Österreich:Kanzler Kurz' Mann an der Spitze des ORF

Wahl zum ORF-Intendanten - Roland Weißmann

Mit Zweidrittelmehrheit zum neuen ORF-Chef gewählt: Roland Weißmann.

(Foto: Robert Jaeger/dpa)

Roland Weißmann steigt zum Generaldirektor des ORF auf, des einflussreichsten Mediums Österreichs. Nun muss er liefern, und das heißt vor allem: Wünsche der Parteien zu erfüllen.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Wikipedia vermerkte es schon, noch ehe das zuständige Gremium getagt hatte: Roland Weißmann ist neuer Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks. Wie üblich war vorab vereinbart worden, wer vom kommenden Jahr an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich leiten soll: Weil fast alle der 35 Mitglieder im Stiftungsrat direkt oder indirekt von einer Partei nominiert wurden und die ÖVP auf die meisten Stimmen zählen konnte, war die Mehrheit für den Wunschkandidaten von Bundeskanzler Sebastian Kurz gesichert. Auch die von den Grünen nominierten Stiftungsräte votierten für ihn. Damit war es am Ende eine Zweidrittelmehrheit.

Nun muss Weißmann liefern - das heißt vor allem, Wünsche der Parteien zu erfüllen: Das gilt für Direktorenposten genauso wie für Korrespondentenpositionen und viele Nachbesetzungen. Denn demnächst gehen 600 Journalistinnen und Journalisten bei Österreichs größtem Medienunternehmen mit einer Milliarde Umsatz in Rente. 2022 geht auch ein multimedialer, zentraler Newsroom in Betrieb, über dessen Leitung man auch Inhalte steuern kann. Der ORF ist mit vier Fernsehkanälen, drei bundesweiten und neun regionalen Radioprogrammen sowie dem reichweitenstärksten Webportal das einflussreichste Mediums des Landes.

Digitaler, jünger, diverser soll der ORF werden, kündigte der 53-Jährige bei seiner Bewerbung an. Auch wenn er "Unabhängigkeit, Objektivität und Binnenpluralismus" sowie eine weisungsfreie Chefredaktion versprach, so weiß jeder: Der ORF ist im Würgegriff der Parteien. Als Weißmann im Vorjahr zum Geschäftsführer des Webportals orf.at bestellt wurde, setzte er den Chefredakteur zwar nicht ab, sondern stellte ihm einen für das Aktuelle zuständigen Co-Chef an die Seite. Vergangenen Februar kam es bereits zu einem Konflikt mit Vertretern der Redaktion wegen eines nachträglich geänderten Artikels auf orf.at rund um die Hausdurchsuchung von Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP). Die Redaktion richtete ihm in einer Mail aus, es sei nicht seine Aufgabe, "im Sinne einer Partei zu intervenieren".

Großes Charisma kann man ihm nicht unbedingt nachsagen

Als Chefproducer und Vizefinanzdirektor hatte Weißmann bereits in den vergangenen Jahren hinter den Kulissen maßgeblichen Einfluss. Aber in der Öffentlichkeit war Weißmann, dem man nicht gerade Charisma nachsagen kann, bisher unbekannt. Nach einem Studium der Geschichte und Publizistik stieg er im traditionell von der ÖVP dominierten Landesstudio Niederösterreich ein, wo er im Windschatten von Richard Grasl sukzessive Karriere machte, die ihn auch ins ORF-Zentrum auf dem Wiener Küniglberg führte. Vor fünf Jahren unterlag Grasl dem bekennenden Sozialdemokraten Alexander Wrabetz, der es in den vergangenen 15 Jahren geschafft hatte, sich mit allerlei Deals trotz wechselnder politischer Konstellationen im Amt zu halten.

Weißmann gilt im Kollegenkreis als umgänglich. Er lässt sich "Roli" nennen und geht als Einziger aus der Chefriege auch regelmäßig in die Kantine. Schläge hält Weißmann aus, schließlich verfügt er über Wettkampferfahrung als Karatekämpfer. Während des Lockdowns nutzte er Sitzungen, um währenddessen sein Lauftraining zu absolvieren. Aber er kann auch konzentriert zuhören und zeigt sich lernbereit, wenn es um digitale Prozesse geht. Im Vorjahr wurde er zum Verantwortlichen der zu entwickelnden Streaming-Plattform, des ORF-Players, bestellt. Nicht nur in diesem Bereich hat der ORF im Vergleich zu den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland Nachholbedarf. Weißmann versprach in seiner Bewerbungsrede, ein Innovationszentrum einzurichten, wie es etwa der SWR hat, und die Zusammenarbeit mit ARD und ZDF auszubauen. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht, und jede seiner inhaltlichen Einmischungen und Personalentscheidungen wird öffentlich diskutiert werden - dafür sorgen schon die Journalistinnen und Journalisten des ORF.

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