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Kommunikation:Zeig mir deine Welt

Virologe Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten ist ein unermüdlicher Erklärer.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Etliche Forscher wollen sich nicht mehr öffentlich zu Corona äußern - aus Angst, mal wieder missverstanden und angegriffen zu werden. Dabei wäre es in der Pandemie wichtiger denn je, zu erklären, wie Wissenschaft funktioniert.

Kommentar von Werner Bartens

Die Kurve flach halten. Dieser Appell ist so alt wie die Pandemie. Was Inzidenzen und Intensivbelegungen angeht, ist es in den vergangenen Monaten eher schlecht gelungen, sie dauerhaft nach unten zu drücken. Eine Kurve ist seit vergangenem Frühjahr allerdings beharrlich in Bodennähe geblieben: Gemeint ist das öffentliche Verständnis von Wissenschaft - und die Fähigkeit der Wissenschaft, sich einem breiteren Publikum verständlich zu machen.

Okay, etliche Menschen wissen inzwischen, was ein Spike-Protein ist oder was die m-RNA in der Zelle so treibt. Zudem erklären Christian Drosten und Sandra Ciesek in ihrem Podcast unermüdlich, was sie wissen - und was noch nicht bekannt oder nicht sicher ist. Doch die Missverständnisse werden auf beiden Seiten eher größer als geringer. In Krisenzeiten, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse die Tagespolitik und das Leben der Menschen unmittelbar beeinflussen und ständig in Gefahr sind, falsch interpretiert zu werden, ist das besonders misslich.

Zeig mir Deine Welt. Das sollte der Anspruch sein. So ließe sich erhellen, wie es zu Erkenntnisgewinn und Fortschritt in der Wissenschaft kommt, welche Rolle Hypothesen und Empirie spielen und dass ein Widerstreit der Meinungen nicht Uneinigkeit bedeutet, sondern das Ringen um überzeugende Argumente. Genauso wichtig wäre es, in diesen von der Wissenschaft dominierten Zeiten einige Mechanismen der Medien offenzulegen, ihre Binnenlogik - und was Zuspitzung von Manipulation oder Sensationsgier unterscheidet. Auch die Politik sollte sich zeigen und erklären, welche Basis sie braucht, um zu Entscheidungen zu kommen und was diese ominösen Sachzwänge eigentlich sind.

Wer ein paar Fachbegriffe kennt, aber deren Einordnung und Bewertung nicht zu leisten vermag, bleibt so sprachlos wie jemand, der zwar Vokabeln kann, aber keine Ahnung von Grammatik, Satzbau und Semantik hat. Wenn wichtige Akteure in der Pandemie sich nicht mehr erklären, sondern mit Rückzug oder Boykott reagieren, kommt es zu Missverständnissen. Etliche Forscher wollen sich zum Thema Corona nicht mehr zitieren lassen oder nicht öffentlich auftreten. Sie fürchten es, wieder mal mit Anlauf falsch verstanden zu werden. Sie haben schmerzhaft erfahren müssen, dass sie zu Zielscheiben des Hasses wurden, obwohl sie nur ihr Wissen und ihre Unsicherheit geteilt haben. Mancherorts lauern Fettnäpfchen, wo sie kein Wissenschaftler vermutet. Der Gang in die Öffentlichkeit ist oft mühsam und laut und gelegentlich ideologisch gepflastert. Ihn deshalb zu meiden, ist der falsche Weg. Frisches Wissen ist nötiger denn je. Und Medien, Politik und andere Gruppen der Gesellschaft sollten der Wissenschaft die Tür weit aufhalten, sie zum Auftritt ermuntern - und zeigen, wie ihre Welt so tickt.

© SZ.de/nguy
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