Musik:Warum Neil Young nicht mehr auf Spotify ist

Lesezeit: 3 min

Musik: Neil Young, ein klassischer Rocker mit rebellischem Geist.

Neil Young, ein klassischer Rocker mit rebellischem Geist.

(Foto: Rich Fury/AP)

Der 76 Jahre alte Rockmusiker protestiert gegen Impfgegner und Corona-Leugner, denen der Streamingdienst eine Plattform bietet. Und er entblößt damit, was den Digitalkonzernen wirklich wichtig ist.

Von Andrian Kreye

Wie viele Stars des sogenannten Classic Rock gehört Neil Young in Amerika zu den Stimmen der politischen Moral mit Gewicht. Nun hat der 76-jährige ein Zeichen gegen Spotify, den Weltmarktführer der Streamingdienste, gesetzt. Er hatte den schwedischen Konzern vor die Wahl gestellt, entweder den Podcast des rechtspopulistischen Kampfsportmoderators Joe Rogan oder seinen eigenen Gesamtkatalog zu streichen. Seit Donnerstag ist Youngs Musik nun auf dem Portal nicht mehr abrufbar.

Das ist viel Musikgeschichte, die von den Country-Rock-Balladen auf seinem Album "Harvest" von 1972 über den sperrigen Amerikana-Rock seiner Gruppe Crazy Horse bis zu den Protestsongs auf den späteren Alben reicht. Das ist auch keine Nischenmusik. Seine Songs wie "Heart of Gold", "Old Man" oder "Harvest Moon" hatten Abrufzahlen im dreistelligen Millionenbereich. Sechs Millionen Spotify-Nutzer hatten seinen Kanal abonniert. 60 Prozent seiner Streams laufen dort.

Die Politik und der Protest waren schon immer seine Themen

Neil Young hatte mit seinem Protest auf einen offenen Brief reagiert, mit dem mehr als 200 Koryphäen aus Medizin und Wissenschaft Spotify am 31. Dezember aufforderten, eine Folge des Podcasts zu löschen, in der Rogan mit dem Virologen Robert Malone sprach. Malone wurde auf vielen Social-Media-Plattformen wie Twitter und Youtube schon gesperrt, weil er Falschinformationen über Covid-19 verbreitet. Young selbst ist geimpft und ruft auch seine Fans dazu auf. Das ist in den USA sehr viel stärker als in Europa ein Politikum.

Politik war immer schon ein Thema für Young. Nach ersten Erfolgen in seiner Heimat Kanada übersiedelte er 1966 nach Los Angeles und gründete dort die Gruppe Buffalo Springfield, die mit "For what it's worth" eine der Hymnen der Friedens- und Protestbewegung aufnahm. Geschrieben hatte den Song sein Freund Stephen Stills. Mit dem spielte er zwei Jahre lang in der Supergruppe Crosby, Stills, Nash & Young, die 1969 auch auf dem Woodstock-Festival auftrat.

Auf seinen nächsten Soloalben nahm Young die Songs "Southern Man" und "Alabama" auf, die den Rassismus des Südens verdammten. Die Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd regte sich stellvertretend für viele in den Südstaaten so über die Texte auf, dass sie den Song "Sweet Home Alabama" als Protest gegen den Protest aufnahm.

Was noch mehr Geld bringt als klassische Rocksongs

Die Liste seiner politischen Songs ist lang. "After the Goldrush", "Mother Earth" und später dann "The Monsanto Years" waren Aufrufe zum Umweltschutz. "Homegrown" war 1975 ein Plädoyer für die Legalisierung von Marihuana. Ende der Achtzigerjahre protestierte er mit "Mideast Vacation" und "Rockin' in the free World" gegen Amerikas aggressive Außenpolitik.

Unbequem war er für alle politischen Lager. 1985 startete er mit John Mellencamp und Willie Nelson als Reaktion auf den Wohltätigkeitspathos des "Live Aid"-Events das Benefizfestival "Farm Aid", das immer noch jährlich veranstaltet wird. Dabei sammeln Rock- und Countrystars Geld für verarmte amerikanische Landwirte. Und nach den Anschlägen des 11. September schrieb er mit "Let's roll" einen Aufruf zum Kampf gegen den Terrorismus. Geld war ihm dabei egal. 1988 verdammte er in dem Song "This Note's for you" Kultursponsoring durch Konzerne. 2018 sagte er ein Festival in London ab, weil der Sponsor Barclays Bank die Öl- und Gas-Industrie finanziert.

Mit seinem Ultimatum für Spotify setzte Young aber nicht nur ein Zeichen gegen Impfgegner und Covid-Leugner. Er führte vor, dass sich ein digitaler Konzern wie Spotify im Zweifelsfall immer auf die Seite mit der größeren Reichweite schlagen wird. Immerhin hatte die Firma erst im vergangenen Jahr einen Vertrag über 100 Millionen Dollar mit Rogan abgeschlossen, weil der zu den Stars der rechten Szene gehört, die genau jene Lücke schließen, welche die Sperrung Donald Trumps am rechten Rand des Internets hinterlassen hat. Und die bringt sogar noch mehr Geld als klassische Rocksongs.

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