bedeckt München

Kommunikation:Ich muss dann mal los...

Gespräche zum richtigen Zeitpunkt zu beenden, ist eine hohe Kunst.

(Foto: Alamy / Vira Petrunina/mauritius images / Alamy / Vira)

Eine Studie aus Harvard bestätigt, was viele schon immer ahnten: Ein Gespräch zum richtigen Zeitpunkt zu beenden, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Von Vera Schroeder

Die Sehnsucht nach anderen Menschen und guten Gesprächen ist nach diesem Winter besonders groß. Gleichzeitig fühlt sich die Vorstellung, irgendwann einmal wieder mit weniger vertrauten Menschen Smalltalk oder auch ein tieferes Gespräch führen zu dürfen, nach all den Monaten beinahe befremdlich an. Wie ging das noch mal, einfach so zu reden? Und vor allem: Wie kommt man aus einem netten Plausch an der Eisdiele oder einer Unterhaltung vor der Kindergartentür am besten wieder raus?

Die Kunst, Gespräche zu führen, ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten überhaupt. Man denke nur daran, was Computer alles hinkriegen - und wie steif es sich nach wie vor anhört, mit Programmen wie Siri oder Alexa zu sprechen. In einem Gespräch senden und empfangen Menschen gleichzeitig, sie versuchen zu verstehen und parallel auf Gefühle zu achten, sie wollen erfahren, sich selbst beweisen, rücksichtsvoll sein und selbst nicht zu kurz kommen. Besonders komplex, das haben nun Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität Harvard festgestellt: der Ausstieg aus einem Gespräch.

Fast nie werden Unterhaltungen zu einem Zeitpunkt beendet, mit dem beide Gesprächspartner zufrieden sind

Für die Studie, die aus zwei Teilen besteht und im Fachjournal PNAS veröffentlicht ist, wurden insgesamt gut 1000 Unterhaltungen auf ihr Ende hin untersucht. Es ging also um die Frage, wann zwei Gesprächspartner eine Unterhaltung jeweils für sich alleine gerne beendet hätten, wann ihrer Wahrnehmung zufolge der andere gerne ausgestiegen wäre, und wann sie dann tatsächlich beendet wurde. Das eindeutige, intuitiv erst überraschende und dann doch einleuchtende Ergebnis des entscheidenden zweiten Teils der Studie: Die Unterhaltungen wurden fast nie zu einem von beiden gewollten Zeitpunkt beendet (nur 1,59 Prozent aller Unterhaltungen endeten so). Nur selten endeten sie in dem Moment, in dem einer der beiden aufhören wollte zu reden (29,37 Prozent). In 46,83 Prozent wurde das Gespräch fortgeführt, obwohl sich die Gesprächspartner im Mittel eigentlich ein Ende gewünscht hätten. Und nur in 9,52 Prozent wurde das Gespräch beendet, obwohl es für die Beteiligten noch länger hätte gehen können.

Der Eindruck, dass man gerade in Gesprächssituationen zu zweit oft ein bisschen übertrieben lange und zögerlich miteinander herumsteht, bevor dann doch einer "Na, ich muss dann mal" sagt, täuscht also nicht. Die Autoren und Autorinnen gehen davon aus, dass es sich beim menschlichen Gesprächsende um ein klassisches Koordinierungsproblem handelt: Für die optimale Bestimmung des Zeitpunkts ist nicht nur das eigene Bedürfnis entscheidend, man versucht auch, den Wunsch des Gegenübers zu antizipieren. Um dabei richtig zu liegen, fehlen allerdings entscheidende Informationen. Genau diese Informationen werden in einem Gespräch wiederum oft bewusst zurückgehalten, um das Vertrauensverhältnis nicht zu stören. Dass man zum Abschied dann aus ebendiesen Gründen oft auch noch einen externen Grund vorschiebt ("Bier holen"), macht es nicht leichter.

Interessant ist, dass es in der zweiteiligen Studie kaum einen Unterschied ausmachte, ob sich die Gesprächspartner eher vertraut waren oder zufällig begegnet sind. Für den ersten Teil der Studie nahmen 806 Menschen an einer Online-Umfrage teil, in der sie um Einschätzungen zu ihrem letzten Gespräch mit einer vertrauten Person befragt wurden. Wann wollten sie selbst das Gespräch beenden? Wann wurde es tatsächlich beendet? Wann hätte ihrer Meinung nach ihr Gesprächspartner das Gespräch am liebsten beendet? Die methodischen Schwächen dabei: Es wurde nur ein Gesprächspartner gefragt, und der musste sich auch noch rückwirkend an die Unterhaltung erinnern. Das Ergebnis hing also allein von dessen Einschätzung über sich selbst und den Partner ab. Die Ergebnisse deckten sich dennoch weitgehend mit dem methodisch wertvolleren zweiten Teil der Studie.

Dafür baten die Wissenschaftler 252 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich vorher nicht oder nur flüchtig kannten, jeweils paarweise in einen Raum. Sie forderten die Probanden auf, sich zwischen einer Minute und 45 Minuten lang zu unterhalten. Anschließend befragten sie beide, zu welchem Zeitpunkt das Gespräch für sie jeweils gut hätte enden können. Oder wie viel länger sie selbst gern noch geredet hätten. Das Ergebnis: Fast die Hälfte aller Teilnehmer hätte sich ein um ein Viertel der Zeit längeres oder kürzeres Gespräch gewünscht, als es tatsächlich stattfand.

Aber was spielt es überhaupt für eine Rolle, ob Unterhaltungen länger oder kürzer dauern, als die einzelnen Gesprächspartner es sich wünschen? Was man leicht als kleine urmenschliche Verschrobenheit abtun könnte, ist global gesehen durchaus relevant. Die Frage ist, auf wie viel Gemeinschaft und Verbindung die Menschen weltweit jeden Tag wohl auch deshalb verzichten, weil es so schwierig ist, ein Gespräch stimmig zu beenden. "Soziale Interaktion ist kein Luxus", schreiben die Autoren im Schlusswort. "Sie ist entscheidend für das psychische Wohlbefinden, die körperliche Gesundheit und ein langes Leben ... Je mehr wir über Konversationen lernen, also darüber, wie sie beginnen und wie sie enden, wie sie gut laufen und verstummen, erfreuen und enttäuschen, desto mehr profitieren wir vom Nutzen dieser urmenschlichen Eigenschaft."

© SZ.de/nguy
Zur SZ-Startseite
The Neanderthal an extinct member of the Homo genus that is known from Pleistocene specimens found i

Menschheitsgeschichte
:Konnten Neandertaler sprechen?

Eine Analyse des Gehörs zeigt, dass die Frühmenschen zumindest die physiologischen Voraussetzungen dafür hatten.

Von Peter Strigl

Lesen Sie mehr zum Thema