Erdgas:Häfen, die keiner braucht

Die Bundesregierung will zwei Terminals für Flüssigerdgas in Deutschland errichten. Eigentlich hat es daran in der EU keinen Mangel. Traut Berlin seinen Partnern etwa nicht?

Von Michael Bauchmüller

In all seiner Tatkraft widmete sich der Bundeskanzler am Sonntag auch der Energieversorgung. Auf den Weltmärkten wolle man zusätzliches Gas beschaffen, verkündete Olaf Scholz. Die Bundesregierung habe beschlossen, zwei Terminals für Flüssigerdgas "schnell zu bauen": eins in Brunsbüttel, eins in Wilhelmshaven. Pläne für diese sogenannten LNG-Terminals gibt es schon seit Jahren. Gebaut aber wurden sie nie. Und das hat einen Grund.

Denn einen Mangel an solchen Terminals gibt es nicht. Mehr als zwei Dutzend davon finden sich in der EU, in den Niederlanden, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Litauen. Sie entladen Tankschiffe mit dem tiefgekühlten Erdgas, speisen es in das Gasnetz ein - und haben fast alle das gleiche Problem: Sie sind nicht ausgelastet. Der Engpass liegt beim LNG nämlich nicht bei den Terminals, sondern beim Angebot. Die verfügbare Menge des verflüssigten Gases ist begrenzt, und der größte Teil davon geht seit Langem nach Asien, abgesichert durch langfristige Verträge. Für die Mitte dieser Dekade hat der Ölkonzern Shell eine bedenkliche Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ausgemacht. Zwei neue deutsche Terminals werden daran auch nichts ändern können. Dafür aber kosten sie die Steuerzahler Geld - rein privat ließen sie sich auch bisher schon nicht finanzieren.

Ganz offensichtlich treiben die Bundesregierung noch andere Erwägungen. Man wolle, hat Wirtschaftsminister Robert Habeck neulich durchblicken lassen, solche Terminals auf "eigenem Staatsterritorium". Traut die Bundesregierung also ihren Partnern in der EU nicht mehr? Denn das Pipelinenetz, in das Europas Terminals ihr Gas einspeisen, versorgt auch Deutschland. Es ist dasselbe Netz, in das Deutschland auch russisches Gas einspeist - und das ganz selbstverständlich auch für Abnehmer jenseits des "eigenen Staatsterritoriums". Diese Selbstverständlichkeit sollte Berlin auch von seinen EU-Partnern erwarten - statt Geld in Häfen zu versenken, die keiner braucht.

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