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Frankreich:Macron ehrt Napoleon, um sich zu helfen

Der tote Kaiser auf einem Gemälde von Jean-Baptiste Mauzaisse, entstanden 1843.

(Foto: THOMAS COEX/AFP)

Zum 200. Todestag des Kaisers veranstaltet der Präsident einen Staatsakt - auch aus Kalkül vor der Wahl in einem Jahr.

Kommentar von Nadia Pantel

Emmanuel Macron will sich stellen. Rücken gerade, Augen nach vorn, nichts soll ihn schrecken. Weder die Gegenwart noch die Vergangenheit. Und so wird Frankreichs Präsident an diesem Mittwoch einen Kranz für Napoleon Bonaparte niederlegen. Weil man, so sagt es der Regierungssprecher, der Geschichte mit "weit geöffneten Augen" ins Angesicht schauen müsse. Macron liebt historische Anlässe. Er liebt die großen Worte, zu denen sie einladen. Er liebt die kühnen Linien, die man vom Gestern ins Heute ziehen kann. Und weil Macron kein Historiker, sondern Präsident ist, sind ihm am Ende nie die historischen Fakten am wichtigsten, sondern die Schlüsse, die er aus ihnen für das heutige Frankreich ableitet.

Für den 200. Todestag Napoleons kann man dieses Fazit schon vor Macrons Rede ziehen: Der Präsident weiß, dass er die Wahl in einem Jahr nur rechts gewinnen kann. Die Stimmen, auf die es für ihn ankommen wird, warten im konservativen Lager. Und so verneigt er sich vor dem Mann, der vielen Konservativen heute ein Held ist. Und er schiebt all diejenigen beiseite, für die Napoleon nicht die Größe der Nation, sondern eines ihrer großen Verbrechen verkörpert.

Nach wie vor hat der Kaiser glühende Fans

1802 führte Napoleon die Sklaverei wieder ein, die von der Französischen Revolution abgeschafft worden war. Man müsse das im Kontext der Zeit sehen, sagen die Napoleon-Fans. Was so viel bedeutet wie: Lasst uns nicht weiter darüber sprechen. Der Kontext der Zeit bestand darin, dass die Besitzer der Zuckerrohrplantagen einen mächtigen Einfluss auf Napoleon ausübten. Und darin, dass das Leben und die Würde der schwarzen Menschen, die per Gesetz zu Besitz weißer Menschen erklärt wurden, kein Gewicht hatten. Macron ist kein flammender Gestriger, er wird von diesem Verbrechen nicht schweigen. Doch seine Geste wird mehr wiegen als seine Worte. Weil ein Staatsakt zum Todestag die höchste Würde bleibt, egal wie differenziert die Rede ausfällt.

Wer nun sagt, dass man das Handeln historischer Personen nicht mit heutigen Maßstäben messen dürfe, ignoriert zweierlei. Er ignoriert, dass auch im 19. Jahrhundert ein abgetrenntes Ohr ein abgetrenntes Ohr war und ein Peitschenhieb ein Peitschenhieb. Diese Strafen sah der Code Noir, der Gesetzestext, der die Versklavung legitimierte, für schwarze Menschen vor. Und schon im 19. Jahrhundert rebellierten Sklaven gegen diese Misshandlungen, organisierten Aufstände gegen ihre Unterdrücker, versuchten zu fliehen. Es gibt in diesem Fall nicht "den Kontext der Zeit", es gibt nur einen bequemen Blick auf die Geschichte, an den eine Mehrheit sich gewöhnt hat.

Zudem erfolgt jede politische Bewertung Napoleons nach heutigen Maßstäben, die Kritik ebenso wie die Bewunderung. Napoleon hat in Frankreich glühende Fans. Sie loben den Diktator für das, was ihnen am unverfänglichsten erscheint, die Einführung des Zivilrechts zum Beispiel. Doch oft ist ihre Verehrung von Nostalgie und Größenwahn durchzogen. Sie sehnen sich nach einem Land, in dem ein großer Mann das Sagen hat. Das sind Wünsche, die aufs Heute zielen, nicht aufs Gestern.

Macron darf keine Fehler machen. In einem Jahr ist Wahl

Man sollte Macron keine napoleonischen Züge andichten. Allein schon, weil das eine völlig unzulässige Verharmlosung von Napoleons Kriegstreiberei wäre. Macron ist nicht größenwahnsinnig, er ist ein Stratege. Sein Napoleon-Auftritt ist Teil seines Rechtsschwenks. Doch kollektive Erinnerungen sind kein Werkzeugkasten, aus dem man mal jenes und mal dieses herauskramen kann. Die staatliche Würdigung Napoleons führt unweigerlich zur Verletzung all derjenigen, die sich in Frankreich als Erben der Last der Sklaverei sehen. Und sie entfacht eine Identitätsdebatte in einem Land, das seine Energien gerade durchaus anders nutzen könnte.

Von Mitte Mai an soll Frankreich schrittweise zum gewohnten Leben zurückkehren: Restaurants, Touristen im Land, ein bisschen Leichtigkeit. Doch weder die Infektionszahlen noch der Impffortschritt sprechen dafür. Es ist eine Entscheidung, die allein auf Macrons Willen beruht, die Pandemie für beendet zu erklären. Frankreich braucht aktuell keine warmen Gedanken an einen vor 200 Jahren verstorbenen Kaiser, an denen es sich aufrichten könnte. Es braucht einen Präsidenten, der in seinem Pandemie-Management nicht allein auf Optimismus und Wunder setzt.

Es ist den Franzosen sehr zu wünschen, dass Macrons Kalkül aufgeht und das Virus sich seiner Zuversicht anpasst. Sollte dieser Präsident scheitern, wird Europa einen hohen Preis bezahlen. Denn jeder Fehler Macrons erhöht die Chancen der rechtsextremen Marine Le Pen. Erschreckend viele Franzosen setzen Macron mit seiner Konkurrentin gleich - in ihrem Zynismus erklären sie beide für gleich schlimm. Dieses Denken zeigt unter anderem eines: Die ständigen historischen Gedenkfeiern scheinen zu keinem gesteigerten historischen Bewusstsein zu führen.

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