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Katholische Kirche:Am toten Punkt

Der Papst hat das Anliegen von Kardinal Marx nicht verstanden. Oder er wollte es nicht verstehen.

Von Annette Zoch

Es hätte ein so mächtiges Zeichen sein können, so wichtig für die Kirche in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Ein hoher Kardinal und Erzbischof tritt zurück, weil er nicht nur persönliche, sondern auch institutionelle Verantwortung sieht, die Schuld des Systems Kirche insgesamt.

Doch Papst Franziskus hat die von Kardinal Reinhard Marx bewusst platzierten Spitzen gegen den höheren Klerus in reichlich Luftpolsterfolie eingewickelt. Der Antwortbrief an seinen "lieben Bruder" ist zwar sehr persönlich und drückt Franziskus' Wertschätzung für Marx in besonderer Weise aus. Doch der Brief zeigt auch, dass Franziskus das eigentliche Anliegen des Kardinals - nämlich eine Wiederauferstehung der Kirche vom "toten Punkt" aus, eine grundlegende Reform - nicht verstanden hat. Oder vielleicht verstanden hat, aber nicht akzeptieren will, weil er genau weiß, wie sehr dies die katholische Kirche ins Wanken brächte.

Im Kern ist dies ein typischer Franziskus-Brief, jeder kann herauslesen, was ihm gefällt. Die einen sehen die innerkatholischen Reformkräfte gestärkt. Die anderen können sagen: Seht, Gutachten und Schuldeingeständnisse sind gar nicht so entscheidend, wir sind halt alle Sünder.

Erstaunlich ist auch, dass Franziskus in der Causa Marx so schnell entschieden hat, bevor die Apostolische Visitation in Köln beendet und die Causa Woelki geklärt ist. Sind die Papst-Worte als Reform-Appell zu werten? Dies wird man erst wissen, wenn Franziskus auch über den Mitbruder am Rhein entschieden hat.

© SZ/kus
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