht dauerhaft sozialisieren. 600 Millionen Euro haben die Entschädigungen die Länder schon gekostet. Genau wie bei den Bürgertests sollten auch dafür diejenigen aufkommen, die nicht dazu beitragen wollen, solche Kosten gar nicht erst entstehen zu lassen.

Und dennoch hat die Entscheidung einen Schönheitsfehler. Sie ist - wie schon das Ende der Gratistests, die staatlich verordnete 3-G-Regel und die Offerte an die Privatwirtschaft, Kneipen und Stadien voll auslasten zu dürfen, wenn Wirte und Veranstalter eigenhändig 2 G durchsetzen - nur eine weitere Krücke, um auf dem deutschen Rumpelpfad Richtung Immunisierung nicht komplett ins Straucheln zu geraten.

Die Strategie hierzulande ist ein verdruckstes Hin und Her

Bund und Länder haben sich früh festgelegt und versprochen: Eine Impfpflicht wird es nicht geben. Nun stehen Herbst und Winter vor der Tür, und die Impfkampagne ist mitnichten da, wo sie sein müsste. Das Ziel, sicher durch die kalte Jahreszeit zu kommen, ist in Gefahr. Und das Ziel, endlich wieder komplett normal leben zu können, wie etwa in Dänemark, beinahe außer Sicht. Die Politik aber eiert herum. Impfabfrage im Betrieb? Nur in ausgewählten Einrichtungen. Impfpflicht wenigstens für Beschäftigte, die mit besonders gefährdeten (Pflegeheim) oder komplett ungeschützten (Kita, Grundschule) Menschen zu tun haben? "Es wird keine Impfpflicht geben!" 2 G als politische Vorgabe? Nein, lieber als Option für die Wirtschaft, soll die sich doch die Finger schmutzig machen.

Frankreich und Italien sind mit strengeren Impf-und Testvorgaben einen anderen Weg gegangen. Er hat zu Protesten geführt, aber auch zu höheren Impfquoten. Der deutsche Weg dagegen ist ein verdruckstes Hin und Her zwischen Härte und Nachsicht, das nicht nur den Frust auf Seiten der Geimpften wie der Ungeimpften stetig mehrt, sondern erkennbar erfolglos ist. Weiter von Freiwilligkeit zu reden, aber Stück für Stück die Regeln für Ungeimpfte zu verschärfen, ist kein goldener Mittelweg, sondern gleichermaßen unredlich wie ineffektiv. Mit den Folgen aber wird sich erst die nächste Bundesregierung befassen müssen. Früher, als ihr lieb ist.

© SZ/jsl
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